Die Erdoǧan-Regierung herrscht seit 24 Jahren über die Türkei, nun spürt sie, dass ihr politisches Leben sich dem Ende zuneigt, und verschärft die Repression, statt Lösungen zu entwickeln und sich mit neuer Politik um Wähler zu bemühen. Mit immer neuen Maßnahmen unterdrückt sie den Protest, der sich überall in der Gesellschaft regt, in der Opposition, der Kunstszene oder den Gewerkschaften. Leider mit einigem Erfolg, ein demokratischer Weg nach dem anderen schließt sich. Notgedrungen „mäßigt“ die außerparlamentarische Opposition ihren Protest, um Repressalien zu entgehen.
In dieser düsteren Atmosphäre trat der 32-jährige Comedian Deniz Göktaş auf und riss mit einer 90-minütigen Stand-up-Show voller politischer Scherze, die zum Teil die Regierung tangierten, den dunklen Vorhang herunter. Auf Youtube erreichte seine Show in nur neun Tagen zehn Millionen Zuschauer. Er hatte die Bezahlfunktion ausgeschaltet, musste aber teuer dafür bezahlen. Je mehr Publikum er erreichte, desto wütender wurde die Regierung. Göktaş wurde verhaftet und in Handschellen in ein Hochsicherheitsgefängnis gebracht.
12 von 150 Gags bezogen sich auf Autorität und Regierung
Im Gericht wurde Göktaş vorgeworfen, mit einem „Diktator“-Scherz den Präsidenten beleidigt und mit Kommentaren über Religion Volksverhetzung begangen zu haben. Tatsächlich bekamen von Göktaş’ humorvoller Kritik alle ihr Fett weg. Die Show umfasste 150 Gags, nur zwölf davon bezogen sich auf Autorität und Regierung. 18 betrafen konservative Kultur, 40 das linksgerichtete Milieu, aus dem er stammt, und 35 die Wähler der Opposition. Die vom Palastregime inhaftierte oppositionelle Leitfigur Ekrem İmamoğlu bekam mindestens so viel Kritik ab wie Erdoǧan.
Doch mit der Regierung ist nicht zu scherzen. Zunächst nahm die loyale Presse Göktaş aufs Korn, dann auch die Freitagspredigt der staatlichen Religionsbehörde: „Gedankenloser Umgang mit digitalen Medien und Spott unter dem Mantel von Humor über das, was uns heilig ist, entfremdet die Kinder von unseren Werten.“
Am Tag dieser landesweiten Predigt kam der Comedian ins Gefängnis. Die Begründung der Untersuchungshaft ist eines Komikers würdig. Es bestehe Fluchtgefahr. Dabei war Göktaş unverzüglich aus dem Auslandsurlaub zurückgekehrt, als Ermittlungen gegen ihn eingeleitet wurden. Zudem bestehe Verdunklungsgefahr. Wie auch immer der „Beweis“, also das Video auf Youtube, aufgrund dessen er verhaftet wurde, „verdunkelt“ werden soll, solange die Regierung es nicht sperrt.

Lassen Sie sich nicht von der offiziellen Begründung täuschen. Tatsächlich wurde Göktaş weder wegen des Diktator-Scherzes verhaftet noch wegen der Witze über Religion. Vielmehr war da ein Gag, dessentwegen die Staatsanwälte nicht ermitteln wollten, um ihn nicht aktenkundig zu machen. Bevor ich erläutere, warum dieser Gag zu Göktaş’ Verhaftung führte, muss ich den betreffenden Teil der Show schildern. Es ging um Familienbeziehungen, und der Comedian gab an, ein gutes Verhältnis zu seinem Vater zu haben. Dann sagte er:
„Wenn ich sage, mein Vater ist gut, meine ich, gut im Vergleich zum durchschnittlichen türkischen Vater. Denken Sie jetzt nicht an einen Trickfilmhelden oder einen Infospot. Er ist auch nicht im Kampf um Unisex-Klos gefallen. Er ist ein guter Vater, würde mich aber nicht raushauen, wenn ich einen Autounfall bauen sollte, bei dem ein Mensch ums Leben kommt. Er ist kein so guter Vater wie Recep Tayyip Erdoǧan.“
Komiker Göktaş hatte mit Problemen gerechnet
Damit erinnerte er an einen Verkehrsunfall, bei dem „ein guter Vater“ dafür sorgte, dass die Feuerwehr Blut- und Bremsspuren auslöschte, die als Beweise hätten dienen können, und dass die Berichterstattung zensiert wurde. Das war 1998. Erdoǧan war Bürgermeister von Istanbul, als sein ältester Sohn Burak dort auf einem Fußgängerüberweg eine bekannte 64-jährige Sängerin überfuhr. Ein Gutachter der Gerichtsmedizin bescheinigte dem Erdoǧan-Sohn, er habe keinen Fehler gemacht, die Schuld liege vielmehr bei der Sängerin. Aufgrund des Gutachtens wurde Burak Erdoǧan ohne einen einzigen Tag Untersuchungshaft freigesprochen. Der Gutachter von damals wurde Jahre später von Premierminister Erdoǧan mit dem Posten des Generaldirektors der Türkischen Schifffahrtsbetriebe belohnt.
Komiker Göktaş hatte mit Problemen gerechnet, in der Show malte er sich aus, wie er wegen des Gags ins Gefängnis komme: „Einer in der Zelle würde sagen ‚Ich sitze, weil ich einen erstochen habe‘ und mich fragen: ‚Was hast du verbrochen?‘ Ich dann so: ‚Äh, ich hab meinen Papa mit Erdoǧan verglichen.‘ Der Mann macht mich doch zur Schnecke: ‚Was für ein bescheuertes Verbrechen!‘ Die würden mich gar nicht reinlassen.“
Nicht der Gag allein, auch Titel und Bühnenbild der Show gaben Hinweise auf Angst und das Nicht-Einknicken davor. Göktaş’ Vorname Deniz heißt übersetzt „Meer“. Angesichts dessen, was ihm blühen könnte, nannte er seine Show „Ölü Deniz“, also Totes Meer, so heißt die Blaue Lagune bei Fethiye auf Türkisch. Es bedeutet auch: toter Deniz. Mitten auf der Bühne hatte er zudem eine große Nachbildung seines Kopfes auf einem Sessel platziert, trat also mit „dem Kopf auf dem Sessel“ auf, die Redewendung bedeutet todesmutig in den Kampf ziehen.
In der Auslandspresse wurde Göktaş’ Verhaftung meist als Schlag gegen die Meinungsfreiheit interpretiert. Das ist korrekt, wenn es um die Absicht der Regierung geht. Diese Lesart allein gibt aber nicht das ganze Bild wieder. Richtig, das Regime erhöht den Druck in allen Bereichen. Es will „uns auch noch unsere Freude nehmen“, wie Göktaş es in einem Gag mit Anspielung auf Korruption selbst formulierte. Da tritt ein Komiker mit „dem Kopf auf dem Sessel“ auf, obwohl er um die Folgen weiß, und reißt die Mauer der Angst nieder. Vor allem das ärgert die Machthaber. Nicht bloß Kritik, auch Lachen soll zum Verbrechen gemacht werden. Zehn Millionen Zuschauer für Deniz Göktaş’ Show beweisen allerdings, dass Angst nicht immer ansteckend ist.

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