Franklins Autobiographie: Errata für Millionen

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James Harper wurde 1844 zum 66. Bürgermeister von New York gewählt. Im Stadtgedächtnis nimmt er eine respektable Nische ein; er gehört zu den Inhabern des Amtes, die sich um die Modernisierung der Polizei, die Effizienz der Müllabfuhr und die Zurückdrängung der Patronage in der Stadtverwaltung bemühten. Auf der ganzen Welt bekannt ist Harpers Name aber wegen seines unternehmerischen Erfolges. Mit seinem Bruder John gründete er 1817 die Firma J. & J. Harper, aus der nach etlichen Fusionen der Verlagskonzern HarperCollins hervorging, der heute zum Imperium von Rupert Murdoch gehört.

Auf Harpers Porträt im Rathaus sind im Hintergrund zwei Bücher zu sehen, deren Titel man nicht entziffern kann. Wahrscheinlich handelt es sich nicht um Verlagsprodukte Harpers, sondern um die Schriften des Autors, dessen Büste neben den Büchern steht: Benjamin Franklin. Die Lektüre von Franklins Autobiographie soll Harper den Gedanken eingegeben haben, die Farm seines Vaters auf Long Island zu verlassen und den Beruf des Druckers zu ergreifen. Als Sechzehnjähriger kam er in die große Stadt, mit einem Schilling in der Tasche.

Der Umweg des Buchs über Frankreich

Harper hatte die von Franklin hinterlassenen Memoiren, die mit dem Jahr 1758 abbrechen, in englischer Sprache gelesen, aber nicht im Original. Die Londoner Erstausgabe von 1793 und deren amerikanische Nachdrucke waren eine Rückübersetzung der 1791 in Paris gedruckten „Mémoires de la vie privée de Benjamin Franklin, écrits par lui-même, et adressés à son fils“. Der Umweg war passend, denn nach seinem Tod 1790 war Franklin von den Franzosen, die ihn als Philosophen sozusagen adoptiert hatten, viel lebhafter betrauert worden als in Amerika. Erst 1818, ein Jahr nach der Firmengründung der Gebrüder Harper, brachte Franklins Enkel William Temple Franklin in London und Philadelphia die „Memoirs of the life and writings of Benjamin Franklin“ auf der Grundlage des Manuskripts heraus.

Der Herausgeber nutzte das von ihm geerbte Copyright auch für Eingriffe als Lektor. Am Anfang des ersten Kapitels steht gedruckt: „From the poverty and obscurity in which I was born, and in which I passed my earliest years, I have raised myself to a state of affluence and some degree of celebrity in the world.“ Im Manuskript steht „reputation“ statt „celebrity“ und an der Stelle der aktiven Aufstiegsbehauptung ein „emerged“, das an einen fast unauffälligen Naturvorgang denken lässt. Wie der vor wenigen Tagen verstorbene Historiker Gordon S. Wood in seinem Buch „The Americanization of Benjamin Franklin“ erläutert, bildete der Autobiograph Franklin stellenweise noch die Diskretion nach, die er beim Eintritt in die Welt der Gentlemen hatte walten lassen müssen, weil er sich mit Arbeit die Hände schmutzig gemacht hatte.

1783 nahm Franklin die Niederschrift der Memoiren wieder auf, nachdem ein Freund ihm nahegelegt hatte, dass seine Lebensgeschichte symbolisch für „ein aufsteigendes Volk“ stehe. Ein anderer sagte eine Millionenleserschaft voraus. Das Bestsellerpotential hätte Franklin gewiss auch von selbst erkannt. James Harper dürfte an einem Wortspiel seine Freude gehabt haben, mit dem Franklin zu verstehen gibt, dass er sich seines Berufs nicht schämen muss. Fehlentscheidungen nennt er „the great errata of my life“. Ein Erratum ist ein Fehler, der sich nicht aus der Welt schaffen lässt. Mit dem eingelegten Zettel wird er in sozusagen doppelter Ehrlichkeit gleichzeitig korrigiert und konserviert.

In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.

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