Szene des Nachmittags: Man müsste die ersten sieben Minuten im Kölner Stadion in einer Szene zusammenfassen können. Borussia Mönchengladbach ging schon nach 30 Sekunden durch Jens Castrop in Führung. Großer Jubel bei den Fans. Zwei Minuten später schlug der FC durch Saïd El Mala zurück. Noch größerer Jubel. Vier Minuten später drehte der FC die Partie durch Ragnar Ache. Ekstatischer Jubel. Karneval in der Fastenzeit. Ein Derby einfach mal ohne Abwehr spielen, da simmer dabei.
Resultate des Spieltags: Der 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach trennen sich 3:3 (2:2). Der VfL Wolfsburg unterliegt Werder Bremen 0:1 (0:0) und versinkt auch unter Neu-Trainer Dieter Hecking in der niedersächsischen Tiefebene. Außerdem: Bayern München besiegt Union Berlin 4:0 (2:0). Der 1. FC Heidenheim und Bayer Leverkusen spielen ebenfalls 3:3 (0:2). Am Abend empfängt Borussia Dortmund den Hamburger SV.
Die erste Halbzeit in Köln: Holla, die Waldfee. Da war was los, drei Treffer nach sieben Minuten, das gab es in der Bundesliga zuletzt 2013, auch damals mit Gladbacher Beteiligung gegen den FC Bayern. Hochgerechnet wären das fast 30 Tore in den 90 Minuten. Dem konnten beide Teams dann doch nicht gerecht werden. Philipp Sander machte nach 21 Minuten noch das 2:2 für die Gäste, danach fiel bis zur Pause tatsächlich kein Tor mehr. Sehr enttäuschend.
Die erste Halbzeit in Wolfsburg: Fand weitgehend außerhalb der Arena statt. Nach Auseinandersetzungen mit der Polizei wurde ein Großteil der Werder-Ultras nicht ins Stadion eingelassen. Ein Vorfall, der sich in dieser Saison in eine Serie von Konfrontationen zwischen Fans und Polizei, die sich hochschaukeln, einreiht. Vor dem Hintergrund der Drohkulisse, die die Innenminister in Richtung Bundesliga wiederholt aufgebaut haben, zuletzt in der Vorwoche rund um die Sportministerkonferenz auf Norderney, hat das eine besondere Note. Gespielt wurde auch noch, aber so, wie man das von beiden Clubs derzeit erwarten darf: viel Gestocher. Kurz vor der Pause weckte Wolfsburgs Jesper Lindstrøm die Zuschauer mit einem Lattentreffer auf.
Come together: Der Sender Sky hatte den Spieltag zum »Come-together-Spieltag« ausgerufen. Anlass: der internationale Tag gegen Rassismus. In allen Stadien wurde mit Ansagen und Einblendungen daran erinnert. Auch die Werder-Ultras hätten sicher gern ihren Teil dazu beigetragen.
Jens Castrop lässt sich nach dem 3:2 den Fußballschuh wienern
Foto: Marius Becker / dpaDie zweite Halbzeit in Köln: Torärmer. Und dennoch bot sie das Highlight des Spiels. Jens Castrop nahm in der 60. Minute Maß und traf vom Strafraumeck sehenswert in die lange Kölner Torecke. Also wieder Zeit für den FC, zu kontern: Eric Martel köpfte einen Eckstoß ins Gladbacher Tor – und kassierte zwei Minuten später die Ampelkarte.
Die zweite Halbzeit in Wolfsburg: Wolfsburg drängte, Werder Bremen machte das Tor. Justin Njinmah vollendete den eigentlich ersten ambitionierten Werder-Angriff der zweiten Hälfte in der 68. Minute zum Führungs- und Siegtor. Der Hecking-Effekt lässt in Wolfsburg noch auf sich warten. Das Gelb-Rot von Moritz Jenz in der Schlussphase machte es alles nicht besser.
Spieler des Nachmittags: Jens Castrop ist in Düsseldorf geboren und in Köln ausgebildet worden. Seit dem Vorjahr spielt er bei Borussia Mönchengladbach, ihm fehlt eigentlich nur noch Bayer Leverkusen in seiner Rheinland-Sammlung. In Gladbach hat der Mann, der seit 2025 für die Nationalelf Südkoreas spielt, noch nicht den Durchbruch geschafft. Aber ein solcher Derby-Auftritt mit zwei Toren reicht, um ihn bei den Borussia-Fans unsterblich zu machen. Die Gladbacher dürften die Kölner Arena ins Stadion an der Castroper Straße umbenennen, obwohl das Original in Bochum steht.
Reitzfigur des Nachmittags: Rocco Reitz ist in Mönchengladbach geboren und aufgewachsen und hat sein Leben lang für Borussia gespielt. »Er denkt seit der Geburt Gladbach«, sagt sein Trainer Eugen Polanski. Künftig muss der Borussia-Kapitän umdenken, ab Sommer denkt er Leipzig. Der Wechsel zu RB steht fest. Vom Traditionsverein zum Neureichen – wie gemacht für die handelsübliche Empörung. Auch wenn man bedenkt, welchen Aufruhr die Wechsel von Ex-Manager Max Eberl und Ex-Trainer Marco Rose nach Leipzig einst auslösten. Aber die Aufregung hält sich diesmal in Grenzen. Zu gut kann die Borussia die 20 Millionen Euro Ablöse gebrauchen. Pecunia non olet, Geld stinkt nicht. Auch nicht nach Taurin.
Transparente im Wolfsburger Fanblock: Kompletter Frust
Foto: Andreas Gora / dpaZahl des Nachmittags: Es sind sogar zwei Zahlen. Zum einen: Es war das 100. Rhein-Derby in der Bundesliga. Ganz so viel hat das grün-weiße Nordduell in Wolfsburg nicht zu bieten. Zum 56. Mal trafen sich Wolfsburg und Werder in der Liga. Mit einer bemerkenswerten Bilanz vor dem Anpfiff: 22 Siege für Bremen, elf Unentschieden, 22 Siege für Wolfsburg.
Zitat des Nachmittags: »Das war zu erwarten, dass das kein fußballerischer Leckerbissen hier wird.« Dazn-Livereporter Michael Born sprach ein wahres Wort in Wolfsburg gelassen aus. Beileibe keine Delikatesse, eher VW-Currywurst. (Obwohl: nichts gegen diese Currywurst!)
Erkenntnis des Spieltags: Alle, die gespielt haben, bleiben unten drin. Die Spannung besteht fort. Alle mal durchatmen: Es ist Länderspielpause. Viel Zeit, um in den Medien gesellschaftspolitische Besinnungsaufsätze über den Niedergang des Standorts Wolfsburg zu schreiben. Es droht der erste Bundesliga-Abstieg des VfL.

vor 3 Stunden
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