Wir wissen nicht, wem das kostbare Kästchen aus Elfenbein gehörte. Sein Rohmaterial reiste nach dem Tod des Elefanten in der afrikanischen Savanne aus dem Gesicht gewaltsam herausgelöst im Gepäck von Händlern nach Norden, um im Paris des frühen 14. Jahrhunderts mit Szenen aus der höfischen Literatur der Zeit geschnitzt zu werden. Es war der Besitzerin ein wertvoller Gegenstand, so viel steht fest. Vielleicht ein Geschenk ihres Gatten oder gar eines Geliebten? Eine Truhe, die durch ihr wimmelndes Bildprogramm vom Inhalt der Schatulle abzulenken versuchte oder durch Erwartungen gerade auf die Enthüllung des Verborgenen vorbereitete? Solche Elfenbeinkästchen – es überleben mehrere dieser Art aus französischen Werkstätten – waren mehr als materielle Prunkstücke, sie waren der Ausdruck kulturellen Wissens über die Liebesdiskurse und höfischen Wertideale der Zeit.
Auf der linken Hälfte der kurzen linken Seite des Kästchens erkennt die Besitzerin der Zeit eine topische Liebesszene, ein belauertes Stelldichein. Der Ausschnitt zeigt ein Liebespaar im Gespräch, wie an den Handgebärden zu erkennen, die an einem Brunnen unter Bäumen sitzen, jeweils mit tierischen Begleitern, Hund und Falke.
Doch sie sind nicht die Einzigen in der Szene, die der menschlichen Sprache fähig sind. Im oberen Register richtet ein gekrönter, bärtiger Mann seinen Blick durch auseinandergeschobene Zweige auf die ebenfalls gekrönte Frau, das heißt: auf seine Frau.
Auf dem Meer beginnt das Unglück
Es ist zwar umstritten, auf welchen literarischen Stoff genau sich die dargestellte Szene bezieht, denn um 1300 machen verschiedene Erzählungen die im Garten belauschten Liebhaber zum Thema. Dennoch wurde und wird das Pariser Elfenbeinkästchen aus guten Gründen immer wieder mit der wohl prominentesten dieser Geschichten in Verbindung gebracht, mit Tristan und Isolde; insbesondere mit der anglonormannischen Version des Thomas von Bretagne.
Die Geschichte von Tristan und Isolde ist ein europäischer Erzählstoff, dessen älteste überlieferte Verschriftlichungen bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts zurückreichen und zum Teil nur fragmentarisch auf uns gekommen sind. Die Geschichte hat mit verschiedenen Variationen immer denselben Rahmen: Tristan wirbt erfolgreich für seinen Onkel, den König von Cornwall, um die Hand der irischen Prinzessin Isolde. Auf dem Meeresweg zurück nach Tintagel nehmen die beiden versehentlich einen Liebestrank ein, der dem Hochzeitspaar für die erste gemeinsame Nacht bestimmt war. Sie verlieben sich ineinander und werden zwar ein Paar, doch darf die Außenwelt nichts davon erfahren, da sie der höfische Code dazu verpflichtet, ihrer jeweils vorgesehenen Rolle zu entsprechen. Isolde heiratet Marke, ihr Herz gehört jedoch Tristan. Der ist Marke gegenüber ein treuer Vasall, jedoch hört diese Treue bei der Liebe zu Isolde auf.
Im unvollendeten Versroman Gottfrieds von Straßburg (um 1210) gelingt es Tristan und Isolde wiederholt, Marke und den gesamten Hof hinters Licht zu führen. Dennoch plagen Marke Zweifel über die Treue seiner engsten Angehörigen, als ein Zwerg namens Melôt ihm berichtet, die beiden träfen sich nächtlich an einem Brunnen im Baumgarten. Marke begibt sich mit Melôt zum besagten Ort, wo sie sich mangels eines besseren Verstecks in einen Olivenbaum über dem Brunnen setzen; im Unterschied zum Elfenbeinkästchen sitzen also zwei Lauscher im Versteck.
