Ein bisschen wirkt es, als hätte die FDP es kommen sehen. „Wo Freiheit ist, ist alles möglich“, stand während dieses Bundesparteitags in großen Lettern hinter der Bühne. Zugegeben, für sich genommen wirkt dieser Spruch wie die nächste Floskel aus der Mottenkiste der politischen Kommunikation. Aber die Freidemokraten füllten ihren Slogan gleich bei der ersten Gelegenheit mit Leben.
Denn die Krönungsmesse für den sich konkurrenzlos wähnenden Wolfgang Kubicki wurde unvermittelt zum Krimi. Ohne Ankündigung und Absprachen stand dem politischen Routinier plötzlich in Marie-Agnes Strack-Zimmermann eine ebenso starke Gegnerin gegenüber, die ihre Sache mit glühender Vehemenz vertrat.
Was folgte, war eine Sternstunde der Parteiendemokratie: Es wurde gerungen, gestritten, gezetert, gezerrt – und sich danach die Hand gegeben. In wenigen Stunden zeigte eine Partei, die monatelang primär durch Stille aufgefallen war, wie viel Argument, Gegensatz, Leidenschaft, ja Leben noch in ihr steckt. Weil es Menschen gibt, denen der Zustand ihrer politischen Heimat wichtig ist.
Sicher, das Drama um den Bundesvorsitz dürfte ein Albtraum für jeden Parteistrategen gewesen sein. Schließlich präsentierte sich da auch eine Partei in all ihrer Zerrissenheit. Aber genau deshalb war diese Debatte auch so wichtig. Denn sie zeigte ein rar gewordenes Gut in Reinform: den gepflegten Streit.
In wenigen Stunden zeigte eine Partei, die monatelang primär durch Stille aufgefallen war, wie viel Argument, Gegensatz, Leidenschaft, ja Leben noch in ihr steckt.
Dennis Pohl
Wir leben längst in Zeiten, in denen dieses demokratische Grundnahrungsmittel zum Angstgegner der allermeisten politischen Parteien geworden ist. Geschlossenheit sei es, was das Wahlvolk erwarte, heißt es immer wieder. Streit hingegen schrecke ab, er lasse die Zustimmung sinken. Und das mag sein. Allerdings nur, wenn er falsch ausgetragen wird.
Im Grunde ist es wie in einer Beziehung: Harmoniesucht führt dazu, dass Konflikte unausgesprochen bleiben und sich irgendwann in kleinen Grausamkeiten äußern. In der Politik haben wir uns über die Jahre an ein Schauspiel gewöhnt, bei dem nach außen die „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ gelobt wird, während gleichzeitig am Königsmord gebastelt wird.
Es ist kein Zufall, dass am Samstag Vertreter derzeit größerer Parteien mit einer gewissen Bewunderung auf die Auseinandersetzung zwischen Strack-Zimmermann und Kubicki schauten: Das wäre bei uns nicht möglich, da würde gelächelt – und danach verdeckt abgerechnet.
Das ist unwürdig, denn es schädigt auf Dauer das Vertrauen in die Demokratie.
Immer verbreiteter wird schließlich das Narrativ, bei Politik handele es sich um ein abgekartetes Spiel, bei dem das Ergebnis schon vor dem Spiel feststehe. Das ist falsch. Aber man muss es den Menschen auch regelmäßig beweisen.
Die FDP hat das am Samstag getan: zwei Menschen, zwei konträre Überzeugungen, die in aller respektvollen Härte gegeneinander abgewogen wurden. Offen, leidenschaftlich, transparent. So funktioniert Debatte. Und die ist letztlich der Treibstoff der Demokratie.

vor 57 Minuten
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