Im Nationalarchiv Tansanias in Dar es Salaam war es lange üblich, dass den im Lesesaal ausgegebenen Akten eine Liste beigefügt war, in die sich der jeweilige Nutzer einzutragen hatte. In den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelte sich eine Art Wettbewerb unter den Archivbesuchern: Wem gelang es, ein Dossier zu konsultieren, das nicht bereits von John Iliffe abgezeichnet worden war? Kaum jemand konnte einen Erfolg vermelden. Für seine 1979 erschienene monumentale „Modern History of Tanganyika“ hatte der in Cambridge mit einer Arbeit zur deutschen Kolonialherrschaft in Ostafrika promovierte Historiker nahezu jedes Dokument gelesen, das im Archiv aufbewahrt wurde.
Sein Buch, das mit der Unabhängigkeit endet, gilt bis heute als die wohl beste Nationalgeschichte eines afrikanischen Landes. Und es ist so etwas wie ein spätes Manifest der „School of Dar es Salaam“, jener illustren Schar aufstrebender, zunächst meist britischer Historiker, unter ihnen Iliffe, die im nach dem Ende der Kolonialherrschaft gegründeten Historischen Institut der Universität Dar es Salaam in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts antraten, gegen die Mär von der Geschichtslosigkeit Afrikas anzuschreiben und zur Nationsbildung in den jungen afrikanischen Staaten beizutragen. Zu den markantesten Vorhaben jener Jahre, die unter zentraler Beteiligung Iliffes entstanden, gehörte das „Maji Maji Research Project“, eine wegweisende Oral-History-Initiative, in deren Rahmen lokale Berichte über den Maji-Maji-Krieg (1905–1907) in Deutsch-Ostafrika gesammelt wurden.
Mit langem Atem verwirklichte er zahlreiche Buchprojekte
1975 kehrte Iliffe an seine Alma Mater Cambridge zurück und lehrte dort drei Jahrzehnte bis zu seiner Emeritierung. Er betreute rund dreißig Doktoranden, von denen viele universitäre Karrieren in Europa, Afrika und den Vereinigten Staaten machten. Auf Tagungen sah man ihn kaum, von Gremien und Beiräten hielt er sich fern. Dafür verwirklichte er, historiographische Moden beharrlich ignorierend, mit langem Atem zahlreiche Buchprojekte zur afrikanischen Geschichte. Die Themen der stets umfassend recherchierten, abwägend argumentierenden, mit originellen Perspektiven versehenen Studien reichten von einer umfassenden Geschichte der Armen bis zu einer kurzen Geschichte des Kapitalismus, von einer Analyse der Bedeutung von Ehre in Afrikas Historie bis zu einer substanziellen Untersuchung der Verbreitung und Auswirkungen von HIV/Aids. Sein letztes, 2011 publiziertes Buch war dem langjährigen Staatspräsidenten Nigerias und Mitbegründer von Transparency International, Olusegun Obasanjo, gewidmet.
In zahlreiche Sprachen, darunter ins Deutsche, übersetzt wurde seine „Geschichte Afrikas“, in der Iliffe demographische Entwicklungen als roten Faden nutzt, um die Transformationen des Kontinents differenziert und detailreich nachzuzeichnen. In seiner Darstellung bezeugt er großen Respekt vor den Leistungen afrikanischer Gesellschaften und Individuen, ohne die Augen vor Fehlentwicklungen zu verschließen.
Iliffe lebte sehr zurückgezogen und verließ zuletzt seine Räume im St. John’s College kaum noch, aber wer ihn schriftlich – per Brief! – um Rat bat, durfte bis vor wenigen Jahren mit einer ausführlichen, zumeist handschriftlichen Antwort rechnen. Am 20. August 2026 ist John Iliffe, einer der vielseitigsten und prägendsten Historiker Afrikas, siebenundachtzigjährig nach langer Krankheit gestorben.

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