Mitten in Dortmund steht in einem Raum der Träume ein kleiner grellgrüner Schuh mit Stollen. Er sieht so aus, als wäre er Hulk, der von einem anderen Wesen aus der Comic-Welt verwandelt wurde. Als würden in ihm übermenschliche Kräfte schlummern, die auch in unserer Welt darauf warten, geweckt zu werden. So wie damals, als ein Junge aus Deutschland diesen Schuh angezogen und sich wie ein Superheld gefühlt hat.
Wenn Kinder spielen, geht es immer auch um Träume, in denen sie wie ihre Superhelden sein und wie diese aussehen wollen. So fing auch die Geschichte von Florian Wirtz an, dem Jungen aus Deutschland, der nie für Batman oder Superman und schon gar nicht für Hulk geschwärmt hat, dafür aber für Neymar, den Fußballspieler aus Brasilien, der immer bunte Schuhe getragen hat.
Zwei Jungen, die nie mit dem Träumen aufhören mussten
Als sein Onkel ihm solche Schuhe geschenkt hat, hat sich Wirtz’ Traum, so wie Neymar zu sein, sofort etwas echter angefühlt. Und in diesem Sommer, in dem die Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet, werden viele von den Kindern, die solche Schuhe tragen, wahrscheinlich nicht davon träumen, wie Neymar zu sein, sondern wie Wirtz.
„Superheroes“ heißt die Ausstellung im Fußballmuseum in Dortmund, in der der kleine grellgrüne Schuh seit März steht. Dort wird auf 1000 Quadratmetern die Geschichte von Florian Wirtz und Jamal Musiala erzählt, die Geschichte von zwei Jungen, die heute 23 Jahre alt sind, aber nie mit dem Träumen aufhören müssten, weil sie mit dem Ball am Fuß Unglaubliches anstellen können.
Ausstellung „Superheroes“ im Dortmunder Fußballmuseum: Wann ist ein Held ein echter Held?Stephan SchützeSo unglaublich, dass sie von den Machern der Ausstellung mit KI verwandelt wurden: von Spielern mit Trikots in Spieler mit Superheldenanzügen – inszeniert auf Videowänden, die so groß sind wie Mannschaftsbusse. Und während man dort den KI-Wirtz sieht, hört man den echten Wirtz, der über seine Fähigkeiten als Fußballspieler sagt: „Wenn man das als Superkraft beschreiben will, dann würde ich sagen: Fünf Prozent sind Superkraft und fünfundneunzig Prozent sind Arbeit und Training.“
Trump als Gastgeber
Verlässt man danach den Raum der Träume, versteht man aber schon im Museumsshop, wo an diesem Tag Kinder einer Schulklasse sekundenlang auf die Trikots der deutschen Nationalmannschaft von Wirtz und Musiala starren, dass die beiden wirklich eine Superkraft haben: Sie können andere träumen lassen.
Wovon Wirtz und Musiala träumen, hat man auf dem letzten Bild der Ausstellung gesehen. Sie starren dort in den Trikots der deutschen Nationalmannschaft auf den golden leuchtenden WM-Pokal. Und als Besucher kann man in diesem Bild dann noch etwas anderes sehen: den Übergang von der Inszenierung in die Realität.
Wenn in diesem Sommer Florian Wirtz, Jamal Musiala und all die anderen Superheroes spielen, kann es aber nicht nur um ihre Träume gehen. Weil dort, in den USA, wo die Mehrheit der WM-Spiele stattfindet, ein Mann an der Macht ist, der mit der Lust an der Gewalt, die seiner Politik zugrunde liegt, Träume zerstört. Ein Mann, der in der Comic-Welt der Bösewicht wäre. Und wenn dieser Mann in der Realität seine Mega-MAGA-Show auf der Bühne des Sports inszenieren darf, wird sich die Frage stellen, die so immer wieder gestellt worden ist: Was für Superhelden sollen Fußballspieler in unserer Welt sein, in der Donald Trump ihr Gastgeber ist?
Opposition oder Opportunismus?
In der Woche bevor die Ausstellung in Dortmund eröffnete wurde, hat der Mann, der in Bayern an der Macht ist, seine Antwort schon gegeben. Als der Politiker Markus Söder auf die WM in den USA angesprochen wurde, sagte er: „Mein Rat: so wenig Politik wie möglich.“ Er erinnerte an die WM 2022 in Qatar und damit an das Bild der Deutschen, das um die Welt gegangen ist: elf Nationalspieler, die sich beim Mannschaftsfoto vor dem ersten Spiel die Hand vor den Mund gehalten haben.
Die Spieler protestierten damals gegen den internationalen Fußballverband FIFA, der den Deutschen kurz davor verboten hatte, eine Kapitänsbinde mit der Aufschrift „One Love“ zu tragen. Und Bernd Neuendorf, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, sagte nicht nur deswegen: „Wir sind in der Opposition zur FIFA.“
Der Oppositionelle hat sich dann als Opportunist erwiesen, und so hat vor der WM nicht nur der bayerische Ministerpräsident, sondern auch der DFB-Präsident mehr oder weniger dieselbe Antwort auf die Frage gegeben: dass der Fußball und damit auch die Fußballspieler die Welt nicht retten können.
