„Inspector Ikmen“ im ZDF: Die türkische Polizei als Hort der Guten und Gerechten?

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Woran erkennt man, dass ein Verdächtiger spielsüchtig ist? Daran, dass im Büroschrank ein einzelner Spielbank-Jeton herumliegt. Wie bekommt man den kaltblütigsten Drogenhändler der Stadt dazu, der Polizei wertvolle Dienste zu erweisen? Indem der Inspektor ihm fest in die Augen blickt und droht, ihn sonst bis in seine Träume zu verfolgen: „Für immer. Ich werde mein Leben damit verbringen, Ihres zu zerstören.“ Da schlottern dem Gangster die Knie.

Auch in einer bildgewaltigen amerikanisch-britisch-türkischen Hochglanzproduktion geht es also mitunter zu wie in einem deutschen Fernsehkrimi der wenig subtilen Sorte. Die 2023 für Paramount+ produzierte, dann weiterverkaufte Serie „Inspector Ikmen – Tod in Istanbul“ (im Original: „The Turkish Detective“), die das ZDF nun als deutsche Free-TV-Premiere zeigt, weist auch ästhetisch manche Überschneidung mit der von 2008 bis 2021 laufenden Krimireihe „Mordkommission Istanbul“ auf. In beiden Fällen scheint das Stadtmarketing ebenso wichtig zu sein wie die Kriminalfälle, auch wenn die neuere Serie mehr Wert auf einen horizontalen Erzählbogen und die persönliche Ebene der Figuren legt.

Istanbul, in warmes Licht getaucht

Das in warme Farben getauchte Istanbul erscheint als berückend schöne Metropole auf der Grenze der Kontinente, als Verschmelzung von Orient und Okzident. Moderner westlicher Lebensstil trifft auf eine uralte Gesellschaftsstruktur – daraus lässt sich auch in krimitechnischer Hinsicht Honig saugen. Gleich in der ersten Episode wird beispielsweise eine junge Frau ermordet aufgefunden, die als Influencerin gegen die Werte der Familie verstieß. Auch ansonsten spielen die Ehre und das Dynastische oft eine Rolle.

Gegen einen Fokus aufs Private ist nichts zu sagen. Die Dimension des Politischen aber ganz außen vor zu lassen, ist ungehörig. Schon die „Mordkommission Istanbul“ in der ARD (2008 bis 2021) sah sich angesichts der Repressionen des autokratischen Systems von Recep Tayyip Erdoğan dem Vorwurf ausgesetzt, ein schönfärberisches Bild der Türkei zu zeichnen. Das könnte mit zur Einstellung beigetragen haben. „Inspector Ikmen“ färbt sehr ähnlich ein. Ansonsten wären die Koproduktion und Ausstrahlung in der Türkei wohl kaum möglich gewesen.

Die Schurken wirken wie die Parodien ihrer selbst

Die Serie fußt locker auf der Romanreihe der auch als „Donna Leon von Istanbul“ vermarkteten britischen Krimiautorin Barbara Nadel. Adaptiert hat die Bücher der britische Drehbuchautor Ben Schiffer. Die oft stinkreichen Schurken wirken wie Parodien ihrer selbst. Sie leben in mondänen Palästen, leiden an ihrem Reichtum, aber kennen keine Grenzen. Dass mehrere Taten psychologisch eigentümlich motiviert sind (Erlösungsphantasien, Rache für erlittenes Unrecht), mag sich dem Umstand verdanken, dass Nadel als Psychologin gearbeitet hat. Der Kriminalfälle wegen wird man „Inspector Ikmen“ aber ohnehin nicht ansehen; der Reiz der Serie liegt im Zusammenspiel der drei Protagonisten und ihrer persönlichen Kämpfe.

dpa

Auch da setzt die Serie auf Bewährtes. Im Zentrum steht ein kettenrauchender, bärbeißiger, charismatischer Kommissar, eben Çetin Ikmen, der mit den Familienpflichten hadert (das vierte Kind ist unterwegs; in den Romanvorlagen ist es sogar das neunte). Der türkische Schauspieler Haluk Bilginer interpretiert die Rolle vortrefflich.

Unterstützt wird Ikmen von der klugen, hübschen, mit ihrem Liebesleben hadernden Mitarbeiterin Ayşe Farsakoğlu (Yasemin Kay Allen). Sie versucht unablässig, sich zu beweisen, entkommt aber dem Schatten des Chefs nicht. Mehmet Suleyman (Ethan Kai), ein Neuzugang aus London, der in Istanbul geboren wurde, aber die Regeln dieser Stadt nicht kennt, komplettiert das Team. Er hat eine ganz eigene Mission, will den Mordversuch an einer Freundin aufklären, tritt aber in jedes Fettnäpfchen und wird ständig von Ikmen vorgeführt.

Das alles ist Dramaturgie von gestern, leicht modernisiert in Dialog, Stil, Musik und Witz. Dass viel Türkisch gesprochen wird, dient der Authentizität. Die Regie von Lynsey Miller, Nisan Dag und Niels Arden Oplev bleibt nah an den Hauptfiguren und setzt zugleich Istanbul elegant in Szene, die Wahrzeichen von der Hagia Sophia und der Blauen Moschee über den Großen Basar, den Topkapi-Palast und den Galataturm bis zu den Brücken der Stadt.

„Inspector Ikmen“ ist Krimi-Eskapismus pur, bei dem die Guten gewinnen. Dass hier ausgerechnet eine regimenahe Institution in diesem autoritär geführten Staat als Hort des Guten und der Gerechtigkeit idealisiert wird, wirkt irritierend falsch. Amnesty International wirft der türkischen Polizei, die täglich gegen die Opposition vorgeht, Menschenrechtsverletzungen, exzessive Misshandlungen und Folter vor. Auch Bülent Mumay beschreibt in seiner Kolumne „Brief aus Istanbul“ in der F.A.Z. die türkischen Sicherheitskräfte immer wieder als Erfüllungsgehilfen des Regimes. Opfer von Polizeigewalt gibt es viele.

Nadel sagt in Interviews, sie habe das Politische lange bewusst ignoriert, versuche es seit 2016 aber in kleinen Dosen in ihre Plots einzurühren. Doch diese sind so winzig, dass sie die offen vertretene Absicht Nadels, ihre Istanbul-Krimis mögen die touristische Sehnsucht nach dieser von ihr geliebten Stadt wecken, nie gefährden. Die Serie hätte die Chance gehabt, das Politische durch die Hintertür hineinzubringen. Die Chance wurde vertan.

Inspector Ikmen – Tod in Istanbul läuft an den kommenden vier Sonntagen von 22.15 Uhr an in Doppelfolgen im ZDF.

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