Ernst Fischer: „Bibliophilie“: Wenn Büchersammeln obsessiv wird

vor 3 Stunden 1

Im Sommer 1840 erregte ein schmaler Katalog die bibliophile Welt. Die Bibliothek des verstorbenen Comte de Fortsas aus dem belgischen Binche sollte versteigert werden. 52 Bände standen zu Gebot – jeder ein Unikat, der Welt letztes Exemplar. Es ging das Gerücht um, der Graf habe über Jahrzehnte Dubletten gejagt, bloß um sie gezielt zu vernichten. Sammler aus ganz Europa machten sich auf die Reise.

Am Auktionstermin kam der Schock. Die Adresse des Versteigerers gab es nicht. Fortsas hatte nie gelebt. Ein pensionierter Offizier und Antiquar hatte den Schabernack inszeniert. Er hatte Titel mit solcher Plausibilität erfunden, dass selbst gewiefte Sammler glaubten, sie womöglich übersehen zu haben. Ironie der Geschichte: Der Katalog wurde selbst zum Sammlerobjekt. Und Trost für die Düpierten: Seine kleine Auflage machte ihn zur begehrten Kostbarkeit.

Gibt es wahre und falsche Bücherliebe?

Der Schwindel traf einen wunden Punkt. Er entlarvte die Bibliophilie als Leidenschaft, die zwischen Kulturliebe und Besitzgier oszilliert. Bis heute steht Ambivalenz im Raum, wenn vom Sammeln von Büchern die Rede ist. Noch immer hat es den Anschein, dass zwischen „wahrer“ und „falscher“ Bücherliebe unterschieden werden muss. Tatsächlich hat dieser Gestus Tradition. Als auf dem Höhepunkt der deutschen Bibliophilenbewegung Gustav Adolf Erich Bogeng 1931 seine „Einführung in die Bibliophilie“ vorlegte, lautete die Überschrift seines ersten Kapitels: „Abgrenzungen der Bibliophilie“. Warum? Ganz einfach: Es galt die sittsame Liebe zum Buch von schädlichen Neigungen zu unterscheiden.

 „Bibliophilie“.Ernst Fischer: „Bibliophilie“.Hiersemann

Bogengs Werk erschien im Anton Hiersemann Verlag. Das Haus gibt es noch immer, und es ist bekannt für seine buch- und bibliothekshistorischen Publikationen. Dort hatte man die Idee, Bogengs Werk überarbeitet zu edieren. Ernst Fischer, einst in Mainz lehrender Buchwissenschaftler, sollte die Aufgabe übernehmen. Fischer hingegen bestand auf einer Neufassung. Man kann nur sagen: Gott sei Dank.

In der Tat ist Fischers „Bibliophilie“ von Bogengs Einführung grundverschieden. Fischer geht sein Thema phänomenologisch an und nicht normativ. Er zeigt, was Bibliophilie ist, und nicht, was sie sein sollte. Das ist mehr als ein methodischer Kunstgriff. Es ist die Öffnung gegenüber allen Arten von Sammlungsformen und Sammlermotiven, die in der Realität existieren. Fischers Basis ist die zutreffende Feststellung, dass Büchersammeln keine statische Kulturtechnik ist, sondern sich mit gesellschaftlichen, ökonomischen und technischen Verhältnissen stetig wandelt.

Wenn das Büchersammeln obsessiv wird, wird es erst spannend

Formal nähert sich Fischer seinem Thema durchaus ähnlich wie sein Vorgänger. Er beginnt seine Abhandlung mit einem konzeptionellen Aufriss. Ihm folgen Kapitel über die Geschichte der Bibliophilie, typische Sammelgebiete und das Buch als physisches Objekt. Inhaltlich hat das aber nichts mehr mit Bogeng zu tun. Mit sehr konkreten und mit über sechshundert Abbildungen anschaulich illustrierten Beispielen, mit vorzüglich ausgewählten bibliographischen Hinweisen und mit einem weiten Blick sowohl auf Mainstream- als auch auf Nischengebiete setzt Fischer einen völlig neuen Standard. Vor allem aber schreckt er nicht vor einer Feststellung zurück, die für Bogeng ein Anathema gewesen wäre: Die Bibliophilie wird heute umso interessanter und spannender, je näher sie an die Welt des Obsessiven heranrückt.