Doch wenn Superhelden nicht die Welt retten, was machen sie dann?
Es hat sich die Haltung durchgesetzt, dass der Fußball dafür da sein soll, dass seine Fans wenigstens für 90 Minuten nicht an den Wahnsinn unserer Welt denken müssen. In der Zeit von Polykrise und Hyperpolitik hat das einen Wert, der nicht unterschätzt werden sollte.
Jamal Musiala hat sich seinen Traum erfüllt – und lässt Millionen Kids träumenIan MacNicolAber was, wenn die, die an der Macht und damit für den Wahnsinn verantwortlich sind, das genau so wollen? Was, wenn sie ganz glücklich darüber sind, dass in den 90 Minuten, in denen mal nicht für den Lebensunterhalt gearbeitet wird, dann auch nicht organisiert, agitiert und dagegen gekämpft wird, dass die eigene Miete so hoch ist, dass die eigenen Nachbarn von den paramilitärischen Banden einer Einwanderungsbehörde abgeführt oder sogar erschossen werden?
Aus der Sicht dieser Politik wäre der moderne Fußballspieler der perfekte Superheld. Weil man ihm, so wirkt es vor dieser WM in Trumps Amerika, anscheinend widerspruchslos sagen kann: Shut up and play! Und weil sich dadurch auch dessen Fans leichter sagen lässt: Shut up and watch!
Moderne Gladiatoren
In Bayern hat sich der Fußballspieler Thomas Müller, der für kleine, aber auch große Fans ein Superheld war, im Mai 2025 nach seinem letzten Heimspiel für den FC Bayern an einer Selbstbeschreibung versucht. Und weil Müller sich, seinen Klub und seinen Sport schon immer besser als die meisten einschätzen konnte, hat er eine Beschreibung gefunden, die besser als die meisten passt. Als er sich von mehr als 70.000 Menschen in der Arena in München verabschiedete, sagte er ins Mikrofon: „Ich hab’s geliebt, der moderne Gladiator zu sein.“
Wer sich in unserer Welt als Superheld inszeniert, so wie Florian Wirtz und Jamal Musiala das in der Ausstellung in Dortmund gemacht haben, sollte wissen, dass die Superhelden in der Comic-Welt sich verändert haben. Man könnte mit Thomas Müller sagen: Sie sind gladiatorenhafter geworden. Das neue düsterere Bild ist spätestens 2008 durch Christopher Nolans Film „The Dark Knight“ im Mainstream angekommen, auch wenn der Ton durch Comics schon sehr viel früher gesetzt wurde.
Wer kann überhaupt ein Held sein?
In „The Dark Knight Returns“ (1986) von Frank Miller und in „The Killing Joke“ (1988) von Alan Moore, dem Großmeister dieser neuen Geschichten, der auch den Comic „Whatever happened to the man of tomorrow?“ (1986) geschrieben hat, in dem Superman sogar mit dem höchsten der eigenen Grundsätze bricht, dem Tötungsverbot.
Durch diese Genreentwicklung, so hat das Dietmar Dath in seinem Buch „Superhelden“ (2016) geschrieben, wurde die Genrevoraussetzung infrage gestellt: „ob Helden, die über dem Gesetz und außerhalb des Menschlichen stehen, überhaupt Helden sein können“. Und wenn man das überträgt, scheint die Frage nicht mehr zu sein, was Fußballspieler für Superhelden sein sollen, sondern ob sie überhaupt welche sein können.
Das Geschäft mit den Träumen
In unserer Welt stehen Fußballspieler nicht über dem Gesetz (auch wenn man weiß, dass für Millionäre manchmal andere Gesetze gelten) und nicht außerhalb des Menschlichen. Mit der Realität der meisten Menschen, die ihnen zuschauen, haben sie aber trotzdem nichts zu tun. Sie kommen oft schon als Kinder in die Superheldenfabriken der Klubs, die in Deutschland Nachwuchsleistungszentren genannt werden.
Und am Beispiel von Florian Wirtz und seinem grellgrünen Schuh sieht man, dass dort auch schon andere Mächte im Spiel sind. Damals hat Wirtz seinen Mitspielern gesagt, dass sein Onkel ihm die neuen Schuhe geschenkt habe. Doch in der Ausstellung in Dortmund sagt er, dass das so nicht gestimmt habe. Er sollte das so erzählen, weil er schon einen Vertrag mit Adidas gehabt und wegen dieses Vertrags den Schuh erhalten hat, mit dem sich sein Traum etwas echter angefühlt hat.
Dem Weltkonzern Adidas ging es natürlich nie nur um den Traum dieses einen Jungen, sondern stets um die Träume aller anderen Jungen und Mädchen, die jetzt, da Wirtz für den FC Liverpool und die deutsche Nationalmannschaft aufläuft, wie er spielen und deswegen seine Schuhe haben wollen.
