Der Begriff der „Generation“ ist schwer fassbar. Die Bundeswehr macht für die übliche, aber problematische Zuschreibung nun einen neuen Vorschlag. Mit ihrer gleichnamigen Webserie auf Youtube stellt sie die „Generation Wehrdienst“ vor. Ist diese „Gen W“ somit die neue „Gen Z“? Also die Gruppe derjenigen, die zwischen 1995 und 2010 geboren und zwischen 16 und 31 Jahre alt ist – sozusagen die Zielgruppe für den Ernstfall?
Das Format, das die Düsseldorfer Agentur „Castenow“ mit einer breit angelegten Werbekampagne umgesetzt hat, soll den „neuen Wehrdienst“ zeigen und gezielt junge Erwachsene ansprechen, indem es „technisch dem hohen Qualitätsstandard von Doku-Formaten bekannter Streamingdienste“, also Netflix und Co., aufnimmt. Die Aufmachung schließt an die seit Jahren währende Kommunikationsoffensive der Bundeswehr im Netz an. Sie ist geprägt von Abenteuerlust und Mitmach-Moral. Die Frage ist: Lässt sich so ein authentisches Bild von Freiwilligendienst in der Bundeswehr und dem Soldatenberuf vermitteln?
So bildgewaltig war die Bundeswehr noch nie
Im Jahr 2018 sah die Werbung der Bundeswehr auf der Videospielmesse „Gamescom“ noch anders aus. Sie setzte auf Slogans, die bewusst die Nähe zu den Krieg simulierenden Videospielen herstellten. Plakate zeigten eine Gruppe Soldaten im Gegenlicht, im Hintergrund ein Militärfahrzeug samt Geschütz. In weißen Lettern hieß es: „Multiplayer at its best!“ Der Dienst an der Waffe als Fortsetzung der Videospiele an der Konsole - das kam nicht besonders gut an.
Das umstrittene Werbeplakat der Bundeswehr zur Gamescom 2018 mit dem Slogan „Multiplayer at its best“.Die neue Webvideoserie „Generation Wehrdienst“ indes schließt inhaltlich an weniger umstrittene Konzepte wie die Serie „Die Rekruten“ und „Die Rekrutinnen“ aus den Jahren 2016 und 2019 an, die allerdings noch in einer für die 2010er-Jahre typischen Ästhetik von Videologbüchern daherkamen, bei denen sich die Protagonisten mit der Kamera in der Hand selbst filmen.
„Generation Wehrdienst“ ist bildgewaltiger: Die ästhetischen Unterschiede lassen sich schon beim Intro erkennen. Fünf Protagonisten laufen, teils in Zivil gekleidet, teils in Uniform, durch die in orangefarbenes Licht getauchte Kontrastkulisse einer Lagerhalle. Sequenzen in Slow-Motion wechseln sich mit schnellen Schnitten ab. Der nasse Boden reflektiert Stiefel und Sneaker; ernste Gesichter schauen in Nahaufnahme in die Kamera. Bild für Bild fügen sich die Einzelnen zu einem Ganzen, bis sie im satten Gegenlicht nebeneinanderstehen und der Titel erscheint: „Generation Wehrdienst. Mit dir sind wir viele“. Dazu ertönt der Titelsong mit der schlagerträchtigen Textzeile „Du bist nicht allein“.
Die junge Generation bekomme einen Stempel aufgedrückt
Weniger kinotauglich sind die Probleme, mit denen sich die Rekruten in der ersten Folge plagen. So gerät etwa das Beziehen der Betten zum Problem. Selbst den siebzehnjährigen David, der bereits im Hotel gearbeitet hat, überfordert der Anspruch der Ausbilder. Die erste klassische Lektion für angehende Soldaten: Nur gemeinsam können sie es schaffen – auch beim Bettenbau. Das betont auch der Kompaniechef: Abends solle man sich nicht „irgendwelche Reels reinziehen“, sondern miteinander Zeit verbringen. Sie seien jetzt Kameraden.
