Im Interview mit dem Handelsblatt sagt die Anleihechefin des Fondshauses Franklin Templeton, die für Anlagen im Wert von 307 Milliarden Dollar verantwortlich ist: „Trump konnte Druck ausüben, bevor er Warsh ernannt hat. Doch jetzt ist Warsh mindestens vier Jahre im Amt, und daran kann Trump nichts ändern.“
Zudem sei Warsh „der erste Fed-Chef seit Paul Volcker in den 1980er-Jahren, der für eine eher straffe Geldpolitik steht“. Lang laufende Anleihen in den USA und in Europa hält Desai trotz des jüngsten Renditeanstiegs noch nicht für angemessen bewertet. Außerdem verrät sie, wo ihrer Meinung nach die größten Gefahren für die Märkte lauern.
Lesen Sie hier das Interview mit Sonal Desai:
Frau Desai, seit Beginn des Irankriegs fallen die Kurse an den Anleihemärkten weltweit, und die Renditen steigen deutlich. Sind zehnjährige US-Staatsanleihen bei einer Rendite von 4,6 Prozent jetzt interessant?
Sie sind attraktiver als zu Beginn des Jahres, und wir schauen sie uns jetzt genauer an. Aber wir sehen noch keine zwingende Kaufgelegenheit. Fair bewertet wären zehnjährige Anleiherenditen bei Renditen von 4,75 bis fünf Prozent. Investoren brauchen noch mehr Ausgleich für die Inflation, für das steigende US-Haushaltsdefizit und dafür, dass die US-Leitzinsen niedriger sind, als sie sein sollten.
Heißt dies, dass Sie für Leitzinserhöhungen der US-Notenbank Fed plädieren?
Theoretisch ja. Die Geldpolitik ist bei den aktuellen Zinsen von 3,75 Prozent am oberen Rand noch moderat expansiv, unterstützt also das Wirtschaftswachstum. Die Fed sieht das anders, aber: Um die Inflation einzudämmen, müssten die Zinsen höher sein. Mit dem aktuellen Zinsniveau wird es lange dauern, bis die Inflation wieder sinkt.
Sonal Desai
Sonal Desai ist Chefanlagestrategin für Anleihen bei Franklin Templeton. Sie leitet das Fixed-Income-Team, das ein Vermögen von 307 Milliarden Dollar verwaltet. Bei Franklin Templeton ist die promovierte Volkswirtin mit indischen Wurzeln seit 2009. Zuvor war sie unter anderem sechs Jahre beim Internationalen Währungsfonds (IWF).
Franklin Templeton gehört mit einem verwalteten Vermögen von rund 1,7 Billionen Dollar zu den weltweit größten Asset-Managern. Das US-Fondshaus wuchs in den vergangenen Jahrzehnten durch eine Reihe von Übernahmen. Franklin Templeton bietet aktiv verwaltete Fonds und ETFs für nahezu alle Anlageklassen an.
Was erwarten Sie konkret von der Fed?
Sie wird aller Voraussicht nach abwarten und schauen, ob der Inflationsanstieg vor allem durch den Ölpreisschock bedingt ist. Wir erwarten, dass die Inflation in diesem Jahr eher in Richtung vier Prozent als in Richtung drei Prozent gehen wird. Je länger die Störungen anhalten, desto höher kann sie ausfallen. Falls der Irankrieg länger dauert und wir als Folge der steigenden Energiepreise steigende Löhne und dann wiederum steigende Güterpreise sehen, wird die Fed die Zinsen erhöhen müssen. Aber dafür hat sie noch einige Monate Zeit.
Mit Zinssenkungen rechnen Sie also nicht?
Nein, ich denke nicht, dass die Fed die Zinsen senken kann. Auch der Markt hat die Möglichkeit von in diesem Jahr sinkenden Zinsen weitgehend ausgepreist. Die Fed und ihr neuer Vorsitzender Kevin Warsh haben damit einen Freifahrtschein.

