Ausgeflippert: Im Existenzkampf der Bundesliga ist es manchmal völlig egal, ob Dinge schön oder planvoll passieren. Hauptsache, sie passieren. Im Fall von Werder Bremen ist man wenig wählerisch. Letztmals hatte das Weserstadion am 7. November gegen Wolfsburg drei Punkte bejubelt, seitdem gab es Tiefschläge, etliche Verletzungen, einen Trainerwechsel. Gegen Tabellenschlusslicht Heidenheim zitterten die Bremer nun eine 1:0-Führung in die Nachspielzeit.
Es folgte Entsetzen, als Keke Topp die Chance aufs zweite Tor frei stehend in den Nachthimmel bolzte (90.+2 Minute), Szenenapplaus für Mio Backhaus, der nach seinem Patzer in der Vorwoche einen handelsüblichen hohen Ball abfing (90.+5) – und schließlich die kollektive Ekstase, als ein abgewehrter Schuss von Justin Njinmah dem Heidenheimer Hennes Behrens an den Kopf und von dort ins Tor flog (90.+6). Reiner Slapstick, aber das kümmerte das Nebelhorn am Bremer Weserbogen ebensowenig wie den grün-weißen Anhang.
Das Ergebnis: Nach zuvor 13 Spielen ohne Sieg fährt Werder wieder drei Punkte ein und schlägt den 1. FC Heidenheim 2:0 (0:0), springt damit vorerst am VfL Wolfsburg vorbei auf den Relegationsplatz. Keller-Konkurrent FC St. Pauli gewinnt parallel 1:0 (1:0) bei der TSG Hoffenheim. Borussia Mönchengladbach holt dank eines Treffers in letzter Minute ein 1:0 (0:0) gegen Union Berlin, Bayer Leverkusen spielt 1:1 (0:0) gegen Mainz 05.
Nix noise: Der »Trainerwechseleffekt« gilt als wirkmächtiger Abstiegskampf-Placebo. Bei Werder Bremen verpuffte er unmittelbar: Punktlos nach drei Spielen als Bremer Cheftrainer trat Daniel Thioune zum Abstiegsgipfel an – und sah sich mit der Aufgabe konfrontiert, aus dem Nichts ein positives Momentum erzeugen zu müssen. »Ich habe die Mannschaft mal wieder an ihr Selbstwertgefühl erinnert«, gab der Nachfolger von Horst Steffen vor dem Spiel zu Protokoll. »Ich glaube, dass sie ein Stück weit auch noise cancelling betreiben muss.« Die Bremer Krisenstimmung, sie war zuletzt zur selbsterfüllenden Prophezeiung geworden. Ein Signal gab es schon vor Anpfiff: Die Werder-Ultras ließen ihren Capo eigens zum Stadion und zur Mannschaft sprechen, boten dem Team einen Schulterschluss trotz zuletzt ausbleibender Leistung.
Werder-Trainer Daniel Thioune mit den Fans im Rücken: Raus aus der Negativspirale
Foto: Ayman Alahmed / STEINSIEK.CH / IMAGOSpitzen? Mäßig: Damit es diesmal anders würde, baute Thioune auf eine Viererkette – und erstmals von Beginn an auf Jovan Milošević. Die Leihgabe vom VfB Stuttgart hatte in der Hinrunde noch die serbische Liga zerschossen, ehe die Schwaben bei der Wahl zwischen einem Verkauf nach Belgrad und einer Leihe nach Bremen dem SV Werder den Zuschlag gaben. Trotz fehlender Alternativen in der Sturmspitze hatte es für Milošević zuvor nur zu 31 von 270 möglichen Spielminuten gereicht, aber auch zum einzigen Bremer Treffer bei der Niederlage gegen den FC St. Pauli.
Flucht nach vorne: Architekt des Bremer Kaders ist vor allem Ex-Kapitän Clemens Fritz. Auf den Geschäftsführer Profifußball fiel zuletzt der Großteil der Kritik zurück – nicht zuletzt, weil im Sommer bei Victor Boniface zugegriffen hatte, der zuvor bei der AC Mailand durch den Medizincheck gerasselt war und Werder nie bei voller Fitness zur Verfügung stand. Dieser Tage tat sich Fritz vor allem durch zweierlei hervor: Das Starkreden der Mannschaft und eine gewaltige Portion Trotz. »Wir brauchen diese Leck-mich-am-Arsch-Stimmung«, forderte Fritz vor Anpfiff. »Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Was soll jetzt noch weiter passieren?«
Die Klaviatur des Scheiterns: Einstellungsprobleme konnte man Werder an diesem Nachmittag tatsächlich keine diagnostizieren. Allerdings spielte der drittschwächste Angriff der Liga einmal mehr so, wie der drittschwächste Angriff der Liga eben spielt: Als Olivier Deman sich nach Ballgewinn durchtankte, pfiff Schiedsrichter Florian Badstübner das vermeintliche Bremer 1:0 wieder zurück, weil Milošević im Abseits stehend den Heidenheimer Ersatztorwart Frank Feller umgerempelt hatte (26.). Zehn Minuten später grätschte Milošević eine Schmid-Hereingabe aus drei Metern am leeren Tor vorbei. Und quasi mit dem Pausenpfiff schaffte auch Romano Schmid selbst das Kunststück, Feller zu umkurven und trotzdem erst den Pfosten, dann das Außennetz zu treffen (45.+1).
Am Gegenspieler vorbei, am Tor aber auch: Romano Schmid hatte kein Abschlussglück
Foto: Carmen Jaspersen / dpaGrün und Fleiß: Torlos ging Werder also in die Pause. Trotzdem schien das Team den Auftritt als Mutmacher zu begreifen. Und warum auch nicht: Quasi jeder Heidenheimer ließ sich mindestens einmal auf überraschend simple Art und Weise den Ball abjagen, die Gäste-Chancen ließen sich sich selbst großzügig gerechnet an einer Hand abzählen. Nach 57 Minuten war es dann so weit, eine Flanke von Schmid aus dem Halbfeld fand den Kopf von Milošević. Ein Stürmertor! In Bremen! Oft hatte man das in dieser Spielzeit noch nicht gesehen. Aber wer unablässig anrennt, dem gibt der Widerstand irgendwann nach.
Heidenheim steckt auf: Für die Gäste von der Ostalb scheint das Abenteuer Bundesliga indes zu Ende zu gehen. Acht Punkte fehlen inzwischen auf den Relegationsplatz. Trainer Frank Schmidt gab sich realistisch: »Es wäre schon mehr als ein Wunder, wenn wir da unten noch mal rauskommen. Wir haben heute gegen den Tabellenvorletzten keine Chance gehabt.«

vor 15 Stunden
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