Die Bundeswehr wirbt mit Zugehörigkeit. Es geht um die Gemeinschaft und der Dienst an ihr – und zwar entgegen dem allgemeinen Bild der „Gen Z“ und „Gen Alpha“ (die Jahrgänge von 2010 bis 2024), das diesen Jugendlichen wahlweise soziale Unfähigkeit durch die Isolierung in der Corona-Pandemie oder Handysucht zuschreibt. Die zur Serie gehörige Werbekampagne nimmt weitere Klischees über die „Gen Z“ auf und versucht, sie aufzubrechen. Auf einem der Plakate wird aus der Sicht der Rekruten gefragt: „Disziplin ist nicht unser Ding? Watch us.“
Fünf auf einem Bild: die fünf Rekruten, die die Serie „Generation Wehrdienst“ begleitet.BundeswehrDer Kasseler Kulturwissenschaftler Daniel Hornuff, Autor des Buches „Krieg als Lifestyle?“, hält davon wenig. Er findet, wie er der F.A.Z. sagt, dass der betroffenen Personengruppe der „Stempel Generation Wehrdienst“ aufgedrückt und das Selbstbild der Generation „durch Fremdzuschreibung in Richtung Militarisierung“ überschrieben werde. Wie in den zurückliegenden Werbekampagnen würden „gezielt Jugendliche adressiert, die sich in persönlichen Findungsphasen befinden und möglicherweise nach einem festen Halt, nach einer Perspektive in der Gesellschaft suchen“. In seinem im Mai erschienenen „Plädoyer gegen die Medienoffensive der Bundeswehr“ fordert er deshalb ein Werbeverbot. Dabei ist Hornuff der Bundeswehr gegenüber nicht durchweg kritisch eingestellt und fordert die „Einführung einer allgemeinen Musterungspflicht“ für alle Achtzehnjährigen.
Der achtzehnjährige Ahmad, einer der Protagonisten der Serie „Generation Wehrdienst“, wirkt hingegen sicher in seiner Entscheidung, eine Laufbahn bei der Bundeswehr einzuschlagen. Gleich zu Beginn der ersten Folge sagt er: „Ein Soldat ist für mich ein Mensch, der sein Leben opfern würde für die Gemeinschaft. Alle wollen Frieden, aber nichts dafür tun.“ Was zunächst staatstragend klingt, gerät für den Zuschauer schnell zur Floskel. Diese und ähnliche Sätze werden im Laufe der Serie wie ein Mantra wiederholt.
Auf Social Media findet sich die Zielgruppe der Bundeswehr
Auch in den sozialen Medien, auf Instagram, auf Reddit, X oder Tiktok, versucht die Bundeswehr, den existenziellen Haken an der Sache mit Phrasen zu übertünchen. So erklärt ein Rekrut auf Tiktok in einem Clip, er habe sich für den Wehrdienst entschieden, um seine Familie und die „Werte des deutschen Vaterlandes“ zu schützen. In einem anderen Video sagt eine Rekrutin, sie habe sich für den Wehrdienst entschieden, weil sie eine Alternative zum Studium suchte. Ein Nutzer merkt dazu an, der Dienst an der Waffe werde hier beschönigend dargestellt. Die Bundeswehr antwortet darauf, dass auch Polizisten Waffen tragen und es dem Schutze aller diene. Ob der User lieber wolle, dass die Bundeswehr „Pfeil und Bogen“ zur Verteidigung benutze?
Auf Social Media ist die Bundeswehr indes nicht allein durch professionelle PR sichtbar. Auf einer Website zu den „Social Media Guidelines“ heißt es, mittlerweile präsentierten sich „erfreulicherweise mehrere Tausend Angehörige der Bundeswehr mit Stolz und Freude in Bezug auf ihren Arbeitgeber“. Zwar müsse sichergestellt sein, dass die Kanäle als privat ausgewiesen sind, zugleich wird aber auch dazu aufgerufen, Hashtags wie #Bundeswehr, #Bundeswehrkarriere oder #SocialMediaDivision zu nutzen. Außenstehende bekämen so Einblicke, die „authentischer und nahbarer nicht sein könnten“.
Unter dem Hashtag „SocialMediaDivision“ öffnet sich bei Tiktok allerdings ein weites Feld. Man sieht Hunderte Videos, die entweder schießende Panzer oder zu Popsongs tanzende Soldaten zeigen. Ein Video mit 2,7 Millionen Klicks zeigt, wie bei einem Marsch ein Lied der U.S.-Army gesungen wird. Dutzende Kommentatoren stellen die Frage, ob „wir“ nicht auch mal eigene Marschlieder hatten. Ein User, der als Profilbild den ehemaligen Adjutanten Himmlers, Joachim Peiper, gewählt hat, schlägt das Lied „SS marschiert in Feindesland“ vor.

Viele weitere Beispiele, angefangen mit simplen Geschmacklosigkeiten bis hin zu offen rechtsradikalen Gesinnungen, lassen sich unter den Videos der selbsternannten Bundeswehr-Influencer finden, oft auch aus den USA oder Kanada. Wer Videos der offiziellen Kanäle der Bundeswehr schaut, dem werden über die Hashtags und Algorithmen bald auch solche Videos vorgeschlagen. Und diese Nutzer sind oft Minderjährige. Sie informieren sich hier und unter den Videos der offiziellen Kanäle über den Dienst an der Waffe oder teilen bereits mit, dass sie zwar noch nicht alt genug für den Wehrdienst, aber in drei oder vier Jahren „auch dabei“ sein wollen.