US-Präsident Trump: „Trump mag reden, aber das ist irrelevant“, sagt Sonal Desai. Foto: AP Photo/Jacquelyn Martin
US-Präsident Donald Trump sieht das anders und plädiert nach wie vor für Zinssenkungen …
Trump mag reden, aber das ist irrelevant. Trump konnte Druck ausüben, bevor er Warsh ernannt hat. Doch jetzt ist Warsh mindestens vier Jahre im Amt, und daran kann Trump nichts ändern.
Was unterscheidet Warsh von seinen Vorgängern?
Er ist der erste Fed-Chef seit Paul Volcker in den 1980er-Jahren, der für eine eher straffe Geldpolitik steht und von daher zum sogenannten Lager der Falken zählt. Das unterschätzen viele Investoren. Warsh ist der erste Fed-Vorsitzende, der öffentlich gesagt hat, dass die Ausweitung der Bilanz, also das Kaufen von US-Staatsanleihen, keine angemessene Politik für eine Zentralbank ist. Ich gehe davon aus, dass die Fed auf lange Sicht ihre Bilanz wieder verkleinern, also die Anleihebestände abbauen wird.

Geldanlage
Anleiherenditen auf 15‑Jahres-Hoch – Chance oder Risiko?
Warsh wird also andere Schwerpunkte setzen?
Ich denke ja. Die Fed hat ein duales Mandat, das heißt, sie soll mit ihrer Geldpolitik gleichzeitig für Preisstabilität und einen stabilen Arbeitsmarkt sorgen. In den vergangenen 40 Jahren war das Arbeitsmarktmandat für jeden Fed-Vorsitzenden wichtiger. Der Fokus auf den Arbeitsmarkt liegt gewissermaßen in der DNA der Fed. Das könnte sich unter Warsh mit seiner eher falkenhaften Einstellung ändern.
Warsh hat bereits angedeutet, dass er wenig davon hält, den Märkten zu weit im Voraus zu signalisieren, wie die künftige Geldpolitik aussieht. Die Fed würde damit unberechenbarer. Ist das ein Problem?
Ich denke nicht. In den vergangenen Jahren war das Problem eher, dass die Fed den Märkten folgte, also die Erwartungen der Investoren erfüllte. Die Fed sollte die Märkte aber führen, nicht ihnen folgen. Eine Veränderung in diese Richtung würde ich begrüßen.
Ich sehe nicht, dass die US-Regierung versuchen wird, eine Schuldenumstrukturierung zu erzwingen.
Sie vertrauen also auf die Fed?
Ich habe generell noch Vertrauen in die Institutionen der USA. Sie werden von der Regierung herausgefordert, aber ich halte sie nicht für geschwächt. Das gilt nicht nur für die Fed. Bundesgerichte zum Beispiel haben mehrfach Trumps präsidiale Erlasse gestoppt, und der Oberste Gerichtshof hat den Großteil der von Trump verhängten weltweiten Zölle für rechtswidrig erklärt.

US-Notenbank
Der große Machtwechsel bei der Fed: Was sich unter Warsh ändert
Das alles gibt mir eine gewisse Sicherheit. Es gibt aber immer wieder beunruhigende Vorstöße. Trumps ehemaliger Berater und aktueller Fed-Gouverneur Stephen Miran hat den sogenannten Mar-a-Lago-Akkord ins Spiel gebracht, wonach ausländische Investoren gezwungen werden könnten, ihre Staatsanleihen in sehr lang laufende niedrig verzinste Papiere zu tauschen. Macht Ihnen so etwas keine Sorgen?
Nein. Es gibt immer wieder mal Menschen mit verrückten Ideen. Ich sehe nicht, dass die US-Regierung versuchen wird, eine Schuldenumstrukturierung zu erzwingen. Und selbst wenn: Ob sie damit durchkäme, steht auf einem ganz anderen Blatt. Auch hier vertraue ich auf die Institutionen.
Wenn die US-Wirtschaft weniger wächst, geraten die USA in eine Zwangslage.
Sie klingen sehr gelassen. Was ist mit der US-Verschuldung, bereitet die Ihnen Sorgen?
Sie könnte tatsächlich zum Problem werden. Das Haushaltsdefizit von rund sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ist gewissermaßen die Achillesferse der US-Wirtschaft. Noch reicht das nominale BIP-Wachstum aus, um den Anstieg der Schuldenquote zu bremsen. Aber: Wenn die US-Wirtschaft weniger wächst, geraten die USA in eine Zwangslage, weil das Haushaltsdefizit dann so stark steigt, dass Investoren noch einmal deutlich höhere Renditen für US-Anleihen verlangen würden.
Denken Sie, dass es so weit kommt?
Nein, denn das können weder die US-Regierung noch die Opposition wollen. Deshalb müssen beide Seiten politisch zusammenarbeiten. Das bedeutet: Mittelfristig müssen die Steuern erhöht und die Staatsausgaben gesenkt werden. Man kann nicht dauerhaft die Ausgaben erhöhen, ohne eine nachhaltige Finanzierung zu sichern.

