Fernsehen zur WM: Was, wenn man keine Tore sehen will?

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Es wirkte wie eine Mischung aus Kapitulation und Ratlosigkeit, aber am vorigen Samstagabend hat RTL ab 20.15 Uhr vier neue Folgen seiner Dating-Show „Take me out“ hintereinander gezeigt. Und danach das Ganze gleich noch einmal. Bis um fünf Minuten vor fünf in der Früh. Parallel liefen im ZDF erst die WM-Spiele Qatar gegen Schweiz und ab Mitternacht Brasilien gegen Marokko. Begleitet also, bis in den Morgen, von einer Show, in der junge Männer junge Frauen kennenlernen und umgekehrt. An diesem Wochenende wird RTL es wieder genauso machen und mit nonstop „Take me out“ gegen Fußball halten.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Es hat einen ja erst mal verunsichert, zu welchen Tages- und Nachtzeiten man diese WM überhaupt würde sehen können, wegen der Zeitverschiebung. Aber nach ihrer ersten Woche ist klar, dass sie wie noch jede andere zuvor auch diesmal das laufende Programm dominiert. Drum herum zu schauen, ist zwar wie immer möglich, führt dann aber oft ins Abseits von Wiederholungen. Gerade im Öffentlich-Rechtlichen. Wobei RTL die Herausforderung schon annimmt, eine Alternative anzubieten zu dem, was angeblich alle anderen in diesem Moment unbedingt schauen wollen, also Fußball: „Take me out“ kann, vor allem wenn Jan Köppen sie moderiert, eine gute Show sein.

Magisches Denken Programmplanung

Programmplanung ist magisches Denken. Und geht von Voraussetzungen aus, die sicher auch auf Zahlen basieren. Andererseits liegen aber auch nur die Zahlen vor, die aus laufenden Programmentscheidungen entstehen. Warum nur gerade etwa in den Sommerferien, wenn die Abende lang sind und man endlich Zeit hätte, nach einem Tag am Strand richtig lang richtig gute Sachen im Fernsehen zu schauen, sich dann aber MDR-„Tatorte“ der Nullerjahre mit dem Hollywood-Starkino der frühen Neunziger abwechseln (Mel Gibson!), das habe ich noch nie verstanden. Als würde es dem Leitbild folgen, kein Fernsehen schauen zu dürfen, wenn draußen gutes Wetter ist. Kinder kennen das Argument gut.

Es wirkt heute fast antiautoritär, dass früher mal das ZDF im Sommer nachmittags ein moderiertes „Ferienprogramm“ toller Filme und Serien angeboten hat, extra für uns, deren Eltern eben nicht verreisen konnten. Heute ist das gar nicht mehr nötig, bei so vielen Kanälen, die amerikanische Vorabserien der goldenen Ära zwischen 1978 und 1984 recyceln. Ich will gerade zwar gar nichts anderes schauen als Fußball, aber es wäre noch schöner mit dem Gefühl, dabei was Gutes zu verpassen. Die anderen Sender verpassen da selbst eine Chance. Und verschenken ein großes Publikum.

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