Manchmal reicht ein Abend, um zu lernen, dass Länder nicht in eine Schublade gehören. Am Montag war die deutsche Fußballnationalmannschaft dran: Sie unterschätzte einen Gegner, weil er allgemein unterschätzt wurde. „Underdog“, „Schwellenland“, „kleiner Verband“: Eine ganze Fußballnation glaubte nicht an einen Sieg von Paraguay. Und trotzdem besiegelte die Mannschaft das WM-Aus der Deutschen.
Den Fehler, Länder kategorisch als chancenlos abzustempeln, begehen auch Anleger. Der Preis, den sie dafür zahlen, ist entgangene Rendite. Natürlich scheint es sicherer, auf die USA oder andere Industrienationen zu setzen. Wer mit Schwellenländern sein Depot diversifizieren will, muss genau hinschauen.
Etwa nach Indien. „Ich kam mir vor wie in Italien“, berichtet Christian Subbe von einer Dienstreise, die der Chefanleger des Family Offices HQ Trust neulich nach Indien unternahm. Nicht wegen des wilden Straßenverkehrs zog er den Vergleich, sondern wegen der Meerespromenade in Mumbai – die wegen der glitzernden Lichter in der Nacht auch Perlenkette heißt. „Abends spazieren dort alle und gehen ein Eis essen.“ Natürlich ist die Stadt noch immer voller sichtbarer Probleme: das Chaos, die Slums, die lähmende Bürokratie.
Doch Subbe sah auch, was parallel entsteht: Zementhersteller mit vollen Auftragsbüchern, eine moderne Börse, neue Straßen und eine Mittelschicht, die sich mehr leisten kann. „Unter der Haube ist einiges passiert. Die Staatsfinanzen wurden aufgeräumt, das Fundament ist solider“, sagt er. Und Indien ist die Gegenwette zum KI-Boom, der die Börsen bewegt.
Die ETF-Illusion
Wer heute einen Schwellenländer-ETF kauft, glaubt meist, sein Depot damit breiter aufzustellen. Tatsächlich ist oft das Gegenteil der Fall. Denn viele globale Aktien-ETFs werden nicht nur dominiert von US-Aktien, sondern auch von Technologie und Telekommunikation. Die gängigen ETFs, etwa auf den MSCI Emerging Markets, verstärken allerdings das Risiko, das man eigentlich reduzieren wollte.

Foto: WIWO-GRAFIK
„Der Index wird von wenigen großen Technologiewerten getragen“, erklärt Harald Sporleder, CIO bei Lingohr Asset Management. Beim MSCI Emerging Markets entfallen 43 Prozent auf Techwerte und 5 Prozent auf Telekomtitel. Chiphersteller TSMC aus Taiwan ist die größte Einzelposition im Index mit 13 Prozent Gewicht, die koreanischen KI-Gewinner Samsung Electronics und SK Hynix kommen zusammen auf fast 17 Prozent. Wer den klassischen Schwellenländerindex kauft, setzt damit auf den KI-Boom – und die asiatischen Chiphersteller hängen unmittelbar an den Milliardeninvestitionen der US-Techriesen in Rechenzentren.
„Der Index handelt mit einem erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa zwölf und wirkt damit nicht teuer“, sagt Sporleder. Drehe die Stimmung bei den Halbleiterlieblingen, werde jedoch viel Geld abfließen.
Kaum ein Markt steht so sehr für den KI-Boom wie Südkorea. Kürzlich entschied der Indexbauer MSCI, Südkorea weiterhin als aufstrebendes Land einzustufen, obwohl es hoch entwickelt ist. Bei Indizes von FTSE zählt es zu den Industrieländern. Aber den US-Indexbauer MSCI überzeugen Governance und Währungshandel noch nicht.
Der Fall Korea zeigt, wie sich Schwellenländer verändert haben. Früher galten sie als ein Block – mit Rohstoffen, Banken, Regierungs- und Währungsproblemen. Heute erzählen sie unterschiedliche Geschichten, wie bei der Fußball-WM.
Auch durch den Iran-Konflikt wurden die Unterschiede deutlich. Während die Aktienkurse in energieabhängigen Ländern wie Indien, Thailand und der Türkei nachgaben, reagierten Rohstoffexporteure wie Brasilien robust. Noch größer fallen die Unterschiede beim Thema KI aus: Wer Korea kauft, kauft eine Wette auf den Ausbau der globalen KI-Infrastruktur.