In jeder Hinsicht ist das Buch ein Lesegenuss. Das gilt vor allem für das Einleitungskapitel, das von den soziokulturellen Rahmenbedingungen der Bibliophilie in einer offenen Gesellschaft handelt. Da geht es etwa um die Herausforderungen, die die Konkurrenz und Kooperation zwischen privatem und öffentlichem Sammeln mit sich bringt, Genderaspekte des Sammelns abseits von Debatten mit Schablonen oder die tatsächliche oder womöglich doch bloß imaginierte Bedrohung der Bücherliebe durch „Lifestyle-Bibliophilie“ und – horribile dictu! – die Digitalisierung. Besonders bei Letzterer erweist sich Fischer als nüchterner Diagnostiker, der sich der Larmoyanz verweigert, mit der etliche Bibliophile gern das Ende ihrer Zunft beschwören. Stattdessen begreift er die digitale Revolution als Chance für neue Formen der Recherche, virtuelle Rekonstruktionen verlorener Sammlungen und die weltweite Vernetzung von Gleichgesinnten.

Bei allem ist Fischers Horizont weit gespannt. Er reicht von der Psychologie des Sammelns in digitalen Räumen bis zur gegenwärtigen Ökonomie des Antiquariatsmarkts. Dessen heutige Transparenz verschafft dem kommerziellen Wert von Büchern eine Aufmerksamkeit, die historisch ohne Vorbild ist. Mit Recht stellt Fischer dazu fest, dass dieser Markt keine peinlich zu verbergende Begleiterscheinung von Bücherliebe ist. In Wahrheit ist er eine Bedingung der Möglichkeit, sie zu entfalten.

Ein neues Standardwerk

Mehr als die Hälfte des Gesamtwerks nimmt Fischers Kapitel über die Sammelgebiete ein. Sie in ihrer Gänze hier zu nennen, würde den Rahmen sprengen. Nur so viel: Ihre Darstellung folgt einer klaren Systematik; Sammeln nach Sachgebieten, nach ästhetischen Kriterien und nach akzidentiellen Merkmalen. Auch Büchern nahe Objekte wie Exlibris und Autographen bekommen Raum. Anschaulich demonstriert Fischer die Leidenschaft für vielfältigste Objekte: von theologischen Schriften über Naturkunde- und Kochbücher bis zu Comics, von Inkunabeln über Pressendrucke bis zu Ephemera. Die Fülle der Themen und die Eindringtiefe selbst ins entschieden Abseitige ist beeindruckend. Sogar dem Sammeln von Anstandsliteratur, Büchern zu Kostümen oder solchen über Zauberkunststücke widmet Fischer quellengesättigte Seiten.

Das Abschlusskapitel zum „Sammlerstück“ ist dem Buch als sinnlichem Objekt gewidmet. In allen physischen Dimensionen wird es erkundet – Haptik, Optik, ja sogar Kinetik. Es stimmt, dass das Bewegungsmoment, das mit dem Umblättern von Seiten entsteht, einen engen Zusammenhang mit den Erwartungen hat, die der Bücherfreund an das Aufschlagverhalten eines Buches hegt. Wer liebt schon Bücher, mit denen man kämpfen muss, um sie offen zu halten.

Gewiss wird jeder Leser Lücken in Fischers „Bibliophilie“ ausmachen. Aber es wäre kleinlich, sie gegen das Buch ins Feld zu führen. Tatsächlich hat der Autor ein Standardwerk geschaffen, das seinesgleichen sucht. Für künftiges Schreiben über das Thema liegt die Messlatte nun auf schwindelerregender Höhe.

Ernst Fischer: „Bibliophilie“. Anton Hiersemann Verlag, Stuttgart 2025. 632 S., Abb., geb., 196,– €.

Gesamten Artikel lesen