IPOs: 2026 wird zum Boomjahr der Blockbuster-Börsengänge

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Gleichzeitig wurde bekannt, dass OpenAI-Chef Sam Altman womöglich noch an diesem Freitag einen vertraulichen Börsenantrag stellen will. Das Initial Public Offering (IPO) des ChatGPT-Entwicklers könnte demnach im September erfolgen.

Viele Jahre lang mieden die heißesten Tech-Start-ups die Kapitalmärkte – und wuchsen dennoch zu den mächtigsten Konzernen der Welt heran. Nun drängen sie fast zeitgleich an die Börse.

Die angestrebten Bewertungen sind historisch: SpaceX peilt bis zu zwei Billionen Dollar an, das 107-Fache des Umsatzes von 2025.

Auch OpenAI könnte die Billionen-Marke knacken. Beide würden damit in die Gruppe der zehn wertvollsten US-Unternehmen aufsteigen und ein Vielfaches dessen einsammeln, was der bisher weltgrößte Börsengang von Saudi Aramco im Jahr 2019 erlöst hatte.

Das Vorpreschen könnte die Konkurrenz unter Druck setzen, ihre Börsenpläne ebenfalls vorzuziehen – allen voran den derzeit erfolgreichsten KI-Entwickler Anthropic. Experten warnen vor astronomischen Bewertungen und entsprechend hohen Risiken. Auch könnte der Boom der Mega-IPOs die Kapitalmärkte an den Rand ihrer Aufnahmefähigkeit bringen.

Raumfahrt beflügelt die Fantasie der Investoren

Dass SpaceX und OpenAI gerade jetzt an die Börse drängen, ist kein Zufall. Das Börsenumfeld ist günstig: Die US-Technologiebörse Nasdaq hat auf Sicht von zwölf Monaten um knapp 40 Prozent zugelegt – allen geopolitischen Krisen zum Trotz.

Das Investoreninteresse dürfte groß sein, erwartet Philipp Süß, Leiter Equity Capital Markets in Deutschland und Österreich bei der US-Investmentbank Goldman Sachs. Er sagt: „Die Themen Raumfahrt und KI, insbesondere auch in Verbindung mit Rüstung und industrieller Fertigung, werden weiter an Bedeutung gewinnen.“ Gleichzeitig gebe es bislang nur wenige Investitionsmöglichkeiten in diesem Bereich an den öffentlichen Kapitalmärkten.

Doch auch für die Konzerne dürfte sich der Schritt an die Börse lohnen, erwartet der Goldman-Banker. Er sagt: „Technologisch haben die Unternehmen in diesen Zukunftsfeldern große Fortschritte gemacht. Doch der Finanzierungsbedarf ist nach wie vor sehr groß. Genau für diesen Fall ist die Börse da.“ Daher sei jetzt der richtige Zeitpunkt für diese Firmen, sich über den Kapitalmarkt zu finanzieren.

Ähnlich sieht das auch der unabhängige Kapitalmarktberater Ed Yardeni. Der SpaceX-Börsengang könnte „extrem gut“ über die Bühne gehen, erwartet er. Anlagestratege Matt Kennedy vom US-Analysehaus Renaissance rechnet ebenfalls mit regem Anlegerinteresse an der Emission.

„Kaum etwas beflügelt die Fantasie der Öffentlichkeit so sehr wie die Raumfahrt. SpaceX wird sich als ein generationenübergreifendes Investment präsentieren – ein Unternehmen mit einer langfristigen Vision, an der sich Anleger 20, 30 oder mehr Jahre festhalten können.“

Die „Jagd auf das goldende Börenticket“ ist eröffnet

Die KI-Revolution regt die Fantasie der Anleger mindestens so stark an, wie die furiose Rally der Nvidia-Aktie zeigt. Entsprechend groß dürfte auch das Interesse an einem Börsengang von OpenAI sein.

Schnelligkeit ist dabei ein Vorteil, sagt Adrian Cox, Aktienstratege bei der Deutschen Bank. „Es wird einen Wettlauf darum geben, das Anlegerinteresse an einem Engagement in Pure-Play-KI-Unternehmen optimal zu nutzen.“

Das setzt den größten Konkurrenten unter Zugzwang, ist Martin Geißler von der Beratung Argon in München überzeugt: „Anthropic wird kaum passiv bleiben können.“ Er geht davon aus, dass das Unternehmen versuchen werde, den eigenen IPO-Prozess ebenfalls zu beschleunigen. Er sagt: „Es würde mich nicht wundern, wenn hier bald ein Börsengang, etwa noch im August, angekündigt wird.“

Geißler unterstreicht: „Spätestens jetzt ist die Jagd auf die goldenen Tickets des Börsenjahres 2026 eröffnet.“ Damit könnte 2026 gemessen am Volumen zum größten IPO-Jahr der Geschichte werden. „Das ist kein normales IPO-Rennen mehr, sondern ein Dreikampf um Kapital, Rechenkapazität und Deutungshoheit – und vielleicht auch längst Teil einer persönlichen Fehde zwischen Tech-Milliardären“, sagt Geißler.