Die zweite KI-Wette
Stefan Rehder findet Märkte spannend, in denen Reformen und günstige Bewertungen zusammenkommen. Der Chef des Münchner Vermögensverwalters Value Intelligence Advisors blickt lieber nach Asien als in die USA. „Ich kann mir die Wirtschaftsräume danach aussuchen, ob die Politik wichtige Weichenstellungen beschließt. Und mir ist derzeit Asien lieber“, sagt er.
Mir gefällt Asien als Wirtschaftsraum besonders gut, weil die Politik wichtige Weichen stellt Stefan Rehder, Value Intelligence Advisors
Koreanische Aktien hält Rehder weiterhin für unterbewertet, trotz der hohen Kursgewinne. Neben dem KI-Boom erkennt er einen zweiten Kurstreiber: Die Regierungen wollen den sogenannten Korea-Discount abbauen. Koreanische Familienkonzerne werden oft mit einem Bewertungsabschlag gehandelt, was vor allem an den intransparenten Unternehmensstrukturen und schwachen Aktionärsrechten liegt. Reformen der Unternehmensführung und Erbschaftsteuer könnten Eigentümer dazu drängen, Aktionäre stärker am Unternehmenswert teilhaben zu lassen. Wer bei Schwellenländern nur auf Bewertungen schaue, übersehe die Chancen, die im Zusammenspiel von Technologieführern und Reformen entstehen, meint Rehder. Ihn interessieren Holdings wie SK Square: Sie hält als größte Beteiligung den Chiphersteller SK Hynix, wird an der Börse aber mit deutlichen Abschlägen gehandelt. Anleger erhalten so einen Zugang zu SK Hynix günstiger als beim direkten Kauf der Aktie des Chipherstellers.
Noch konzentrierter als in Korea ist die Situation in Taiwan. Der Halbleiterhersteller TSMC ist längst kein Geheimtipp mehr, kaum ein Unternehmen profitiert stärker vom KI-Boom. Wer einen Asien-ETF kauft, legt sich oft einen hohen Anteil TSMC ins Depot. Die Aktie taucht zudem oft in globalen Aktien- und Mischfonds sowie in Technologiebranchenfonds auf. Taiwan und Korea erhöhen so das KI-Klumpenrisiko in Depots. Aber es gibt einen großen Schwellenmarkt, der den KI-Boom an der Börse weitgehend verpasst hat.
Christian Subbe ist dafür nach Mumbai gereist. Der wichtigste Aktienindex des Landes, der Nifty 50, enthält keine Speicherchipentwickler und keine Auftragsfertiger – und auch sonst kein Unternehmen, dessen Geschäft direkt davon abhängt, wie viele KI-Server Nvidia im nächsten Quartal verkauft. Stattdessen dominieren Mischkonzerne, Banken, Konsum und Dienstleistungen, die vor allem die Entwicklung der Volkswirtschaft spiegeln. Das macht den Markt weniger abhängig vom globalen Technologiezyklus. Reliance Industries, Indiens größtes börsennotiertes Unternehmen, verbindet Ölraffinerien, Einzelhandel und den Telekom- und Finanzdienst Jio, der mit einem Börsengang abgespalten werden soll. Vier der zehn größten Unternehmen im Nifty-50-Index sind Banken.
Christian Subbe fiel auf, dass Anleger Indien oft einseitig betrachten. Viele fragten den Investmentchef von HQ Trust zuerst nach Softwareunternehmen und nach KI. Doch es gebe viel mehr: die indische Börse etwa, die als eine der modernsten in Asien komplett elektronisch arbeitet; neue Schnellstraßen und Logistikzentren, Flughäfen und Industrieparks. Auch das größte Zementunternehmen des Landes fiel ihm positiv auf: „Durch die vielen Infrastrukturmaßnahmen haben sie eine Riesennachfrage“, sagt er.
Indische Aktien gehören nicht zu den Schnäppchen an den Schwellenmärkten. Im Schnitt zahlen Anleger für die Aktien im MSCI India das 20-Fache der für 2026 erwarteten Gewinne. Dabei sind die Bewertungen von einem noch höheren Niveau zuletzt deutlich gesunken – weil Anleger das Land als Verlierer des KI-Booms ausmachten. Anlegern, die nun einsteigen wollen, kommt die jüngste Schwäche entgegen. Hilfreich sei auch, dass die Währung Rupie gegenüber dem Euro massiv gesunken ist, sagt Subbe. Deshalb sei es heute interessanter, dort zu investieren, als noch vor ein oder zwei Jahren. Harald Sporleder von Lingohr Asset Management hat in seinen Depots das Indiengewicht angehoben – von 2,5 auf 10 Prozent.