Isolde wird das Herz schwer
Tristan kommt just dorthin und wirft – wie zuvor verabredet und bereits mehrfach ausgeübt – ein Olivenzweiglein, in das die Buchstaben T und I eingeritzt sind, in das bis zur Kemenate Isoldes führende Wasser des Brunnens. Ein Zeichen, das die Liebende über die Anwesenheit des Liebenden am locus amoenus informiert. Während sich Isolde auf den Weg zum Brunnen macht, wird Tristan eines dubiosen Schattens gewahr. Ihm wird bange, und er erkennt die Gefahr wie die Lage. Ein Stoßgebet gen Gott soll die Wirkung erzielen, Isolde zu warnen, „bevor sie etwas sagt oder tut, das ihr negativ ausgelegt werden könnte“. Isolde, in der Zwischenzeit durch den Garten schleichend, nähert sich dem Treffpunkt: „Nu daz si kam sô nâhen, / daz si beide ein ander sâhen, / Tristan stuont allez ze stete, / daz er doch nie dâ vor getete“, heißt es bei Gottfried. Übersetzt aus dem Mittelhochdeutschen: „Als sie (Isolde) schon so nah war, dass die beiden einander sehen konnten, da rührte sich Tristan kein Stück – so hatte er sich zuvor noch nie verhalten.“
Gottfried von Straßburg im Codex Manesse, erstes Viertel des 14. Jahrhundertspicture alliance / Mary Evans Picture LibraryTristan läuft ihr nicht wie gewohnt entgegen. Ihr wird das Herz schwer, sie lässt den Kopf sinken, verlangsamt ihren Schritt. Auch wir Rezipienten halten den Atem an, entschleunigen mit Isolde das Geschehen. Was hat die Abweichung vom gewohnten Ablauf zu bedeuten?
In dieser Schwebe zwischen zwei Teilnehmenden an einer sozialen Situation liegt das vor, was der Soziologe Niklas Luhmann „doppelte Kontingenz“ nennt: Es ist offen, wer zuerst spricht, das heißt: handelt, und wie. Jeder erwartet vom anderen ein Zeichen. Aber wer soll anfangen? Die Wechselseitigkeit der Interaktion ist völlig unbestimmt. Nur Zeit kann Handlungsoptionen eröffnen. Isoldes langsames Annähern verfolgt genau diese Strategie.
Die Situation gewinnt schlagartig an Brisanz, als Isolde nun die Schatten dreier Menschen erblickt, obwohl sie nur Tristan vor sich sieht. Gottfried schenkt uns, seinen Lesern und Leserinnen, in dieser hochspannungsvollen Szene eine Verschnaufpause. Er lenkt den Fokus auf die Gedanken der Protagonistin. Isolde hat keinen Zweifel daran, dass ihr Mann Marke im Baum sitzt. Sie betet zu Gott, ihrem „hêrre(n) trehtîn“, der sonst auch immer Gerechtigkeit hat walten lassen, dass sie und Tristan nach dieser Begegnung ihre „êre“ (Ansehen, Reputation) bewahren und in ihre Alltagsrollen zurückschlüpfen werden können.
Es wäre nicht das erste und letzte Mal, dass sich Gott als Komplize dieses Liebespaares erweist. Jetzt versteht Isolde auch das Gebaren Tristans, der sich der Präsenz der anderen bewusst sein muss.
Hält Tristan sie für naiv?
Aber wie kann sich Tristan vergewissern, dass Isolde von der Beschattung weiß? Wenn die beiden nicht die Übereinkunft über das nächtliche Treffen und damit ihre Beziehung verraten wollen, dann ist jede offensichtliche, vor allem verbale Verständigung ausgeschlossen. Die doppelte Kontingenz wird keineswegs aufgelöst, mehr noch: Sie wird durch die Anwesenheit eines Dritten, der sich selbst für inkognito hält, noch komplexer. Die beiden müssen so tun, als glaubten sie sich alleine, sind sich aber ihrer Zuhörer bewusst. Anders gesagt: Der Schein der Intimität muss die Prüfung der Öffentlichkeit bestehen. Es beginnt eine dramatische Choreographie, die sich in minimalen Gesten und maximaler Verbosität abwickelt.
