Erasmus in Großbritannien: Was Studierende jetzt wissen müssen

vor 2 Tage 4

Der Brexit bedeutete einen Einschnitt für alle Studierenden, die von einem Auslandssemester in Oxford, Edinburgh oder London träumten. Mit dem Austritt aus der Europäischen Union hatte sich das Vereinigte Königreich auch entschieden, aus dem Erasmus+-Programm auszutreten. Doch im Dezember vergangenen Jahres kam dann überraschend die Nachricht: Großbritannien wird ab 2027 wieder Teil des Programms sein. Damit sind Studienaufenthalte unter Erasmus+-Bedingungen wieder möglich – ebenso wie geförderte Austauschprogramme zwischen Schulen und Einrichtungen der Berufs- oder Erwachsenenbildung, im Jugend- und Sportbereich.

»Das ist eine Win-win-Situation für Europa und das Vereinigte Königreich«, sagt Stephan Geifes, Direktor der Nationalen Agentur für Erasmus+ Hochschulzusammenarbeit beim DAAD. Mit dem Brexit war es zwar nicht zu einem kompletten Stillstand in der Mobilität nach Großbritannien gekommen, diese habe aber stark gelitten. Nun sei man »sehr happy« über die Entscheidung Großbritanniens, sagt Geifes. Sowohl die britische Seite als auch die EU sind seinem Eindruck nach sehr bemüht, die Mobilität so schnell wie möglich wieder aufzunehmen.

Was bis dahin noch passieren muss und was Studierende wissen sollten: die wichtigsten Antworten.

Ab wann kann ich wieder über Erasmus+ in Großbritannien studieren?

Das Vereinigte Königreich wird der Planung zufolge ab 2027 wieder Teil des Erasmus+-Programms sein. Konkret bedeutet das: »Britische Hochschulen können an den Ausschreibungen des Jahres 2027 teilnehmen«, erklärt Geifes. Allerdings heißt das nicht, dass EU-Bürger:innen ab dem 1. Januar über Erasmus+ in Großbritannien losstudieren können. Die Aufenthalte selbst werden Geifes' Einschätzung nach voraussichtlich ab dem akademischen Jahr 2027/28 beginnen – also im September 2027 oder im Frühjahr 2028.

Für welche Länder gilt die Neuerung?

Die Rückkehr zum Erasmus+-Programm gilt für das gesamte Vereinigte Königreich – also England, Schottland, Wales und Nordirland.

Was muss passieren, damit der Wiedereinstieg klappt?

In Großbritannien muss zunächst eine nationale Agentur für Erasmus+ eingerichtet werden – vergleichbar mit der nationalen Agentur beim DAAD in Deutschland. »Dieser Prozess ist im Gange und soll schnell abgeschlossen werden«, sagt Geifes. Es wird erwartet, dass der British Council diese Rolle wieder übernimmt, der auch vor dem Brexit für Erasmus+ zuständig war.

Parallel dazu müssen britische Hochschulen eine sogenannte ECHE-Akkreditierung erhalten – die »European Charter for Higher Education«. Darin verpflichten sich Hochschulen, bestimmte Kriterien wie Nichtdiskriminierung und Transparenz einzuhalten.

Die Frist für diese Akkreditierung wurde in diesem Jahr extra verlängert, um den britischen Hochschulen etwas mehr Zeit zu verschaffen.

Außerdem müssen deutsche und britische Hochschulen neue Kooperationsverträge – sogenannte Inter-Institutional-Agreements – abschließen. Geifes rät deutschen Hochschulen, jetzt schon ihre britischen Partneruniversitäten anzusprechen: »Das ist first come, first served. Nicht alle britischen Partner haben zurzeit europäische Kooperationen.«

Brauche ich für meinen Erasmus+-Aufenthalt in Großbritannien ein Visum?

Aktuell können EU-Bürger:innen für bis zu sechs Monate ohne Visum nach Großbritannien einreisen – sie benötigen lediglich eine elektronische Reisegenehmigung (ETA). Für einen Aufenthalt von einem Semester würde dieses Visum ausreichen. Für einen längeren Studienaufenthalt benötigt man derzeit ein Studierendenvisum.

Wie die Visa-Regelungen künftig aussehen werden, ist Teil der laufenden Verhandlungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU.

Was gilt in der Übergangszeit?

Bis zum offiziellen Wiedereinstieg können deutsche Studierende weiterhin über die sogenannte 20-Prozent-Regelung nach Großbritannien: Deutsche Hochschulen dürfen bis zu 20 Prozent ihrer Erasmus+-Mittel für Mobilität in Nicht-Programmländer verwenden. (Lesen Sie hier  mehr zu den Möglichkeiten, den Auslandsaufenthalt in Großbritannien vor dem offiziellen Wiedereinstieg zu planen.)

Über diese Regelung werden laut Geifes aktuell rund 1700 Mobilitäten pro Jahr ins Vereinigte Königreich gefördert. Auch 2026 wird diese Option noch zur Verfügung stehen. Allerdings müssen sich Studierende dafür bei ihrer Hochschule informieren, wie die Mittel verteilt werden und welche Partnerschaften bestehen.

Was ist noch nicht geklärt?

Unklar sind viele Punkte, die nicht direkt mit dem Erasmus+-Programm zusammenhängen, sondern Teil einer größeren Einigung namens »Youth Mobility Scheme« sind. Darüber verhandeln die EU-Kommission und Großbritannien aktuell noch.

Dazu gehört etwa die Frage, ob regulär in Großbritannien studierende EU-Bürger:innen wieder auf reduzierte Studiengebühren hoffen können. Vor dem Brexit zahlten diese nämlich die sogenannten »Homefees«, also gedeckelte Studiengebühren.

Auch, ob Studierende aus der EU wieder Zugriff auf das britische »Student Loan System« bekommen könnten, ist noch nicht geklärt. Dadurch könnten sie Studienkredite vom britischen Staat in Anspruch nehmen.

Wie es mit der Möglichkeit von Berufspraktika für EU-Bürger:innen aussieht, ist ebenfalls unklar. Diese waren durch den Brexit deutlich erschwert worden.

Kann ich mich jetzt schon vorbereiten?

»Man kann nicht früh genug anfangen«, meint Stephan Geifes von der Erasmus+-Hochschulagentur. Wer für 2027/28 ein Auslandssemester in Großbritannien plant, sollte jetzt schon mit der Planung beginnen. Der erste Schritt: Kontakt zum International Office der eigenen Hochschule aufnehmen und nachfragen, welche Partnerschaften mit britischen Universitäten bestehen oder geplant sind.

»Je mehr Studierende in den Hochschulen nach Großbritannien nachfragen, desto mehr werden sich die Hochschulen auch dafür einsetzen, entsprechende Kooperationen aufzubauen«, so Geifes.

Für Studierende, die im Wintersemester 2025 einen Bachelor begonnen haben, könnte ein Auslandsaufenthalt im Vereinigten Königreich noch in den Plan passen: Im fünften oder sechsten Semester – also genau im Wintersemester 2027 oder Sommersemester 2028 – wäre ein Auslandssemester über Erasmus+ wieder möglich.

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