Fotograf duane michals gestorben: Die Dinge sind seltsam

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Den Tod, so könnte man meinen, hat der amerikanische Fotograf Duane Michals zeitlebens als Kollegen betrachtet. Und das nicht nur in dem Sinn, wie Susan Sontag es bei Gelegenheit formulierte, dass nämlich jedes Porträt automatisch zur Todesmaske würde. Vielmehr hat ihn Michals buchstäblich ins Bild geholt: mal als Figur, die im dunklen Anzug in einer Fotosequenz eine alte Frau in ihrer Küche besucht: „Death comes to an Old Lady“. Mal als Moment, wenn er für eine andere Serie in einer Doppelbelichtung dem eigenen Körper entsteigt: „The Spirit Leaves the Body“. In wiederum einer anderen klettert ein nackter Mann Stufen hinauf, bis er sich am Treppenabsatz in gleißendem Licht auflöst: „A Man Going to Heaven“.

Die Bilder sind flau im Kontrast, spielen mit Unschärfen und beziehen aus der Durchsichtigkeit mancher Figuren bei aller Friedlichkeit der Szenen ein Moment des Unheimlichen – und allemal des Traums. Da fügte sich Duane Michals jener Konvention des Kinos, wonach sich Traumszenen durch Unschärfe und Verzerrungen auszeichnen. Obwohl es doch genau umgekehrt ist. Denn der Traum vermittelt gerade durch Schärfe und Präzision das Gefühl von Wirklichkeit. Die Maler des Surrealismus haben das begriffen und berücksichtigt; aber auch in der Fotografie gibt es ein viel zitiertes Aperçu, wonach nichts geheimnisvoller ist als ein bis an die Sehschmerzen grenzend präzis abgebildeter Gegenstand. Auch das wusste Duane Michals. Und auch das wusste er zu nutzen.

Seine verrückteste, verdrehteste und verblüffendste Bildgeschichte

„Things are Queer“ heißt seine verrückteste, verdrehteste und verblüffendste Bildgeschichte. Sie beginnt mit der quasidokumentarischen Abbildung eines Badezimmers, aber im nächsten Foto wird das Mobiliar als Spielzeug entlarvt, und als führe in einem Film die Kamera zurück, eröffnen sich durch den allmählich größer werdenden Bildausschnitt immer neue Perspektiven: Das Bild wird zur Abbildung in einem Buch, das Buch wiederum trägt ein Spaziergänger durch einen Hof, und der Hof wird gleich darauf zu einem Foto, das plötzlich, wie schon im allerersten Bild, über dem Waschbecken in dem geheimnisvollen Badezimmer hängt, und so landet die Geschichte wie der Stift, der über ein Möbiusband fährt, über den Umweg der eigenen Rückseite wieder am Ausgangspunkt: Die Dinge sind seltsam.

Als Michals in den Sechziger- und Siebzigerjahren begann, fotografische Sequenzen zu entwickeln, galt die Fotografie noch weithin als Medium des Augenblicks. Sie hielt fest, was gewesen war. Michals dagegen fragte, was hätte sein können. Aus einzelnen Bildern formte er Geschichten, manchmal von epischer Länge, manchmal auf wenige Aufnahmen verdichtet. Seine Bildfolgen erzählten von Liebe, Verlust, Erinnerung, Begehren und Vergänglichkeit. Lange bevor Begriffe wie „Narrative Art“ oder „Story Art“ Karriere machten, hatte er 1970 mit seiner Einzelausstellung im Museum of Modern Art der Fotografie eine neue Dimension eröffnet: die Zeit. Und wie nebenher ein neues Genre geschaffen. Dennoch sprach er ganz schlicht von „Photo Story“.

Dabei funktionieren seine berühmten Sequenzen oft wie philosophische Exkurse. Drei Bilder genügen ihm als eigenwilligem Erzähler, um in lyrischer Dichte ein ganzes Leben zu umreißen. Ein Paar blickt jung und glücklich in die Kamera. Jahre später liegt erst die Frau, dann der Mann im Sarg. Zwischen diesen Aufnahmen entfaltet sich alles, was das Leben ausmacht – ergänzen muss es der Betrachter selbst.

