Er spielte seine Gitarre zumeist langsam, mit einer aufreizenden Trägheit, um einen warmen, fast schwirrenden Klangteppich zu erzeugen: Der 2015 im Alter von neunundachtzig Jahren verstorbene B. B. King gilt als einer der größten Stilisten des Blues. Anstelle immer neuer Geschwindigkeitsrekorde auf dem Griffbrett, wie sie Eddie Van Halen mit einer ganzen Armada von Rockgitarristen in den Achtzigern aufstellte, arbeitete B. B. King lebenslang in einem ganz anderen Universum. Eine einzige Note, richtig platziert, der Spannungsbogen einer einzelnen Phrase – all das konnte bei ihm mehr ausdrücken als hochgezüchtete Virtuosität. Eben diese Ökonomie des „Weniger ist mehr“ definierte für ihn wahre Meisterschaft.
Neben seinem sprichwörtlich mürben Phrasierungsstil war es vor allem das „Butterfly“-Vibrato, das seinen unnachahmlichen Personalstil definierte. Er hatte es sich einst von einem Slide-Gitarristen abgeschaut. Obwohl er nie lernen sollte, einer Lap-Steel-Gitarre ihr charakteristisches Wimmern zu entlocken, gelang ihm der Effekt allein mit seinen dicken, auf den Baumwollfeldern erprobten Fingern: „Ich bewege mein Handgelenk aus dem Ellenbogen hin und her, und damit dehne ich die Saiten, hebe und senke die Tonhöhe rhythmisch. Die anderen Finger sind ausgestreckt, und so macht meine ganze Hand eine flatternde Bewegung, ein bisschen wie bei einem Schmetterling“ – wie ihn sein Biograph Daniel de Visé zitiert.
Lucille sprach direkt zu ihm
Während andere Vibrato-Experten wie Lonnie Johnson oder T-Bone Walker ihrer Gitarre das Singen beibrachten, brachte B. B. King seine liebevoll „Lucille“ genannte Gibson ES-355 zum Weinen. Mit kontrolliertem Feedback konnte er sogar das Jammern der Saiten hinauszögern. Er sprach zu „Lucille“, tröstete sie, und „Lucille“ sprach direkt zu ihm. Nur in diesem intimen Dialog fand B. B. King zu jener inneren Gelassenheit, die sein Spiel prägte. „Wenn ich ein Solo spiele, höre ich mich durch die Gitarre singen.“

Die Messlatte liegt also hoch, wenn man dem passionierten Bluesbotschafter King ein Denkmal setzen will. Joe Bonamassa hat sich jetzt mit seinem Ko-Produzenten Josh Smith der Herausforderung gestellt. Mag vielleicht mancher Leser zunächst reflexhaft mit einem „Oh Gott, nicht schon wieder ein neues Bonamassa-Album!“ reagieren, so muss man dem Bluestausendsassa und Vielveröffentlicher attestieren, mit dem Tributealbum „B. B. King’s Blues Summit 100“ einen grandiosen Job gemacht zu haben.
Ein Who is Who der Bluesszene
In neunmonatiger Vorbereitungszeit ist es ihm gelungen, für die zweiunddreißig Neuinterpretationen von King-Klassikern mehr als fünfzig Künstler zu verpflichten. Bonamassa ging es nicht zuletzt darum, der oft unterschätzten Gesangsstimme von King zu huldigen: „Mit seiner Bruststimme konnte der den Boden zum Beben bringen.“ Und so liest sich die Besetzungsliste wie ein Who’s who der zeitgenössischen Bluesszene.
Als Bonamassa merkte, dass anlässlich des 100. Geburtstags von B. B. King im vergangenen Jahr keiner der üblichen Verdächtigen Anstalten machte, den „Beale Street Blues Boy“ mit einer musikalischen Hommage zu würdigen, ergriff er selbst die Initiative. Im Alter von zwölf Jahren war er King zum ersten Mal begegnet und durfte als unbekannter Bluesjünger auf dem alljährlichen „Lilac Festival“ in Rochester, New York, gleich als Vorgruppe der umjubelten Ikone auftreten. Heute bezeichnet Bonamassa King als seinen wichtigsten Mentor, der seinen musikalischen Weg vorgezeichnet habe.
Eine fast soulige Dimension
Das können auch viele andere Gitarristen von sich behaupten – wie beispielsweise Eric Clapton. King war ihm lebenslanges Vorbild. 1967 zu Cream-Zeiten hatte er zum ersten Mal im New Yorker Cafe Au Go Go mit ihm gejammt. Dreiunddreißig Jahre später waren die beiden dann auf dem Album „Riding with the King“ wiedervereint, denn King schätzte den neunzehn Jahre jüngeren Bluesadepten aus England über alle Maßen. Jetzt wagt sich Clapton an Kings Paradenummer „The Thrill Is Gone“.
Der Klassiker von 1970 erfordert nicht nur technische Finessen, sondern auch Respekt vor seinem historischen Gewicht. Clapton wird beidem gerecht: Seine butterweichen Bendings in den oberen Griffbrettlagen ganz im Idiom von B. B. King, sein schwereloses Gleiten über die Saiten – all das macht diese Neufassung zum heimlichen Höhepunkt von Bonamassas Tributeprojekt. Als Sängerin verleiht Chaka Khan – sie wollte nur mitmachen, wenn auch Clapton zusagte – dem Stück eine fast soulige Dimension. Schon mit ihrer ersten Note macht sie es zu ihrem eigenen, ganz persönlichen Bekenntnis.
Ein schlimmer Fall von Liebe
Während der erst neunundzwanzigjährige Marcus King mit „Paying The Cost To Be The Boss“ seine Ausnahmestellung unter den Bluesyoungstern bestätigt, ist für Kenny Wayne Shepherd die Botschaft des Titels „Let The Good Times Roll“ röhrendes Programm. Die junge britische Bluesgitarristin Joanne Shaw Taylor liefert dagegen mit „Bad Case Of Love“ eine bezwingende Rock-’n’-Roll-Variante – ganz im Stil einer altersweisen „Black Mama“.

