Geldanlage: Dämpfer für historische Gewinnserie des S&P 500 – warum Experten optimistisch bleiben

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New York, Düsseldorf. Die Gewinnserie am US-Aktienmarkt ist gerissen – und wie: Chipaktien wie Micron Technology und Broadcom verloren am Donnerstag und Freitag mehr als zehn Prozent an Wert. Sie zählten zu den Haupttreibern des vorangegangenen steilen Aufwärtstrends.

Neun Wochen in Folge war der S&P 500 gestiegen, eine längere Gewinnserie gab es zuletzt im Jahr 1985. Dass diese Serie gerissen ist, werten einige Experten als Warnsignal – doch die Mehrzahl sieht lediglich eine Verschnaufpause. Vielmehr könnte die Rally in eine neue Phase eintreten.

Zu den Optimisten gehört der unabhängige Analyst Ed Yardeni. Mitte Mai hat sein Research das Jahresendziel für den S&P 500 von 7700 auf 8250 Punkte angehoben. Es ist das höchste Kursziel an der gesamten Wall Street. Gegenüber dem aktuellen Kursniveau wäre das ein Plus von weiteren acht Prozent.

Yardeni begründet das hohe Kursziel mit der Stärke und Breite der Gewinne während der Berichtssaison zum ersten Quartal. Aus seiner Sicht werde die Entwicklung am Aktienmarkt derzeit nicht von „Fomo“ – der Angst, etwas zu verpassen – getrieben, sondern von „Femo“ (Fabulous Earnings Momentum) – also den fabelhaften Gewinnen. Die Logik: Ein von „Femo“ getriebener Aktienmarkt sei nachhaltiger.

Ähnlich optimistisch blickt die Investmentstrategin Kriti Gupta von der US-Großbank JP Morgan in die Zukunft. Bis Mitte 2027 könnte der S&P 500 sogar die Marke von 9000 Punkten erreichen, schrieb sie kürzlich: „Das mag optimistisch erscheinen, ist aber durchaus realistisch.“ Gegenüber dem aktuellen Niveau wäre das ein Plus von knapp 20 Prozent.

Auch Gupta verweist auf die gestiegenen Unternehmensgewinne. Bei den S&P-500-Konzernen stiegen sie im ersten Quartal im Jahresvergleich um mehr als 25 Prozent. Solche Anstiege gab es in der Vergangenheit meist nur in der Erholung nach einem konjunkturellen Abschwung.

58,9Prozentsind die Unternehmensgewinne vor Steuern und Abschreibungen (Ebitda) im Index „S&P 500 Information Technology“ im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahr gestiegen.
Quelle: Bloomberg

Getragen werden Gewinne und Kurse maßgeblich vom Boom Künstlicher Intelligenz (KI). Große Rechenzentrumsbetreiber wie Alphabet, Amazon und Microsoft erhöhen ihre KI-Investitionen immer weiter.

Analysten erwarten, dass die sogenannten Hyperscaler – also die großen Anbieter von Cloud-Infrastruktur und -Diensten – in diesem Jahr mehr als 750 Milliarden Dollar investieren werden. Das wäre ein Plus von 83 Prozent gegenüber 2025. Davon profitieren Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – seien es Chipdesigner, Chipproduzenten, Chipausrüster, Energieversorger oder Anbieter digitaler Infrastruktur, die beispielsweise die Kühlung von Rechenzentren gewährleisten.

Der IT-Sektor steht nach wie vor für einen Großteil der Kursgewinne im S&P 500

Die meisten KI-Gewinner im S&P 500 sind im Subindex Subsektor S&P 500 Information Technology (IT) gebündelt. Die Unternehmensgewinne in diesem Sektor stiegen im Jahresvergleich im Schnitt um mehr als 58 Prozent – das sind die von Yardeni genannten „fabelhaften Gewinne“.

Entsprechend stark steigen die Aktien dieser Unternehmen. Der Kurs des S&P 500 Information Technology stieg seit Beginn der Gewinnserie Ende März um mehr als 40 Prozent. Damit war der Sektor auch für den Großteil der gesamten Indexgewinne verantwortlich. Ohne IT-Aktien schrumpft der Anstieg des S&P 500 im genannten Zeitraum von 19 auf knapp neun Prozent.

Das Verhalten am Aktienmarkt ist einfach total verrückt. Ryan PaynePayne Capital Management

Unter Anlegern löst die starke Abhängigkeit von wenigen Unternehmen und deren Investitionen teilweise Unbehagen aus, Warnungen vor einer Spekulationsblase machen die Runde. Ryan Payne, Mitgründer des US-Vermögensverwalters Payne Capital Management, warnte in einem Interview mit Fox Business: „Ich habe noch nie solche starken Schwankungen auf Tagesbasis gesehen. Das Verhalten am Aktienmarkt ist einfach total verrückt.“

Michael Hartnett, Chefanlagestratege der US-Großbank Bank of America, weist auf ein Ereignis am Aktienmarkt hin, das es bereits vor 26 Jahren auf dem Höhepunkt der Internetblase gegeben hatte: In der vergangenen Woche erzielten 20 Unternehmen im S&P 500 ein neues Rekordhoch. Dreizehn davon hatten einen direkten KI-Bezug.

Im März 2000 war es ähnlich: Auch damals waren es lediglich 20 Titel, die auf neue Höchststände kletterten. Die spekulative Kursentwicklung sei dem Experten zufolge zwar wahrscheinlich noch nicht vorbei, dieses Ereignis sei jedoch ein weiteres Indiz dafür, dass sich die Rally dem Ende nähere.

