Katharina Müller, Finizio:
»Und das Klopapier gerne in den Mülleiner nebenan.«
Nutzerin:
»Nebenan in den Beutel?«
Katharina Müller, Finizio:
»Genau.«
Nutzerin:
»Mach ich!«
Aufklärungsarbeit und Tipps am mobilen Plumpsklo – für Katharina Müller ist das Arbeitsalltag. Ihre Firma hat die Toiletten entwickelt.
Katharina Müller, »Finizio«:
»Das ist unsere Festivaltoilette, unser Baby sozusagen, mit dem Modell haben wir angefangen. Und es ist eine Trockentoilette, d.h. wir benutzen kein Wasser und keine Chemie, sondern wir benutzen natürliche Einstreu wie Strohmehl.«
Da weckt der Klogang schon mal geradezu animalische Gefühle:
Nutzerin:
»Das war voll schön, ich kam mir vor wie so ein Pferd, weil man da aufs Heu pinkelt, aber man hat nix gehört. Also, besser als ein Dixie, find ich.«
Urin und Kot werden in den Tonnen durch eine Drainage voneinander getrennt. Das ist für die spätere Weiterverwendung wichtig. Neben einigen ausgesprochenen Enthusiasten gibt es auf dem Eberswalder Stadtfest auch Trockenklo-Skeptiker:
Nutzerin:
»Gewöhnungsbedürftig, schon allein wegen den Türen, da kann halt von unten theoretisch jeder reingucken.«
Nutzer:
»Der Gedanke dahinter, keine Frage, ist in Ordnung, aber die Umsetzung ist noch nicht so. Mit diesem Wagen sitzt du wie so’n Huhn auf der Leiter.«
Nutzer:
»Mit Wasser ist noch besser, Spülung mit Wasser. Da kommt doch bloß so'n trockenes Zeug raus.«
Da ist offenbar noch Überzeugungsarbeit nötig – auch, was die Idee hinter den Toiletten angeht.
Katharina Müller, Finizio:
»Unser Plan ist, dass wir diese Kacke recyceln – und zu einem sicheren Recyclingdünger wieder zurück aufs Feld bringen.«
Auf dem Recyclinghof von Finizio am Stadtrand von Eberswalde:
Katharina Müller, »Finizio«:
»Lecker!«
Katharina Müller und ihr Kollege – sie nennen sich »Humuswirte« – begutachten die neueste Fäkalien-Lieferung.
Katharina Müller, »Finizio«:
»Aber die ist schon ganz gut.«”
Katharina Müller, »Finizio«:
»Duftnote? Duftnote: Das riecht eigentlich ganz gut, also in dem Moment, wo es abgedeckt ist und von Luft abgeschnitten ist, mit dem Strohmehl hier, riecht das gar nicht mehr doll – ein bisschen nach Hamsterstall, so.«
Katharina Müller, »Finizio«:
»Andere Leute sehen hier vielleicht einfach nur Mülltonnen mit ein bisschen Stroh und Kacke drin, aber für uns ist das, das ist quasi darum, wo sich unsere Arbeit dreht: Also, das ist der Wertstoff, den wir veredeln dann zu einem Humusdünger, der Bodenfruchtbarkeit aufbaut.«
Aus menschlichen Fäkalien Dünger herstellen - ausgerechnet der Irankrieg gibt dieser Idee wieder Auftrieb. Denn die Blockade der Straße von Hormus hat den Mineraldünger-Preis kräftig ansteigen lassen. Rund ein Drittel des synthetischen Düngers kommt aus der Golfregion. In Eberswalde arbeitet man, in kleinem Maßstab, an einer heimischen Alternative – das große Geschäft wittert man hier allerdings noch nicht, es geht darum, sich erst einmal am Markt zu etablieren.
Katharina Müller, »Finizio«:
»Das sind ungefähr 50.000 große Geschäfte. Also, wenn in Eberswalde einmal alle ihr großes Geschäft auf dem Waldstadtfestival verrichtet, dann haben wir einen gefüllten Container.«
Klappe zu, zehn Tage warten, fertig. Salmonellen, E. coli und anderen Krankheitserregern wird im Hygienisierungs-Container der Garaus gemacht.
Katharina Müller, »Finizio«:
»Das ist ganz pfiffig, weil im Prinzip belüften wir den Container nur. Also, wir erhitzen den nicht aktiv, sondern wir geben Sauerstoff rein. Und dadurch werden die Mikroorganismen im Stroh und in den Fäkalien so aktiv, dass sie eine wahnsinnige Hitze produzieren. Und dann verändern sie quasi das Milieu in dem Container für sich so, dass sie erstens aus Hitze und zweitens, weil da zu viel Sauerstoff drin ist, einfach absterben.«
Geschäft machen, Wegspülen, Deckel drauf: So läuft es vereinfacht gesagt in Deutschland. Dabei wird viel Wasser und Energie verbraucht und mitunter die Umwelt verschmutzt. Was übrig bleibt, wird zur Energiegewinnung verbrannt. Insgesamt ein überwiegend lineares Modell. Seit 2019 arbeitet »Finizio« in Eberswalde an einem Gegenentwurf: die deutschlandweit erste Recycling-Anlage für menschliche Ausscheidungen, regional und ressourcenschonend. Der Inhalt aus dem Hygienisierungs-Container landet mit weiterem Material in länglichen Komposthaufen, den sogenannten Mieten. Das Rezept: Rund ein Drittel Fäkalien-Reste, außerdem Tonmineralien, Silage und fertiger Humusdünger. Die Mieten müssen regelmäßig gewendet werden – für eine optimale Sauerstoffversorgung. Zwischendurch begutachten Katharina Müller und ihre Kollegen immer wieder die Haufen – und entfernen das, was die Leute so alles ins Klo werfen.