Knien während der Nationalhymne
Wenn Florian Wirtz und Jamal Musiala in diesem Sommer in den USA spielen, tun sie das in einem Land, in dem nicht nur die Träume, sondern auch das Geschäft mit den Träumen schon immer etwas größer gewesen ist. Und in dem zumindest manche Sportlerinnen und Sportler dank des Geschäftsmodells der Gesellschaft dort eine gewisse wirtschaftliche Unabhängigkeit erlangt und gezeigt haben, dass die Spielfiguren auch sprechen können.
Der wohl berühmteste Fall in diesem Jahrhundert: Colin Kaepernick, der frühere Footballspieler der San Francisco 49ers, der sich während der amerikanischen Nationalhymne hingekniet hat, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu protestieren, und der, als sein Vertrag dann ausgelaufen ist, deswegen keinen neuen Vertrag mehr in der NFL erhalten hat.
Colin Kaepernick (Mitte) von den San Francisco 49ers kniet 2016 mit Kollegen aus Protest gegen Rassismus bei der Nationalhymne. Bald war er arbeitslos.Ted S. WarrenEr ist danach weiter von Nike, seinem Sponsor, unterstützt worden, aber auf diese Unterstützung sollte man sich nicht verlassen. Nicht in diesem Land und schon gar nicht unter diesem Präsidenten, wo mit dem Beginn von Donald Trumps zweiter Amtszeit wieder deutlich wurde, dass die Vorstände der großen Unternehmen noch viel opportunistischer sind als der DFB-Präsident.
„Ohne Opfer kann man nichts ändern“
Am Fall Kaepernick kann man daher auch diskutieren, wie unabhängig ein Athlet im modernen Sport wirklich sein kann. Der Basketballspieler Enes Kanter Freedom, der wegen seines politischen Aktivismus wiederum in der nordamerikanischen NBA keinen Vertrag mehr erhält, hat im F.A.Z.-Interview gesagt, dass Kaepernick sein Freund gewesen sei, mit dem er sich getroffen und ausgetauscht habe.
Aber als er dann die menschenunwürdigen Arbeitsverhältnisse in den in Xinjiang stehenden Fabriken von Nike, von Kaepernicks Sponsor, kritisierte, habe der sich „nie wieder gemeldet“. Das ist der ewige Konflikt: Kann man wie Kaepernick in einem System bleiben und von innen heraus etwas verändern? Enes Kanter Freedom sagt: „Ohne Opfer kann man nichts ändern.“
Vor der Fußball-WM führt das zur Frage, welches Opfer man von Sportlerinnen und Sportlern eigentlich verlangen darf und kann. Es sind eben junge Menschen, manche von ihnen nicht mal 20 Jahre alt, die in diesem Sommer das Turnier spielen, für das sie in ihrem Leben so viel aufgegeben haben. Die den Moment erleben, von dem sie träumen, seit sie kleine Kinder sind.

Eine Geschichte aus dem Frankfurter Allgemeine Quarterly, dem Zukunftsmagazin der F.A.Z.
Und weil man deswegen erst einmal nichts verlangen darf und kann, sollte man allen umso mehr applaudieren, die sich trotzdem trauen. Das heißt nicht, dass jeder, der sich gegen Rassismus hinkniet, Colin Kaepernick ist, der damals das für ihn Kostbarste aufs Spiel gesetzt hat: die Möglichkeit zu spielen. Doch wer sagt, dass so ein Kniefall nichts kostet, der konnte vor einem Jahr sehen, welchen Preis Jessica Carter zahlen musste, die Fußballnationalspielerin aus England, die während der EM auf diese Weise gegen Rassismus protestiert hat und danach ihre Social-Media-Accounts deaktivieren musste. Wegen rassistischer Kommentare.
Einer für alle?
Wann wäre der Moment, wenn ein Sportler in Trumps Amerika in diesem Sommer sprechen müsste, um nicht nur eine Spielfigur zu sein? Schon wenn ein Zuschauer aus politischen Gründen nicht in das Land kommen darf? Erst wenn eine Zuschauerin aus noch schlimmeren Gründen nicht mehr aus dem Land gehen kann?
Es wird immer etwas kosten, wenn ein Sportler den Mund aufmacht. Und wenn er nicht nur den Mund auf-, sondern noch mehr machen will, werden diese Kosten weiter steigen. Das Schöne am Mannschaftssport ist, dass auch solche Herausforderungen als Mannschaft gemeistert werden können. Doch wo Superhelden aus dem Kollektiv herausindividualisiert werden, wird die Vermarktbarkeit gestärkt, aber die Resilienz geschwächt.
In der Schlussszene des Films „The Dark Knight“ wird der Polizeichef von Gotham von seinem Sohn gefragt, warum Batman, ihr Verbündeter, von den Polizisten der Stadt verfolgt werde, wo er doch nichts Falsches gemacht habe. Der Polizeichef sagt: „Because he can take it.“ Weil er es aushalten kann. Und wenn wir auf diese WM, aber auch darüber hinausschauen, wird es wahrscheinlich keine bessere Antwort auf die Frage geben, was einen Superhelden in allen Welten zu einem Superhelden macht: dass ihm etwas zugemutet werden kann, was einem Einzelnen eigentlich nicht zuzumuten ist.

vor 2 Tage
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