Dresdner Musikfestspiele: Kann man Wagner „leicht“ nehmen?

vor 1 Tag 1

Für Bertolt Brecht war der Kommunismus: „das Einfache, das schwer zu machen ist“. Eine menschliche Welt, von Menschen, für Menschen. Warum nur ist Brecht heute beinahe vergessen? Richard Wagners utopische Zeitkritik klang ähnlich, wenngleich komplizierter: „Ich bringe die Realität und die Idealität nicht zusammen.“ Die Dresdner Musikfestspiele brachten in diesem Jahr Wagners im „Ring des Nibelungen“ geäußerten Allmachts- mit Brechts komplikativ gedachtem Basis-Anspruch zusammen. Das Jahresmotto „Leichtigkeit des Seins“ verband absichtsvoll Unterhaltsames mit Gewagtem.

Der Cellist Jan Vogler, seit 2008 im Zweitberuf erfolgreicher Festspielintendant, nimmt diesen Spagat mit gutem Mut: „Das schließt sich ja nicht aus, inhaltlicher Tiefgang kommt bei einem Klassikfestival sowieso durch die phantastischen Werke, die unglaublichen Künstler und natürlich auch durch die Genrevielfalt.“ Nur sei Humor in der Musik relativ selten. Er denke jedoch, es geschafft zu haben, „Leichtigkeit auf viele verschiedene Arten zu zeigen“.

DSGVO Platzhalter

Finesse wäre auf jeden Fall dabei nötig, wie das Eröffnungskonzert des vierwöchigen Festivals bewies. Mit dem einigermaßen sperrigen Cellokonzert „Tout un monde lointain …“ von Henri Dutilleux zu starten, war ein Wagnis, das Vogler als Solist dadurch zu kompensieren suchte, dass er den Dresdner Comedian Olaf Schubert als Moderator des Abends einspannte. Prompt war der Saal ausverkauft, nahm das Publikum das atmosphärische, 1970 durch Mstislaw Rostropowitsch uraufgeführte Werk hin und delektierte sich an Schuberts Wortwitz. Dass dieser der Dirigentin Tabita Berglund auch mal den Taktstock entnahm, mag amüsant gewesen sein. Aber klassische Musik mit Gewalt in der Ehe zu vergleichen: „Nicht schön, aber gehört dazu“, war einschließlich der duldsamen Hinnahme einer solchen Entgleisung schlicht erbärmlich.

Das Frauenbild Richard Wagners war gewiss ähnlich vorgestrig wie diese peinliche Pointe, ist aber – ebenso wie sein Antisemitismus – einer anderen Zeit geschuldet. In seiner „Götterdämmerung“, die bereits am Vorabend der längst schon sämtliche Genregrenzen sprengenden Musikfestspiele als krönender Abschluss des pompösen Projekts „The Wagner Cycles“ erklang, hat der Dichter-Komponist ähnlich überkommene Rollenbilder von Helden und Wunschmaiden gezeichnet. Wie aber das Dresdner Festspielorchester und Concerto Köln unter der Leitung von Kent Nagano die 2023 gestartete Tetralogie in Richtung Originalklang transportiert haben, war einfach grandios. Durchhörbar, textverständlich und weit theatralischer als so manch szenische Umsetzung. Dank Young Woo Kim als tenoral glänzendem Siegfried, Åsa Jäger als betörende Brünnhilde und Patrick Zielke als fiesem Hagen, der einfach nur die Hände in die Hosentaschen stecken musste, um seinem Charakter Ausdruck zu verleihen, waren fünfeinhalb Sternstunden zu erleben.

DSGVO Platzhalter

Und auch Wagners italienischer Antipode Giuseppe Verdi kam mit seinem hochdramatischen „Requiem“ in Dresdens Frauenkirche zu historischer Geltung. Ob die beiden Meister ihre Werke freilich auch heute im damaligen Stil oder lieber in modernerer Spielweise hören würden, muss unbeantwortet bleiben. Fest steht, dass dieses mit immensem Aufwand betriebene und siebenstelligen Eurobeträgen geförderte Wagnis für unvergessliche Höreindrücke gesorgt hat. Der musikwissenschaftliche Wert ist nicht zu beziffern. Die „Götterdämmerung“ erklingt Mitte September noch mal in Luzern und Paris, der komplette „Ring“ wird im kommenden Mai im Wiener Konzerthaus aufgeführt werden. Jan Vogler kündigte zudem Aufführungen in Asien, die Veröffentlichung von CD-Aufnahmen sowie eine abschließende wissenschaftliche Auswertung dieses „Ring“-Zyklus an.

Wo „Leichtigkeit“ versprochen war, entfaltete sich über vier Wochen und 64 Veranstaltungen an 24 Spielstätten hinweg eine Vielfalt, die von den erwähnt peinlichen Possen über Jazz und Folklore bis hin zur finalen Show „New Worlds“ führte. Da durfte das Leichte auch seicht sein, um den US-Schauspieler Bill Murray in seinen Rezitations- und Gesangskünsten zu testen. Das Publikum lag dem von Jan Vogler, Mira Wang und Vanessa Perez an Cello, Violine und Klavier begleiteten Mimen zu Füßen.

DSGVO Platzhalter

Bei „Cellomania“, einem Festival im Festival, trafen die zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker auf Dutzende andere Cellistinnen und Cellisten in 17 Dresdner Konzerten. Neben Bachs Cellosuiten und Vivaldis Cellokonzerten gab es auch Filmmusik von einem Cello-Oktett. Für andere Höhepunkte sorgten das London Philharmonic Orchestra mit zwei Edward-Elgar-Abenden sowie Suzanne Vega mit einer konzertanten Aufführung der Oper „Einstein on the Beach“ von Philip Glass und nicht zuletzt das einmal mehr gefeierte Hagen-Quartett auf seiner Abschiedstournee nach 45 Jahren.

Völlig neu war die Einbindung der Dresdner Musikfestspiele ins regionale Programm „Tacheles – Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen“. Igor Levits ausverkaufter Klavierabend im Konzertsaal des Dresdner Kulturpalasts verband ein „Kaddisch“ von Maurice Ravel mit Musik von Schostakowitsch, Liszt und einer kleinen Auswahl der „Lieder ohne Worte“ von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Wer wollte, konnte die „Leichtigkeit“ dieses Musikfestspiel-Jahrgangs also durchaus umgehen – oder sie mit inhaltlichem Tiefgang verbinden. Gelegenheit dazu boten nicht zuletzt zwei Theaterabende im Dresdner Schauspielhaus, wo der Puppenspieler Nikolaus Habjan zunächst einen faszinierend nachdenklich stimmenden Marionetten-Abend über die zwiespältige Künstlerbiographie des Dirigenten Karl Böhm abgeliefert hat und Nils Strunk wenige Tage später mit seiner Interpretation der „Schachnovelle“ von Stefan Zweig die Möglichkeit eines Ineinanders von Einfachem, Leichtem und Schwergewichtigem unter Beweis gestellt hat.

Gesamten Artikel lesen