Auch ohne die Mega-Börsengänge ist der Markt für Aktienemissionen stark angelaufen. Daten des Analysehauses Dealogic zufolge platzierten bis Ende April weltweit rund 360 Firmen erstmals Aktien an der Börse mit einem Gesamtvolumen von 60 Milliarden Dollar. Das ist der höchste Wert in diesem Zeitraum seit 2022.

Börsenvolumen so groß wie seit 2021 nicht mehr

Rechnet man Emissionen von bereits gelisteten Unternehmen sowie Wandelanleihen mit ein, beträgt das Deal-Volumen im laufenden Jahr rund 275 Milliarden Dollar – so viel wie seit 2021 nicht. Die Dealogic-Zahlen verdeutlichen jedoch vor allem eines: wie gigantisch die geplanten Börsengänge von SpaceX und OpenAI­ in Relation zu allen bisher bekannten Transaktionen ausfallen.

SpaceX könnte bis zu 80 Milliarden Dollar erlösen – zu einer Bewertung von bis zu 1,75 Billionen Dollar. Der von Elon Musk geführte Raumfahrtkonzern könnte schlagartig zu einem der zehn größten US-Unternehmen nach Marktkapitalisierung aufsteigen.

Anfang Mai, als SpaceX die ebenfalls von Musk kontrollierte Firma xAI übernahm, kam das Unternehmen noch auf eine Bewertung von 1,25 Billionen Dollar. Die nun angestrebte Bewertung wäre extrem hoch – und liegt beim bis zu 140-Fachen des Umsatzes 2025.

Raumfahrtfirma

Börsenprospekt vorgelegt – SpaceX enthüllt Geschäftszahlen

Dabei schreibt SpaceX seit Jahren milliardenschwere Verluste, wie aus den nun bei der Börsenaufsicht eingereichten Dokumenten hervorgeht. Demnach betrug der Verlust 2025 4,94 Milliarden Dollar bei einem Umsatz von 18,67 Milliarden Dollar (rund 16 Milliarden Euro). Mehr noch: Die Verluste nehmen zu. Im ersten Quartal 2026 verzeichnete SpaceX bei einem Umsatz von 4,7 Milliarden Dollar einen Verlust von 4,3 Milliarden Dollar, fast so viel wie im Jahr 2025.

Das Startgeschäft mit der Falcon-Rakete erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 4,1 Milliarden Dollar, ist jedoch unrentabel. Das hochprofitable Satellitengeschäft Starlink setzte 11,4 Milliarden Dollar um.

Hinzu kommt: Die xAI genannte Sparte rund um Künstliche Intelligenz (KI) verbrennt enorme Summen für den Aufbau von Rechenzentren. xAI erzielte 2025 einen Umsatz von 3,2 Milliarden Dollar. Zugleich floss weit mehr als die Hälfte der Gesamtinvestitionen von 20,7 Milliarden Dollar in diesen Bereich.

Starlink soll bei SpaceX für Gewinne sorgen

Die hohen Verluste von SpaceX dürften das Investoreninteresse jedoch kaum bremsen, sagte Börsenexperte Jay Ritter von der Universität Florida dem Handelsblatt. Viele Tech-Konzerne hätten nach frühen Verlustjahren bewiesen, „dass man Märkte dominieren und trotz Wettbewerb sehr hohe Gewinne erzielen kann“. Dazu zählen Apple und der Chipentwickler Nvidia.

Den wichtigsten Wachstumstreiber von SpaceX sieht er in Starlink, dem Satelliteninternet-Geschäft von SpaceX: Sinkende Startkosten könnten es ermöglichen, einen Internetzugang günstiger anzubieten als traditionelle Anbieter mit ihren Glasfasernetzen. „Das wäre ein potenziell riesiger globaler Telekommunikationsmarkt“, sagt Ritter.

Zugleich warnt er: Bei einer Bewertung von mehr als 1,5 Billionen Dollar sei das Kurspotenzial begrenzt. „Je höher die Startbewertung, desto begrenzter ist selbst bei optimalem Verlauf das Renditepotenzial. Bei so hohen Bewertungen beim Börsengang kann viel schiefgehen.“ Er unterstreicht: Nicht jedes großartige Unternehmen sei automatisch auch ein großartiges Investment.

Man mag ihn lieben oder hassen – langweilig ist Musk ganz sicher nicht. Aswath DamodaranFinanzprofessor

Doch Musk wäre nicht Musk, wenn er nicht auch eine aus heutiger Sicht utopisch erscheinende Langfristvision darlegt, um die hohe Bewertung zu rechtfertigen. Als mögliche Projekte nannte er den Abbau von Rohstoffen auf Asteroiden und die Energieerzeugung auf dem Mond.