Vorteil Demografie
Während Europa altert und China seinen demografischen Höhepunkt überschritten hat, ist Indien mit 1,5 Milliarden Menschen das bevölkerungsreichste Land – und die Erwerbsbevölkerung wächst weiter. Die Menschen eröffnen Bankkonten, kaufen Versicherungen, finanzieren Motorräder, Küchen, Wohnungen und irgendwann ein Auto – ein Markt mit riesigem Potenzial.
Der Staat liefert den passenden Rahmen: Jedes Jahr fließen Milliarden in Straßen, Häfen, Bahnstrecken und Stromnetze, zugleich wird digitalisiert. Beispiel UPI: Das staatliche Echtzeit-Zahlungssystem überträgt Geld sofort und gebührenfrei per Smartphone-App und QR-Code, die Zahl der Transaktionen übertrifft die von Visa oder Mastercard in Indien.
Für Fondsmanager Subbe sind es vor allem die indischen Konsumenten, die den Markt von anderen Schwellenländern unterscheiden. Und weil auch die Makrodaten überzeugen, hat die Ratingagentur S&P die Bonität Indiens nach 18 Jahren erstmals wieder heraufgestuft: Die Inflation ist zuletzt deutlich zurückgegangen, die Devisenreserven zählen zu den höchsten aller Schwellenländer, ausländische Direktinvestitionen haben zuletzt einen Rekordwert erreicht. Goldman Sachs erwartet in den nächsten Jahren ein Wirtschaftswachstum von rund sechs Prozent im Jahr.

Börse Mumbai
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Wer über ETFs in Indien investieren will, sollte den Franklin FTSE India ETF wählen. Er bildet mit rund 277 Unternehmen den Markt am umfassendsten ab, weil er nicht nur die größten, sondern auch Aktien mittelgroßer und kleinerer Unternehmen aufnimmt. Sie sind meistens diejenigen, die direkter vom Infrastruktur- und Konsumboom des Landes profitieren. Der iShares MSCI India ETF und der Xtrackers Nifty 50 ETF konzentrieren sich stärker auf die größten Konzerne des Landes.
Dan Muzzarelli, Vertriebschef für ETFs bei Franklin Templeton, hält die breiteren Anlageinstrumente für interessanter, weil sie die Dynamik der indischen Wirtschaft gut abbilden: „Wo Märkte nicht vollständig analysiert sind, entstehen häufig Anlagechancen.“
Zwei ungleiche Märkte
Auch Aktien aus China und Brasilien landen in den gängigen Schwellenländerindizes – tatsächlich könnten ihre Investmentgeschichten aber kaum unterschiedlicher sein. China lockt mit Bewertungen, die viele Value-Investoren seit Jahren faszinieren: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei niedrigen elf, das Kurs-Buchwert-Verhältnis bei 1,3. Viele Unternehmen wirken somit günstig. Trotzdem bleibt die Skepsis groß. Seit der Staat im Jahr 2021 ganze Branchen regulierte und Internetkonzerne unter Druck setzte, kalkulieren Investoren das politische Risiko ein.
Hinzu kommen die Spannungen mit Taiwan, die Immobilienkrise, die schwache Konsumnachfrage und eine Wirtschaft, die nur langsam wächst. Für Chefanleger Subbe ist China weder ein Ersatz für Indien noch für Korea. „China ist eine eigene Investmentgeschichte“, sagt er. Wer China kauft, setze darauf, dass günstige Bewertungen langfristig stärker zählen als politische Unsicherheit.

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In einer anderen wirtschaftlichen Liga spielt Brasilien. Seit Jahresbeginn kam der Markt dort zwar kaum von der Stelle, auch weil es dort keine Halbleiterunternehmen gibt. Dafür hat Brasilien viele Rohstoffe, eine starke Landwirtschaft und solide Banken. Anlegern bietet das eine Ergänzung, die in vielen Portfolios fehlt: Die Branchen zählen oft zu den Gewinnern, wenn die Weltwirtschaft anzieht und Rohstoffpreise sowie Zinsen steigen. Damit ist Brasilien auch eine Ergänzung zu Indien.
Christian Subbe rät, nicht nur in einen Schwellenländerfonds oder ETF zu investieren. „Es gibt nicht die Eier legende Wollmilchsau, die immer funktioniert“, sagt er. Sein Family Office HQ Trust kombiniert bewusst unterschiedliche Fondsmanager und Ansätze, jeder soll in einer anderen Marktphase seine Stärken ausspielen.
Dieser Gedanke gilt auch für ganze Volkswirtschaften: Streuung bedeutet nicht, viele Länder im Depot zu haben, sondern unterschiedliche Wachstumsgeschichten zu kaufen. So geht langfristig nichts schief, weil man nicht auf dem falschen Fuß erwischt werden kann.

vor 2 Tage
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