Isolde bleibt fernab stehen – das erste Signal, das eine Distanz zu Tristan etablieren will. Sie bricht das Schweigen, hebt zu sprechen an und beginnt mit dem Vorwurf, Tristan halte sie wohl für naiv, wenn er sie zu solch einem Zeitpunkt zu einem Gespräch einlade. Dass es seiner „triuwe“ und ihrer „êre“ besser anstünde, er lasse sie wissen, was er wolle. Doch anstatt ihm das Wort zu überlassen, spricht sie weiter. Isolde gibt Tristan damit das, was die beiden als Einziges retten kann: Zeit.
Während sich Tristan also einen Grund für das Treffen ausdenken kann, baut sie ein Wortgebilde aus Täuschungen, das wie ein Sicherheitsnetz ihre Unschuld beweisen soll; ihre Zofe Brangæne, die übrigens ganz in der Nähe stehe, habe sie zu diesem Treffen gedrängt. Würde jemand wissen, dass sie hier bei Tristan sei, würden alle lügnerischen Verleumder überzeugt sein, sie unterhielten eine verwerfliche Liebesbeziehung, eine „valschlîche vriuntschaft“. Ihr Herz gehöre aber, Gott weiß, allein jenem, der ihre Jungfräulichkeit nahm.
Isolde operiert wie so oft auf doppeltem Boden, denn Marke glaubt, dieser eine Mann zu sein. In Wirklichkeit hatte es in der Hochzeitsnacht einen Brautunterschub gegeben: Nicht Isolde, sondern die ihr allzeit treue Brangæne hatte mit Marke geschlafen, um Isolde zu schützen, die bereits mit Tristan zusammen gewesen war. Dem König von Cornwall war der Personentausch nicht aufgefallen, denn, wie Gottfried zu erklären weiß, ist Marke jede Frau ohnehin einerlei.
Bloß nicht in Ungnade fallen
Marke lässt sich im Baumgarten abermals an der Nase herumführen. Isoldes langes Plädoyer – zwischenzeitlich kurz unterbrochen von der Ansage, mehr zu sagen zu haben – lässt die enge Verwandtschaft zwischen Marke und Tristan nicht unerwähnt und endet mit dem längst hinfälligen Aufruf zur Widerrede: „hêrre, swaz ir mir wellet sagen, / daz saget mir, wan ich wil gân: / ine mac niht langer hie bestân“, übersetzt: „Herr, was immer Ihr mir zu sagen gedenkt, das sprecht nun, denn ich möchte gehen. Ich kann hier nicht länger bleiben.“
Auch Tristan lässt es sich nicht nehmen, auf Unschuld zu beharren, und hebt seine Motivation hervor, die „êre“ aller drei Involvierten retten zu wollen, weswegen er plane, den Hof zu verlassen. Doch zuvor möge Isolde ein gutes Wort für ihn beim König einlegen, dass er nicht in Ungnade falle.
Isoldes und Tristans Austausch ist improvisiert, wobei beide unausgesprochen eine gemeinsame Agenda verfolgen: die Scheinrealität aufrechtzuerhalten. Um das zu erreichen, muss ihr Dialog den Normen des höfischen Gesprächs entsprechen, und er muss spontan und authentisch wirken. Das ist er ja auch: Tristan und Isolde haben ihn nicht eingeübt.