Immer ist es, als fehlte etwas

Wo andere den bloßen Moment dokumentierten, begann für Duane Michals die eigentliche Geschichte. Zwei Männer begegnen sich in den Straßen von New York, gehen aufeinander zu, aneinander vorbei und schauen noch einmal zurück: „Chance Meeting“. Immer ist es bei ihm, als fehlte etwas. Vor allem das Ende. Denn das ist in seinen Geschichten selbst der Tod nie gewesen, vielmehr ist es ihm um Übergänge und Verwandlungen zu tun. Menschen lösen sich in Licht auf. Spiegel werden zu Durchgängen in andere Wirklichkeiten. Träume erschienen plausibler als Tatsachen. Programmatisch über dem Werk steht ein großes Fragezeichen.

Was Duane Michals interessiert, sind die Alternativen zu unserer Welt, Spekulationen darüber, was es auch geben könnte. Wirtschaft und Politik spielen dabei die geringere Rolle, eher noch das gesellschaftliche Miteinander zwischen Begierden und Furcht. Noch häufiger aber umkreist er Gedanken der Esoterik, wenn etwa das Weltall in einen New Yorker U-Bahnhof einbricht. Er folgt der Märchenfigur Alice mit seiner eigenen Reise hinter den Spiegel, um das Geheimnis vermeintlich gewöhnlicher Dinge zu ergründen.

Nur konsequent tauchen deshalb immer wieder auch all die religiösen Motive auf: die Auferstehungen und Himmelfahrten. Doch Trost spenden sie selten. Michals misstraute den einfachen Versprechen der Religion ebenso wie den Gewissheiten der Vernunft. Berühmt wurde sein Satz: „I am much nicer than God.“ Es war kein Ausdruck von Größenwahn, sondern von Empörung über eine Welt voller Leid, Zufall und Ungerechtigkeit. Der Künstler erklärte darin, welche Grausamkeiten er den Menschen erspart hätte, wäre er für die Schöpfung verantwortlich gewesen.

Ein großer Zweifler aus einfachen Verhältnissen

Überraschenderweise kam dieser große Zweifler aus denkbar einfachen Verhältnissen. Als Sohn eines Stahlarbeiters und einer Haushälterin wuchs er im industriellen Pennsylvania auf. Nach abgebrochenen Kunststudien entdeckte er auf einer Reise in die Sowjetunion die Fotografie für sich. Der Erfolg stellte sich schnell ein. Er arbeitete zunächst für Magazine, fotografierte im Auftrag Künstler, Schriftsteller und Musiker. Schon bald nahm er Titelgeschichten für „Life“ und etliche Bilder für Plattenhüllen von Popstars auf. Doch je mehr er sich im Umfeld von Andy Warhol, Joseph Cornell, Marcel Duchamp und René Magritte bewegte, desto mehr entfernte er sich von der kommerziellen Arbeit. Was spielerisch begonnen haben mag, etwa Magritte in einer Doppelbelichtung vor der eigenen Leinwand zu zeigen oder einen geisterhaft verwischten Warhol, führte ihn in eine Richtung, in der er der Fotografie neue Wege eröffnete, auf denen ihm kaum jemand folgte.

Vielleicht liegt darin sein Vermächtnis. Während die Fotografie immer makelloser wurde, beharrte Michals auf dem Geheimnis. Seine Bilder wollten nicht beweisen, sondern verführen. Nicht erklären, sondern verunsichern. Dazu bewegte er sich in dem schmalen Raum zwischen Diesseits und Jenseits, Erinnerung und Gegenwart, in dem die Phantasie lebt und ihre Heimat hat. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Duane Michals am vorigen Dienstag im Alter von 94 Jahren gestorben.

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