Exponentielle Verbesserungen durch KI?

Dem hält Analyst Owen Hyde von der US-Investmentgesellschaft Jennison Associates entgegen: „Vielen Menschen, die sich Sorgen über eine mögliche Blase im KI-Bereich machen, fällt es möglicherweise schwer, die Ausgaben nachzuvollziehen, weil sie die exponentiellen Verbesserungen übersehen, die wir in mehreren neuen Bereichen beobachten.“

JP-Morgan-Expertin Gupta hält es beispielsweise dank der KI-Revolution für möglich, dass Unternehmen ein nachhaltiges Gewinnwachstum im mittleren zweistelligen Bereich erzielen können, ohne die Inflation anzuheizen. Dafür müsse zwar die Produktivität deutlich steigen, doch Gupta erklärte: „Wir haben das schon einmal erlebt.“

Wir würden die jüngste Schwäche in erster Linie als Gewinnmitnahme und Konsolidierung nach einer starken Aufwärtsbewegung betrachten. Tomás García-PurriñosSantander Asset Management

Die Strategin bezieht sich damit auf das Ende der 1990er-Jahre: Damals nahm die Produktivität von Firmen stark zu – mit einer jährlichen Steigerung von im Durchschnitt rund 2,8 Prozent. Der S&P 500 erzielte zwischen 1995 und 2000 fünf Jahre in Folge Renditen von über 20 Prozent. „Das kann sich wiederholen“, sagte Gupta.

Dass die Gewinnserie des S&P 500 nun gerissen ist, sehen viele Experten daher lediglich als Verschnaufpause. „Wir würden die jüngste Schwäche in erster Linie als Gewinnmitnahme und Konsolidierung nach einer starken Aufwärtsbewegung betrachten“, sagte Anlagestratege Tomás García-Purriños von der spanischen Santander Asset Management der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Möglicherweise verändere sich die Rally auch, erklärte Anlagestratege Stephan Kemper vom französischen Vermögensverwalter BNP Paribas Wealth Management: „Da die Berichtssaison der KI-Infrastrukturunternehmen vorerst abgeschlossen ist, pausiert der entscheidende Kurstreiber stetig steigender Gewinnprognosen bis Mitte Juli.“

Geldanlage

HSBC-Stratege Kettner erwartet „die nächste Phase der Rally“

Stattdessen dämpften die enttäuschenden Quartalszahlen des US-Chipkonzerns Broadcom Mitte der Woche die Stimmung. „Kapital fließt jedoch nicht ab, sondern sucht gezielt nach Alternativen. Defensive Werte, zyklische Titel und Nebenwerte fangen die Liquidität auf, was den Dow Jones auf ein neues Allzeithoch trieb“, sagte Kemper. Die Zusammensetzung des Dow-Jones-Indexes ist deutlich weniger techlastig und hat stattdessen einen höheren Industrieanteil.

Dass viele Analysten und Strategen mittelfristig optimistisch sind, bedeutet aber nicht, dass sie mit einem stetigen Aufwärtstrend rechnen. Dieser kann durch Korrekturphasen unterbrochen werden. Yardeni erwartet beispielsweise, dass die anstehenden großen Börsengänge für erhöhte Volatilität sorgen können.

SpaceX-Börsengang könnte Marktstimmung beeinflussen

Am kommenden Freitag, dem 12. Juni, ist der Börsengang von Elon Musks Raumfahrtkonzern SpaceX geplant. Auch die KI-Entwickler Anthropic und OpenAI streben in diesem Jahr an die Börse. Die Bewertungen dürften jeweils im Billionenbereich liegen, dementsprechend viel Kapital saugen die Börsengänge auf.

Börsengang

Strenge Aufnahmeregeln bleiben: S&P dämpft Hoffnungen auf schnelle SpaceX-Aufnahme in Leitindex

Aus Sicht von Olaf Stotz, Finanzprofessor an der Frankfurt School of Finance, besteht die größte Gefahr für die Märkte dabei darin, dass das IPO von SpaceX nicht wie erwartet läuft und sich damit die Marktstimmung in den USA komplett dreht: „Insofern stecken im SpaceX-Börsengang nicht nur SpaceX-Risiken, sondern auch Marktrisiken drin.“

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Ron Temple, Chefmarktstratege der US-Investmentbank Lazard in den USA, nennt zudem anhaltende Herausforderungen im Privatkreditmarkt (Private Credit) als Risiko, die die Verfügbarkeit von Kapital für kritische Infrastruktur einschränken könnten. Dazu weist er auf die Gefahr steigender Zinsen hin. Weil der Krieg im Nahen Osten nicht beendet ist und die Energiepreise hoch bleiben, wachsen die Inflationssorgen.

Die Experten der Deutschen Bank rechnen daher weiterhin mit größeren Kursschwankungen: „Sobald der Krieg endet, wird sich die Debatte, wie KI die Welt neu gestalten wird, wieder verschärfen“, erwarten sie. Die Märkte werden aus ihrer Sicht aggressiv auf Narrative reagieren, von denen einige kurz vor der Verwirklichung stehen, während andere völlig realitätsfern seien.

Ihr Fazit lautet daher: „Rechnen Sie also damit, dass sich das Tech-Fieber und seine Auswirkungen weiter intensivieren werden.“

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