Die Präsenz des Dritten zwingt sie dazu, mit dem Soziologen Wilhelm Stok gesprochen, die „konventionellen Regelungen des zwischenmenschlichen Alltagsverkehrs“ einzuhalten. Andererseits modifiziert dieselbe Präsenz das gesamte Gespräch: „Der Dritte fungiert im Sinne der Zensur und der Kontrolle über die beiden anderen.“ Stoks Matrix folgend aktualisiert sich der Prozess „zwischen A und B (Ich und Du), aber er ist mitbestimmt durch die Anwesenheit C’s“. Zugleich geben Isolde (A) und Tristan (B) Marke (C) vor, die „Unmittelbarkeit des Kontaktes“ nicht zu stören. Dadurch glaubt Marke, Isolde zu verstehen, während sich die Partnerdimension (das Verstandenwerden) tatsächlich zwischen ihr und Tristan abspielt: „A und B fungieren als Einheit und stehen als ‚Wir‘ (‚Ihr‘) dem C gegenüber.“
Die Konstellation ist dynamisch, Marke wird vom Beobachter zum Durchschauten, während er meint, die Zuschauerdimension einzunehmen (dass ein vierter, Melôt, Mitzeuge ist, ist unwesentlich). Weil es aber überhaupt dieses Element eines Zuschauers gibt, dem gegenüber der Dialog offen erscheinen muss, funktioniert die Täuschung.
So passt es wunderbar, dass Isolde in ihrer Antwort auf Tristan, ob sie Fürsprache für ihn bei Marke halten könne, einen dialektischen Gedankenprozess darlegt, der wie ein sentimentales Mäandern wirkt: Von „eher stürbe ich, als Euch diesen Gefallen zu tun“ über „ich gehe jetzt, so geht auch Ihr“ und „irgendwie tut Ihr mir leid, dass Ihr meinetwegen unschuldig in dieser Lage seid“ ringt sie sich durch zu „ich werde Eurer Bitte, so gut es geht, nachkommen“. Tristan bedankt sich und wünscht der „vil tugenthaftiu künigîn“, der „allerreinsten Frau, die jemals gelebt hat“, Gottes Segen.
Sie verabschieden sich, leiden getrennt ihren Herzkummer, während der „trûrige“ Marke die Verleumder tausend Mal verflucht. Die (wahre) Liebe hat triumphiert – fürs Erste.
Trotz ihrer äußersten Vorsicht kursieren am Hof erneut Gerüchte über die Verbindung zwischen Isolde und Tristan, bis sie entdeckt, verbannt, an den Hof zurückgeholt, schlussendlich geographisch voneinander getrennt werden. Das, nachdem Marke, auf herkömmlichem Weg den Baumgarten am helllichten Tag betretend, Neffe und Ehefrau im Schlaf ineinander verschlungen, Mund an Mund entdeckt. Erst im Tod werden die einander treuen untreuen Liebenden wieder vereint werden – eine Auflösung der plagenden Sehnsucht, die musikalisch von Richard Wagner mit dem sogenannten Tristan-Akkord umgesetzt wurde.
Auf dem Elfenbeinkästchen, das sich heute im New Yorker Metropolitan Museum befindet, ist die Doppelcodierung des Gesprächs von Tristan und Isolde kunstfertig festgehalten. Ihre Gesten bedeuten einerseits, dass sie sich in einem offenen Dialog befinden. Doch andererseits ist der nach unten gerichtete Zeigefinger des Liebhabers nicht einfach ein externalisierter demonstrativer Hinweis auf das Gesagte, er wendet damit den Blick seiner Freundin auf das sich im Wasser spiegelnde Abbild des Dritten. Sie wiederum signalisiert ihm mit der offenen Hand Verständnis. Ihrer beider Augen bleiben dabei aufeinander fokussiert. Sie beachten den Beobachter hinter der Maske der Zweisamkeit. Was es aber auf sich hat mit dem Einhorn zur rechten der Baumgartenszene, das im Schoß einer Jungfrau mittels eines Spiegels gefangen wird, das ist eine andere Geschichte.
Racha Kirakosian lehrt Germanistische Mediävistik in Freiburg. Zuletzt erschien von ihr: „Berauscht der Sinne beraubt. Eine Geschichte der Ekstase“.

vor 3 Stunden
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