Die Notwendigkeit von Reisen zu anderen Planeten begründete er mit den Worten: „Wir wollen nicht, dass die Menschheit das gleiche Schicksal erleidet wie die Dinosaurier.“

„Man mag ihn lieben oder hassen – langweilig ist Musk ganz sicher nicht“, sagte Finanzprofessor Aswath Damodaran von der Stern School of Business der New York University. Seine Fähigkeit, auf den ersten Blick abwegig erscheinende Pläne zu verwirklichen, erkläre einen Großteil der Faszination von SpaceX. Ein Börsenkürzel hat sich SpaceX bereits ausgesucht: „SPCX“. Weitere Details wie die Zahl der Aktien und die Preisspanne sollen erst gut eine Woche vor dem Börsengang festgelegt werden, voraussichtlich am 12. Juni.

Schließt sich das Zeitfenster für KI-Börsengänge?

Große Ambitionen – und hohe Risiken – verspricht auch der geplante Börsengang von OpenAI. In einer kürzlich abgeschlossenen Finanzierungsrunde wurde OpenAI mit 852 Milliarden Dollar bewertet. Bei einem Börsengang könnte Chef Sam Altman­­ eine Billionenbewertung anstreben, womit OpenAI ebenfalls auf Anhieb in die Gruppe der zehn wertvollsten US-Unternehmen aufsteigen könnte.

Die jüngsten Nachrichten rund um einen schnellen Gang aufs Parkett folgen auf einen Sieg von OpenAI vor Gericht: Am Montag hat eine Jury in Oakland geurteilt, dass der Milliardär Musk keine Ansprüche gegen das Start-up hat, das er einst mitbegründet hatte. Die Nachrichten rund um den Börsengang werden im Silicon Valley genau verfolgt.

Das zuständige Team bei OpenAI arbeitet weitgehend abgeschottet vom Rest des Unternehmens. Im Interview hat die neue Vertriebschefin Denise Dresser erst vor wenigen Tagen eine Stellungnahme zu den Plänen abgelehnt.

Aktie

Termin, Bewertung, Aktionärsstruktur: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum SpaceX-Börsengang

In der Tech-Branche geht die Sorge um, dass sich das Zeitfenster für KI-Börsengänge und -Finanzierungsrunden bald schließen könnte. Entsprechend steigt der Druck auf OpenAI­, den Gang aufs Parkett vorzuziehen. Ursprünglich sei darüber spekuliert worden, dass ein möglicher Schritt erst später im Jahr konkret werden könnte, sagt Ritter. Angesichts der großen Begeisterung der Investoren für KI-Firmen ergebe es aber Sinn, den Prozess schon jetzt anzustoßen.

Auch Argon-Experte Geißler war eigentlich von einem späteren Börsengang ausgegangen. Er schätzt die Marktreife von OpenAI auch aktuell unzureichend für ein IPO ein. „Ein Börsengang bereits im September wäre aus meiner Sicht ausgesprochen mutig“, sagt er.

Anthropic steht vor einem IPO

Noch im vergangenen November hatte OpenAI-Finanzchefin Sarah Friar gesagt, dass ein Börsengang derzeit nicht zur Debatte stehe. Der Schritt sei dennoch nicht irrational, sondern eine Reaktion auf die immer steigenden Kapitalbedarfe im Kampf um den KI-Thron, sagt Geißler. Frisches Kapital sei gerade für OpenAI, das deutlich weniger Cashflow aus dem laufenden Geschäft ziehen könne, immer nötiger.

Zuletzt hatte der Erzrivale Anthropic mit starkem Wachstum von sich reden gemacht – und könnte bei der Bewertung an OpenAI vorbeiziehen. Im Gespräch ist eine neue Finanzierungsrunde zu einer Bewertung von 900 Milliarden Dollar. Anthropic plant laut Insidern einen Börsengang für die zweite Jahreshälfte.

Künstliche Intelligenz

OpenAI strebt offenbar Börsengang im September an

Sicher ist: Die Investoren werden die Prospekte von OpenAI und Co. aufmerksam studieren. Deutsche-Bank-Stratege Cox mahnt: „Es bleibt abzuwarten, wie die Börsen OpenAI und seine Mitbewerber bewerten werden, sobald diese ihre Finanzberichte der öffentlichen Prüfung unterziehen und die noch wenig verstandenen wirtschaftlichen Zusammenhänge ihrer Geschäftsmodelle erläutern.“

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Zudem gibt es Cox zufolge Bedenken, ob der Markt die bevorstehenden Hunderte Milliarden Dollar schweren Neuemissionen überhaupt aufnehmen kann.

Kapitalmarktexperte Yardeni sagt, es sei möglich, dass SpaceX und OpenAI Geld aus anderen Aktien abzögen, damit Investoren Mittel für die neuen und hoch bewerteten Papiere in ihren Portfolios frei machen. Das sei jedoch nicht zwingend gegeben: „Es ist durchaus möglich, dass die Wall Street die Börsengänge absorbiert, ohne den Gesamtmarkt zu stören. Schließlich gibt es weltweit viel Vermögen und viel Kapital auf der Welt.“

Und auch Goldman-Banker Süß ist überzeugt: „Der öffentliche Kapitalmarkt ist eher als der Privatmarkt in der Lage, solch hohe Emissionsvolumen zu absorbieren.“

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