Epische Geschichtsserie: Die amerikanische Revolution ist noch lange nicht vorbei

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Es sei bemerkenswert, sagt in Ken Burns' Chronik „The American Revolution“ der Historiker Christopher Brown, welch „enorme Vielfalt von Menschen“ sich hier zu einer neuen Nation zusammenfand – „nicht um kulturelle Identität, nicht um religiöse Dinge, nicht um eine gemeinsame Geschichte, sondern um eine Reihe von Absichten und Idealen“.

Brown ist einer von fast zwei Dutzend Experten, mit deren Hilfe Burns in dem Sechsteiler zum 250. Geburtstag Amerikas die Gründungslegende eines Landes auffächert, und erhellt, warum dieses immer wieder damit ringt, wer es ist und sein will.

Eine heterogene, teils chaotische Bewegung

Zwölf Stunden Dokumentarfernsehen, aufgeteilt in sechs Episoden, beleuchten den Ursprung der amerikanischen Nation, von rund zweieinhalb Millionen Menschen unterschiedlichster Provenienz, die mit unbeugsamem Optimismus, aber auch jeder Menge Widersprüchen ein großes Experiment in der „neuen Welt“ starteten. Ein Fünftel von ihnen waren Sklaven, die zum Spielball politischer Interessen wurden, und das Experiment fand statt auf geraubtem Grund und Boden, den seit Jahrtausende indigene Völker besiedelten.

Burns ist Chronist der amerikanischen Geschichte und Kultur. Er hat Dokumentationen über Benjamin Franklin und die Familie Roosevelt, die Nationalparks und Countrymusik, den Vietnamkrieg, die Mayo-Klinik, Baseball und die Rolle der USA im Holocaust gemacht. Dieses Stück ist sein ambitioniertestes: zwölf Stunden Fernsehen, ein Blick auf das, was sich zwischen den 1750er- und den 1780er-Jahren in den damals dreizehn britischen Kolonien an der Ostküste ereignete.

Der Rahmen, den Burns und seine Mitarbeiter Sarah Botstein und David Schmidt setzen, ist umfassend bis in Details. Die Großmächte Spanien, Frankreich, England sind mit ihren Machtansprüchen für die Ereignisse ebenso prägend wie die Interessen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen auf lokaler Ebene.

Die Miniserie fasst die Revolution als heterogene, teils chaotische Bewegung voller innerer Widersprüche: Demagogen wie der Bostoner Samuel Adams kanalisieren die Wut über die Bevormundung durch die britische Krone. Sklavenhalter rufen nach – ihrer eigenen – Freiheit. Landbesitzer, die Indigene vertrieben haben, fordern Unabhängigkeit. Es entsteht Konformitätszwang, vermeintliche Verräter werden gejagt und mitunter ermordet.

All dies erzählt der Sechsteiler sozusagen aus der Fußgängerperspektive. Prominente wie Tom Hanks, Kenneth Branagh, Amanda Gorman, Claire Danes und Paul Giamatti leihen ihre Stimmen Soldaten, Frauen und Kindern, die in die brutalen Kriegswirren hineingezogen wurden, Sklaven und Indigenen, Patrioten und Loyalisten. Burns lässt das Fußvolk die Verlautbarungen von Monarchen und Generälen, Politikern und Vordenkern der amerikanischen Republik illustrieren.

Der Unabhängigkeitskrieg bezieht die halbe Welt mit ein, französische Militärkommandeure, hessische Söldner, spanische Schmuggler, Rancher, indigene Pfadfinder und karibische Zuckerproduzenten.

Jahrhundertwinter und Sonnenfinsternis

Beeinflusst werden die Dinge indes nicht nur durch Menschen, sondern auch von den Elementen – unwegsamem Hinterland, einem Jahrhundertwinter und einer Sonnenfinsternis, von Typhus und Pocken, die unter den Soldaten wüten.

Die größte Herausforderung – die Bebilderung –, bewältigen die Filmemacher kreativ: Historische Porträts und Schlachtgemälde wechseln sich mit nachgestellten Aufnahmen ab, mit stimmungsvollen Schnittbildern von beleuchteten Fenstern in der Dämmerung, Stiefeln in knietiefem Matsch, historischen Dokumenten und berückend gefilmten Landschaften. Detaillierte Grafiken auf historischen Karten machen die Truppenbewegungen durch Dörfer und Wälder, auf Hügeln und Flüssen und Weltmeeren sichtbar.

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Burns leuchtet Zwischenräume aus – Blickwinkel der indigenen Bevölkerung und der afrikanischen Sklaven, die sich mit den Briten verbünden, Stimmen von Frauen sowie die der Loyalisten, die es als Fehler betrachten, sich von der britischen Krone loszusagen; aber auch Ironien wie die, dass die Unabhängigkeit der einen die Fremdbestimmung anderer bedingt.

Prompt erntete Burns Kritik und Häme aus konservativen Zirkeln. Das sei eine Feelgood-Story für „gebildete Zuschauer aus der Mittelklasse“, ätzte der „American Conservative“. Auch von der Linken gab es Kritik. Der Historiker Tad Stoermer etwa warf Burns vor, die diversen Stimmen bloß pro forma aufzuführen, ansonsten aber das Narrativ der weißen Rebellen zu unterfüttern.

Tatsächlich kommt im Wust der Informationen vieles zu kurz, darunter die nicht näher ausgeführten Verweise auf die indigene Haudenosaunee-Allianz der Sechs Nationen und deren Jahrhunderte zurückreichende „Demokratie“. Eine begriffliche Einordnung fehlt. Inwiefern die indigenen Kulturen der „Irokesenliga“ eine demokratische Gesellschaft bildeten, bleibt nebulös.

Die unzähligen Details und die erzählerische Dichte der Dokumentation verstellen bisweilen den Blick auf Zusammenhänge; oft möchte man länger verweilen, anstatt dem Galopp durch die Geschichte zu folgen. Über weite Strecken wirkt Burns’ Stück allzu sehr seinem eigenen Chronistenanspruch verschrieben. Man vermisst einen roten Faden, und manche Verweise auf die indigene und die schwarze Bevölkerung wirken wie Lippenbekenntnisse. Und interessanter als die implizierte Hoffnung, dass die amerikanische Idee auch Phänomene wie Donald Trump überwindet, wäre die Frage, ob und wie diese auch den Erfolg von Despoten ermöglicht.

Dass ein solches Mammutprojekt unmöglich allen Ansprüchen gerecht werden kann, versteht sich. Aber weniger ist bekanntlich oft mehr, und mancher Zuschauer mag ermüdet die Segel streichen, bevor er das Inkrafttreten der amerikanischen Verfassung und den Beginn von Washingtons Präsidentschaft 1789 in der sechsten Folge erreicht – und die Erkenntnis, dass die amerikanische Revolution ein Projekt ist, das noch andauert.

„The American Revolution“ läuft am Samstag von 20.15 Uhr an bei Arte und in der Arte-Mediathek.

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