Der zweite Gedichtband von Ingeborg Bachmann, „Anrufung des Großen Bären“, erschien im Jahr 1956. Mit denkbar sparsamen Mitteln entsteht hier in sieben Versen eine Bilderfolge, die zunächst einen Weg der Natur evoziert, wenn vom Himmel, der Erde und dem Wasser die Rede ist. Diese drei Bereiche werden mit der Spannung kurzgeschlossen, die schon im Titel des Gedichtes angelegt ist: Mit Rosen und Schatten stehen sich suggestive Bildkomplexe gegenüber, ohne dass sie ausgeführt würden. Verkörpert die Rose Vorstellungen sommerlicher Naturschönheit, von Licht, Farbe und der Lebendigkeit der Liebe, so sind mit den Schatten Momente der Farblosigkeit, des fehlenden Lichtes, einer gewissen Negativität bis hin zum Tod verbunden.
Eine subtile Regie unauffälliger Präpositionen führt in der Folge „unter“, „auf“ und „in“ zu einer Konzentration, in der die Dreigliedrigkeit des Titels über die Wendung „zwischen Rosen und Schatten“ schließlich zur Pointe des Schattens im letzten Vers führt. Hier tritt dann auch erstmals das lyrische Ich auf, das im Wasser seinen eigenen Schatten erkennt. Dieser Prozess der Selbsterkenntnis ist mit der Wiederholung eines Leitmotivs verknüpft, das die Fremdheit von Himmel, Erde und Wasser unterstreicht. Während in einem anderen Text derselben Sammlung, im Hymnus „An die Sonne“, davon die Rede ist, „Nichts Schöneres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein“, sind hier die Rosen zuerst von Schatten umflort, bevor es zur Spannung „zwischen“ ihnen kommt, um im abschließenden „mein Schatten“ Identität und Fremdheit, Erkenntnis und Endlichkeit zusammenzubringen.
Was auf den ersten Blick als Bildwelt der Natur erscheinen konnte, hat sich damit in einen existenziellen Vorgang verwandelt. Das Gedicht deutet einen Erkenntnisvorgang an, eine Orientierung des lyrischen Ichs, das sich unter einem fremden Himmel auf einer fremden Erde in einem fremden Wasser erst dort als das eigene erfährt, wo von der Triade der Überschrift nur noch der Schatten übrig geblieben ist. Selbstfindung wird zu einem Vorgang radikaler Reduktion, in dem das Eigene mit dem Fremden, das Positive mit dem Negativen untrennbar verknüpft wird. Hölderlins Maxime aus dem Böhlendorff-Brief von 1801, „das eigene muss so gut gelernt sein, wie das Fremde“, könnte hier als Motto dienen. Es ist ein „Ich ohne Gewähr“, das auch in Bachmanns Frankfurter Poetikvorlesungen reflektiert wird.
Lyrik zwischen Musik und Philosophie
Dabei stammt das Gedicht von einer gerade einmal dreißigjährigen Autorin, vor hundert Jahren in Klagenfurt geboren, die in den frühen Fünfzigerjahren als eine Art Ikone der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur große Aufmerksamkeit gefunden hat. Die Gedichte Ingeborg Bachmanns haben früh zum ganz eigenen Ton gefunden, indem sie Melancholie und Musikalität, mitunter surreale Bildkraft und Reflexion miteinander verbinden konnten. Das zeigt sich auch am vorliegenden Text, der durch das Geflecht von Wiederholung und Reduktion der Titelworte, aber auch der Akzentuierung des Fremden, zu einer rhythmisch-musikalischen Dynamik kommt, die gleichzeitig als quasiphilosophische Selbstanalyse angelegt ist.
Denn Musik und Philosophie zählen für die Dichterin Ingeborg Bachmann zu den wichtigsten Bezügen ihres Schreibens. Auf der einen Seite steht ihr sprachkritisches Denken im Anschluss an Ludwig Wittgenstein, auf der anderen Seite ihre Offenheit für die Wechselbeziehung von Sprache und Musik. Von beiden Möglichkeiten legen ihre ausdifferenzierten Essays Zeugnis ab, aber auch ihre Wege in die Musik, bis hin zu den Libretti für Opern von Hans Werner Henze. Die Grenzüberschreitung zwischen den Künsten und Disziplinen hat bei ihr, die sie „auf der Rasierklinge gelebt“ hat (wie sie über Maria Callas sagt), eine biographische Grundierung, in ihrer Herkunft aus dem Klagenfurter Dreiländereck, mit der Offenheit für die anderen Sprachen. So werden auch ihre Übersetzungen Giuseppe Ungarettis zu Meilensteinen eines lyrischen Dialogs von radikaler Sprachverdichtung.
Dass die Wahrheit dem Menschen zumutbar ist, gehört zu den poetologischen Grundüberzeugungen dieser unverkennbaren lyrischen Stimme, die sich nicht in den Kassandra-Ton, „Dunkles zu sagen“, zurückgezogen hat. Auch wenn sie in den Sechzigerjahren nur noch wenige Gedichte geschrieben hat (darunter freilich ein Jahrhundertgedicht wie die Shakespeare-Hommage „Böhmen liegt am Meer“), sondern unter dem Stichwort „Todesarten“ den problematischen Verstrickungen von Nationalsozialismus, Rassismus und der Unterdrückung der Frau nachgegangen ist, bleibt sie in diesem Zugrunde- und Zum-Grunde-Gehen dennoch „unverloren“. Und ein Gedicht wie „Schatten Rosen Schatten“ kann zu einer Flaschenpost der Verständigung werden, indem es in seinen Bildern mit Gedichten Paul Celans korrespondiert („Schlaf und Speise“, „Stille!“), aber auch mit und für Gisèle Celan einen Dialog eröffnet, die Frau desjenigen Mannes, der für Ingeborg Bachmann die Liebe ihres Lebens war, indem die Autorin ihr den Gedichtband unter dem Motto widmet „sous les ombres: les roses“.
Ingeborg Bachmann: „Schatten Rosen Schatten“
Unter einem fremden Himmel
Schatten Rosen
Schatten
auf einer fremden Erde
zwischen Rosen und Schatten
in einem fremden Wasser
mein Schatten
Ingeborg Bachmann: „Sämtliche Gedichte“. Piper Verlag, München 2003. 240 S., br., 12,– €.
Von Mathias Mayer ist zuletzt erschienen: „Macbeth. Die Erfindung der Botenstoffe“. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2024. 142 S., geb., 30,– €.
Redaktion Hubert Spiegel
Gedichtlesung Thomas Huber

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