Einer der bekanntesten inoffiziellen Influencer ist Hauptfeldwebel Joshua Krebs alias „CinematicSergeant“. Mit fast 500.000 Abonnenten und über 19 Millionen Likes auf seinem Tiktok-Kanal ist er der wohl erfolgreichste Bundeswehr-Influencer. In einem Video streichelt der vermummte Krebs eine Maschinenpistole und posiert mit einer Deutschlandflagge, im Hintergrund läuft „Sonne“ von Rammstein. Hunderte Male bedanken sich User in den Kommentaren für den Dienst der Bundeswehr, immer wieder wird gefragt, warum die Werbung auf den offiziellen Kanälen der Bundeswehr nicht so aussehe wie bei ihm.
Die bildliche Darstellung vom Dienst an der Waffe ist ein schmaler Grat
Ein Blick in die siebte Folge „Generation Wehrdienst“ zeigt aber, dass der Unterschied zu Beiträgen wie denen von Krebs mitunter gar nicht so groß ist. Gezeigt wird hier die Schießausbildung. Die Rekruten geben nachdrücklich wieder, dass sie großen Respekt vor den Waffen haben und sich der tödlichen Konsequenzen bewusst sind. Erwähnt wird auch, dass der Ausbilder gezeigt habe, was mit den Waffen angerichtet werden könne. Wie der Dienst an der Waffe in diesem Format bildlich dargestellt wird, bleibt trotzdem ein schmaler Grat. Gezeigt wird jedenfalls auch, wie die Rekruten darüber grübeln, ob sie lieber die Pistole P8 oder das Gewehr G36 mögen. Besagte Waffen bekommt der Zuschauer währenddessen in einer Slow-Motion- Präsentation vorgeführt.
So wird angedeutet, dass es sich beim Wehrdienst um keinen „normalen“ Job handele. Das Außergewöhnliche, der Ernstfall, findet dann aber keine konkrete Erläuterung. Ahmad berichtet in Folge fünf, dass seine Eltern dachten, Bundeswehr heiße, in den Krieg gehen und sterben zu müssen. Die Karriereberaterin der Bundeswehr hat seine Bedenken offenbar zerstreut. Wie wird in den Karriereberatungsgesprächen angesprochen, worauf sich junge Rekruten einlassen?
Die Rekruten sollen sich selbst über Risiken informieren
Eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums antwortet auf diese Frage gegenüber der F.A.Z. zunächst übereinstimmend mit dem, was die Serie zeigt. Nämlich, dass ein solches Gespräch „über die vielfältigen Karrieremöglichkeiten in den militärischen und zivilen Laufbahnen der Bundeswehr und der Bundeswehrverwaltung“ informiere. Man mache aber auch auf die „Besonderheiten des Soldatenberufs“, wie das „Gefährdungspotential“ von Auslandseinsätzen und „die Gefahr für Leib und Leben“ aufmerksam. Im Gegenzug erwarte die Bundeswehr von den Bewerbern, dass sich diese über das „Berufsbild“ vorab informieren. Die notwendigen Informationen könnten die Bewerber beispielsweise in den Karriereberatungsbüros erhalten. Formate wie „Generation Wehrdienst“ oder Beiträge aus den sozialen Medien nennt die Sprecherin nicht als Informationsquelle. Wohl auch deshalb, weil „die Gefahr für Leib und Leben“ dort kaum eine Rolle spielt.
Müssten Themen wie Tod und Gewalt, die laut Bundeswehr Teil der Karrieregespräche sind, nicht gerade mit derselben Ausführlichkeit in Beiträgen der sozialen Medien oder der neuen Serie behandelt werden? Dort, sagt die Sprecherin, werde nicht nur die Landes- und Bündnisverteidigung als „Kernauftrag“ der Bundeswehr, „sondern auch die sinnstiftenden und qualifizierenden Aspekte der Arbeitgeberin Bundeswehr“ gezeigt. Die „Herausforderungen, Risiken und Gefahren“ kämen in den Beratungsgesprächen oder in anderen Formaten zur Sprache.
Zwei der Rekruten aus „Generation Wehrdienst“ erfuhren diese Gefahren unmittelbar und brechen ab. Der innere Konflikt der jungen Männer, ob sie eine weitere Teilnahme an der Grundausbildung für sich verantworten wollen, wird hier explizit gezeigt und wirft einen ehrlichen Blick auf die Realität der Grundausbildung.
Was ein Dienst an der Waffe bedeutet, das kann vermutlich nur jemand ermessen, der selbst schon im Ernstfall eine benutzen musste, dabei war oder Verletzte versorgt hat.

vor 2 Tage
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