Wann es begann, kann ich genau sagen. Am 28. Mai 1965 kauerte ich im unschuldigen Alter von sieben Jahren vor dem Fernseher und verfolgte hoch erregt das Endspiel im Europacup der Pokalsieger: West Ham United gegen den TSV 1860 München. Auch wenn die Engländer das Spiel mit 2:0 gewannen, war von diesem Moment an klar, wem mein Fußballherz gehören würde: den Sechzgern, den Löwen. Für immer und ewig, dachte ich. Ein Jahr später reckten die begnadeten Radenkovic, Brunnenmeier, Grosser und Rebele die Meisterschale in den weiß-blauen bayerischen Himmel und hatten den verhassten FC Bayern hinter sich gelassen.
Radi Radenkovic, dem sangesstarken, brillanten, in Schwarz gekleideten Torwart, eiferte ich auf den Bolzplätzen meiner Jugend nach, und ganz sicher war ich mir, dass ich mit meinem Club noch viele goldene Zeiten erleben würde. Ein jugendlicher Irrglaube, denn die folgenden Jahrzehnte bescherten mir Erniedrigungen und Beleidigungen am laufenden Band. Ich erlebte windige Präsidenten, irrwitzige Trainer, unfähige Spieler und Durststrecken, die kein Ende zu finden schienen. Ab und zu blitzte Hoffnung auf, als Werner Lorant die Mannschaft coachte, als man in wunderbaren Relegationsspielen Arminia Bielefeld niederrang oder mit dem prachtvollen Mittelstürmer Ferdi Keller sogar einen Zweitligaspieler für Helmut Schöns Nationalelf abstellte.
Was ein wahrer leidgeprüfter Fan ist
Der Mensch wächst im Verlust, heißt es, und mit dem Philosophen Ernst Bloch wissen wir, dass es darauf ankommt, „das Hoffen zu lernen“. Löwenfans sind die fleischgewordenen Repräsentanten dieser Maximen und halten es mit Österreichs Kaiser Franz Joseph, der die vielen ihn ereilenden Schicksalsschläge mit einem resignativen „Mit bleibt auch nichts erspart“ zu kommentieren pflegte. Trotz aller Peinigungen wäre ich freilich nie auf die Idee gekommen, mich von meinem Verein zu verabschieden, ihm nicht die Treue zu halten.
Bayern-Fan kann jeder sein; wahre Charaktergröße zeigt sich, wenn man, komme, was wolle, ein Sechzger bleibt. Seinen Club mit fliegenden Fahnen zu wechseln, ist ein Ding der Unmöglichkeit; gut erinnere ich mich an mein Unverständnis, als vor vielen Jahren der Schriftsteller Eckhard Henscheid ankündigte, sich von seiner Frankfurter Eintracht zu lösen und ins Lager des Intellektuellenlieblingsclubs SC Freiburg überzulaufen.
Nun muss doch geschieden sein
Nein, das würde mir nie passieren, dachte ich bis vor wenigen Tagen – bis der DFB beschied, dass meine Sechzger nach 2017 zum zweiten Mal in die Regionalliga Bayern zurückgestuft würden. Noch vor wenigen Monaten träumten die ewig träumenden Löwenfans davon, dank der nicht mehr ganz taufrischen Ex-Bundesligaspieler Volland und Niederlechner in die Zweite Bundesliga aufzusteigen. Nichts davon trat ein, und so sage ich es nun schweren Herzens: Servus, ihr Löwen, servus, du chaotischer Dilettantenclub mit halbseidenen Figuren in der Führungsetage, mit einem jordanischen Investor, der den Verein Jahr für Jahr quälte und dessen Millionen – das muss man hinbekommen! – nichts besser machten. „Viele Menschen haben sich ihre eingebrockte Suppe selbst zuzuschreiben“ – dieser Erkenntnis Heinz Erhardts ist nichts hinzufügen.
Nein, ich werde mir im Herbst keine Regionalligaspiele gegen Vilzing oder Aubstadt anschauen. Nein, ich werde mir nicht einreden, dass es bald einen Aufschwung geben könnte. Ich werde stattdessen mein verwaschenes Sechzger-Nachthemd entsorgen, das Löwenemblem von meinem Auto entfernen, mich nicht mehr für die Ergebnisse des Clubs interessieren und vielleicht sogar meine Mitgliedschaft kündigen. Einen neuen Verein werde ich mir nicht suchen, nicht so tun, als schlüge mein Herz plötzlich heftig für Heidenheim, Elversberg oder den Hamburger SV.
Einsam und orientierungslos werde ich durch den Herbst meines Lebens schwanken. Trost sollte mir mein Weißbierglas schenken, das die Köpfe der Meisterelf von 1966 zeigt und auf keinen Fall in die Spülmaschine darf. Und ab und zu werde ich, sicher mit Tränen in den Augen, einen Blick auf die Pinnwand in meinem Arbeitszimmer werfen. Da hängt eine Eintrittskarte (Haupttribüne Seite, DM 45,-) vom 15. April 2000, als ich im Olympiastadion dem Spiel meiner Löwen gegen den FC Bayern beiwohnen durfte. 2:1 gewann mein Club damals, herrlicherweise. All das ist Schnee von gestern, gibt mir nichts mehr. Schleichts euch, ihr Löwen!

vor 2 Stunden
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