Katharina Müller, »Finizio«:
»In den Festivaltoiletten, gerade in unseren Anfangszeiten, da waren auch mal Sachen wie Unterwäsche oder so, sind dann hier. Ich glaube, eine Kassette habe ich mal gefunden, eine Barbie. Also, hier kommt einiges an.«
Nach sechs bis acht Wochen ist der Humus dann fertig. Das Ergebnis begeistert Katharina Müller immer wieder.
Katharina Müller, »Finizio«:
»Das sieht richtig gut aus. Ja, also die Krümelstruktur ist halt richtig gut. Man sieht auch, dass das Wasser da total gut drin gehalten ist. Also, wenn ich das so zusammen mache, dann bleibt es erst mal so plastisch. Aber ich kann es ganz leicht auch auseinander machen. Und das ist super wichtig für einen guten Humusdünger, der dann auch den Boden aufwertet.«
Der Dünger aus den Trenntoiletten ist bereit für die nächste Etappe – das Versuchsfeld. Labor-Untersuchungen haben bestätigt: Das Produkt ist frei von Krankheitserregern und Medikamentenrückständen, also für Mensch und Umwelt ungefährlich. Die Düngewirkung ist zwar niedriger als beim synthetischen Mineraldünger, der Gewinn bei der Bodenqualität und die CO₂-Ersparnis dafür langfristig hoch. Der Kreislauf wäre damit komplett: Die Ausscheidungen vom Stadtfest, recycelt von Finizio, ernähren auf dem Feld Pflanzen, die wiederum gegessen und ausgeschieden werden – und so weiter. Für Befürworter einer Kreislaufwirtschaft verbirgt sich darin die Antwort auf beinahe alles.
Katharina Müller, »Finizio«:
»Da steckt quasi so ein Bedürfnis drin, eigentlich die größten Krisen des 21. Jahrhunderts damit zu bewältigen, sozusagen eine Antwort darauf zu geben. Und die liegt tatsächlich in unserem Kot. Und das ist ganz interessant, weil wir können auf der einen Seite weniger Klimawandel verursachen, indem wir keine synthetischen Düngemittel herstellen, die viel CO₂ ausstoßen, bei der Produktion alleine schon. Auf der anderen Seite können wir Gewässer sauber halten, unsere Ökosysteme intakt halten, Wasser sauber halten – und auf der noch anderen Seite oder am Ende des Kreislaufs sozusagen, führen wir unsere Nährstoffe wieder zurück aufs Feld und düngen damit unsere Nahrung und haben einen geschlossenen Kreislauf.«
Doch das sind bislang nur Träume. Die selbsternannten Humuswirte stehen nämlich vor einigen juristischen Hürden:
Katharina Müller, »Finizio«:
»Also das ist die Anlage 2 von der Düngemittelverordnung und wir müssen quasi in Tabelle 7 … Anlage 2: Verordnung über das Inverkehrbringen von Düngermitteln, Bodenhilfsstoffen, Kultursubstraten und Pflanzenhilfsmitteln. «
Nur was in der Düngemittelverordnung steht, ist offiziell auch Dünger, und menschliche Ausscheidungen sind dort nicht zu finden. Bedeutet: Finizio darf seinen Dünger bislang nur in wissenschaftlichen Versuchen aufs Feld bringen.
Katharina Müller, »Finizio«:
»Das ist nur eins von mehreren Gesetzen, die geändert werden müssen, damit wir unsere Dünger in Verkehr bringen können. Da gibt es eben noch das Umweltrecht und das Abwasserrecht, der Anschluss- und Benutzungszwang.«
Geld verdient das Unternehmen und die Handvoll Mitbewerber in dem Bereich bislang vor allem mit selbst designten Trockentoiletten für Parks und dem Verleih auf Festivals.
Katharina Müller, »Finizio«
»Wir sehen gesellschaftlich eben auch, weil wir operieren ja mit diesen Toiletten, also, wir bieten die an, wir sind die ganze Zeit mit NutzerInnen in Kontakt. Und wir sehen eine wachsende Akzeptanz.
Die muss sich das Unternehmen allerdings mit ständiger Präsenz und Information erarbeiten – wie hier auf dem Eberswalder Stadtfest.
Denn selbst wenn die Rechtslage es eines Tages zulassen sollte: Würden die Konsumenten überhaupt Lebensmittel akzeptieren, die mit ihren eigenen Ausscheidungen gedüngt wurden?
Nutzerin:
»Ich find' das mega, das ist Naturprodukt. Das ist nunmal unsere Natur: Wat oben reinkommt, muss unten raus – und wiederverwendbar. Ich find' das toll.«
Nutzer:
»Ja, aber wer weiß, was die Leute da noch mit reinmachen. Schwierig, so was, ganz schwierig.«
Katharina Müller wird wohl noch viel erklären müssen. Wir haben uns eben daran gewöhnt, dass alles im »Wasserklosett« auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Der Weg zu einem echten Kreislauf ist noch lang.

vor 15 Stunden
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