Schiffe in der Straße von Hormus: Gestiegene Energiepreise infolge des Irankriegs haben direkte Auwirkungen auf die Wirtschaft. Foto: Altaf Qadri/AP/dpa
Welches Renditeniveau bei zehnjährigen US-Staatsanleihen wäre kritisch für die US-Wirtschaft?
Das ist schwer zu sagen. Ab sechs Prozent könnte es schwierig werden. Es kommt darauf an, ob dieser Anstieg sprunghaft oder graduell passiert.
Warum?
Mit einem langsamen Renditeanstieg können Unternehmen besser umgehen. Deren Finanzierungskosten werden von den Renditen der Staatsanleihen mitbestimmt. In den vergangenen Jahren konnten sich aber selbst Unternehmen mit schwacher Bonität gut zu den gestiegenen Renditen finanzieren. Und das, obwohl die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen seither von unter drei Prozent auf das aktuelle Niveau gestiegen ist.
In Europa sind die Anleiherenditen ebenfalls deutlich gestiegen. Zehnjährige deutsche Bundesanleihen rentierten zeitweise mit knapp 3,2 Prozent auf dem höchsten Stand seit 15 Jahren. Würden Sie hier zugreifen?
Länger laufende Anleihen aus Deutschland oder auch aus Spanien sehen langsam wieder attraktiver aus, aber auch hier sehe ich noch kein eindeutiges Kaufsignal. Die Haushaltsdefizite sind wesentlich geringer als in den USA, aber dafür ist das Wachstum schwächer. Und die Haushaltsdefizite werden steigen, wenn der Irankrieg länger andauert.
Was macht Sie da so sicher?
Europa ist viel mehr auf Rohstoffimporte angewiesen, insofern haben die gestiegenen Energiepreise direkte Auswirkungen auf die Wirtschaft. Das gilt umso mehr, weil die energieintensive Industrie in Europa einen größeren Anteil am Wirtschaftswachstum hat. In Deutschland zum Beispiel entfallen darauf etwa 20 Prozent und damit doppelt so viel wie auf die USA. Das führt zu geringeren Steuereinnahmen bei gleichzeitig höheren Ausgaben für Entlastungspakete wie den Tankrabatt.
EZB-Chefin Christine Lagarde hat deutlich gemacht, dass die Europäische Zentralbank angesichts der gestiegenen Inflation nicht weit von einer Zinsanhebung entfernt ist. Wann rechnen Sie damit?
Es könnte schon bei der nächsten EZB-Sitzung am 11. Juni so weit sein.
Damit würde die EZB schneller als die Fed auf den Inflationsanstieg reagieren. Ein sinnvoller Schritt?
Im Prinzip ja, aber die EZB darf es nicht übertreiben. Wir haben über die DNA der Fed gesprochen, die ihr Mandat mit Blick auf den Arbeitsmarkt im Vergleich zu ihrem Mandat der Preisstabilität übergewichtet. Die EZB hat kein duales Mandat, bei ihr geht es um die Preisstabilität, daher ist sie eher auf eine straffere Geldpolitik ausgerichtet. Ihre DNA ist sozusagen falkenhaft.
Verwandte Themen
Fed
Donald Trump
EZB
USA
Europa
DeutschlandDas heißt?
Wenn ich über Fehler der Fed nachdenke, würde ich sagen, dass die Fed dazu neigt, die Leitzinsen zu spät zu erhöhen. Bei der EZB ist es umgekehrt, ihre Fehler kommen typischerweise eher von der falkenhaften Seite: Sie erhöht die Zinsen, wenn es noch gar nicht sein muss, und dämpft so die Wirtschaft.
Nach der Coronapandemie hat aber auch die EZB mit Zinserhöhungen viel zu lange gewartet …
Das haben damals alle Notenbanken gemacht, und dieser Fehler wird sich wohl auch nicht wiederholen. Weder die EZB noch die Fed werden zulassen, dass die Inflationsraten wieder so aus dem Ruder laufen wie zu Zeiten von Covid.
Frau Desai, vielen Dank für das Interview.

vor 1 Stunde
2








English (US) ·