Hier werden Generationen miteinander versöhnt, wenn sich etwa Chris Buck zusammen mit Pat Monahan von der Alternative-Rock-Band Train „Think It Over“ anverwandelt oder der fast neunzigjährige Buddy Guy den „Sweet Little Angel“ umgarnt. Schon 1993 hatte King zusammen mit Jeff Beck, Eric Clapton, Buddy Guy und Albert Collins im New Yorker Apollo Theatre eine vor Energie berstende Referenzversion dieses Klassikers geliefert. Mit dem hellen, drahtigen Sound seiner Fender Signature Strat bringt Guy jetzt den kleinen Engel erneut zum Abheben. Als brodelndes Bluesrockfanal entpuppt sich dagegen „When Love Comes To Town“. Slash beschränkt sich hier auf subtile Saitenkommentare und überlässt das Spielfeld den Stimmen von Miles Kennedy und Shemekia Copeland. Es war dieser Titel, mit dem King 1988 in seiner Zusammenarbeit mit U2 den Blues an die nächste Generation weiterreichen konnte.
Ob Keb’ Mo’s Entschleunigung von „I’ll Survive“ oder die gewitzten Posaunenkommentare von Trombone Shorty in „Heartbreaker“ – es gibt keine schwachen oder uninspirierten Stücke auf diesem Tributealbum. Und nicht zufällig machen Larkin Poe das fröhlich hüpfende „Don’t You Want A Man Like Me“ zu einem Lehrstück über Coolness und Lässigkeit. Während George Benson leichthändig demonstriert, dass auch die Jazzgitarre ihre Wurzeln im Blues hat, meditiert der zweiundneunzigjährige Bobby Rush mit unangefochtener Autorität über das Rätsel „Why I Sing The Blues“. Ganz im Sinne von Kings Sparsamkeitsideal gelingt dem Gov’t-Mule-Gitarristen Warren Haynes nebenbei mit „How Blue Can You Get“ eine der glutvollsten „Slow Burning“-Nummern.
Das vielleicht größte Kompliment, das man Bonamassa machen kann, ist seine Zurückhaltung. Er begreift sich bei aller großartigen gitarristischen Begleitarbeit primär als Gastgeber und Kurator. Vielleicht gelingt es ihm deshalb, den Sound des randvollen Doppelalbums kohärent und dicht zu gestalten – Lichtjahre vom schicken Designerblues entfernt. Nur so kann er Kings sehnlichsten Wunsch erfüllen, dass der Blues als soziale Kunstform weiterleben möge.
Joe Bonamassa: „B. B. King’s Blues Summit 100“. KTBA Records 10125

vor 2 Stunden
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