Shay O’Reilly: Ah, ein Lollipop!«
Eigentlich wollte Shay O’Reilly statt eines Lollis lieber etwas anderes loswerden. Er ist heute unterwegs auf einer wichtigen Mission.
Shay O’Reilly: »Wir halten Ausschau nach US-Amerikanern. Um ihnen klarzumachen, dass sie von überall auf der Welt wählen können.«
O’Reilly ist selbst US-Bürger, lebte bis vor Kurzem in New York City. Seit Donald Trumps zweiter Amtszeit hat sich für ihn als trans Person aber einiges geändert. So viel, dass er sich gezwungen sah, die USA zu verlassen.
Nun wohnt der Experte für Klimapolitik in Berlin –und macht heute hier Wahlkampf für die Demokratische Partei im Ausland, die Democrats Abroad.
Auf einem Lesbisch-schwulen Stadtfest versucht er, möglichst vielen Amerikanern diese Karte in die Hand zu drücken. Damit können sie sich registrieren und ihre Wahlunterlagen für die Midterm-Wahlen anfordern. Ohne die dürfen sie nicht wählen.
Shay O'Reilly: »Hallo! Kennst du Amerikaner oder Amerikanerinnen hier in Deutschland?« »Amerikaner? No, nein.« »Hier in Deutschland?« »Nein, tut sie nicht.«
Shay O'Reilly: »Als ich in Amerika war, habe ich solche Veranstaltungen geliebt – von Tür zu Tür gehen und Haustürgespräche führen. Das möchte ich unbedingt wieder tun. Aber mein Deutsch ist noch nicht so gut. Deshalb ist es ein bisschen schwierig.«
Zu tun gibt es viel für O’Reilly: Laut der Democrats Abroad haben bisher nur etwa 750 der 5000 in Berlin lebenden US-Demokraten ihre Wahlunterlagen beantragt.
Unterstützt wird O'Reilly auch von seinem Mann Morgan. Mit ihrer kleinen Tochter sind sie gemeinsam vor rund anderthalb Jahren nach Deutschland ausgewandert.
Shay O'Reilly: »Ich fang dich auf… Bereit, los!«
Die Familie fühlt sich hier deutlich sicherer als in den USA. Und das, obwohl sie zuletzt viele Jahre im liberalen New York City gelebt hat.
Shay O'Reilly: »Wir sind nach Berlin gekommen, weil ich mich als trans Person mit einem kleinen Kind in den USA im Alltag nicht mehr sicher gefühlt habe. Die Regierung unter Präsident Trump hat immer wieder gesagt: Sie würden versuchen, die Rechte von trans Personen einzuschränken. Unter diesen Umständen zu leben, war sehr belastend.«
Bisher konnten trans Personen in den USA ihren Geschlechtseintrag im Pass selbst wählen. Die Biden-Regierung hatte eine nicht-binäre Option X eingeführt. Seit Anfang 2025 gilt aber, was die Regierung unter Donald Trump entschieden hat: Der Eintrag im Pass muss dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entsprechen.
Für Shay O’Reilly ist das eine Katastrophe:
Shay O'Reilly: »Ich kann mir aktuell keinen Reisepass ausstellen lassen, in dem das Geschlecht steht, mit dem ich seit 15 Jahren lebe. In meinem aktuellen Reisepass ist ein »M« vermerkt. Wenn ich ihn verliere, kann ich keinen neuen damit bekommen. Darin würde dann ein »F« stehen. Und das könnte gefährlich werden. Es setzt mich der Überwachung aus, ich kann überall als trans erkannt werden. Im schlimmsten Fall kann es zu Gewalt führen.«
Szene: »Ich weiß, was wir tun können. – Was denn?«
Trumps Stimmungsmache wirkt sich aber nicht nur auf O'Reillys Familienleben aus. Sondern auch auf seine Arbeit in der Klimapolitik.
Shay O'Reilly: »Es hätte ein einziger rechter Influencer gereicht, dem meine Arbeit nicht gefällt. Er hätte eine Hetzkampagne gegen unsere Familie starten können. Die Rechten sehen die Existenz einer queeren Familie als Bedrohung für Kinder.«
Das Paar hat sich deshalb schweren Herzens entschieden, die USA zu verlassen – und nach Deutschland zu ziehen.
So wie sie sind 19.300 Menschen von Januar bis September 2025 aus den USA nach Deutschland gezogen. Das sind 3,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Zum ersten Mal seit 2021 sind sogar mehr Menschen aus den USA nach Deutschland gezogen als umgekehrt.
Der Großvater von Morgan Crawford, Shay O’Reillys Mann, hat den Holocaust überlebt. Crawford selbst ist Jude und hat deshalb mit der gemeinsamen Tochter als Entschädigung für NS-Opfer direkt einen deutschen Pass erhalten. Auch für ihn war der Umzug ein großer Schritt.
Morgan Crawford, Ehemann: »Es ist sehr seltsam, hier in Deutschland zu sein und das Gefühl zu haben, dass es hier keine Juden gibt. Ich kenne viele Juden in den USA, die niemals nach Deutschland kommen würden. Wegen der Geschichte würden sie sich etwa nie wohl dabei fühlen, ein deutsches Auto zu fahren.«
Und trotzdem fühlt sich der Schritt für alle drei gut an – zumindest heute:
Morgan Crawford, Ehemann: »In Germany, my husband being trans has not been an issue. It's been very pleasantly just no one has cared, and that's not just with neighbors or other parents, but... Basic, you know, at the burgerhub, to no one cares that you're transgender. It's like, okay, that's surprising but good, yeah.«
Shay O’Reilly: »Am Anfang war es für uns hier so, als würden wir an einem völlig neuen Ort leben, dessen Sprache wir nicht beherrschen. Meine Tochter war ausschließlich in einer deutschsprachige Kita. Sie hatte es wirklich schwer und tat sich sehr schwer damit, Freunde zu finden. Das ist vorbei – seit einem Jahr geht es uns hier gut. Ich bin so stolz auf meine Tochter und darauf, wie gut sie sich hier eingelebt hat.«
»Ich glaube, das schaffst du. Kannst du den Pfahl greifen? Genau den da – zieh dich hoch!«
In New York City hat sich seit ihrem Umzug viel verändert. Seit diesem Januar ist Zohran Mamdani Bürgermeister der Stadt. Er bezeichnet sich als demokratischen Sozialisten und gilt als Lichtblick für die Demokraten.
Shay O’Reilly kennt Mamdani persönlich, er hat ihn damals beim Wahlkampf unterstützt.
Dass er nun regiert, stimmt O’Reilly hoffnungsvoll. Zurück nach New York will er trotzdem nicht:
Shay O’Reilly: »Es ist immer noch eine Erleichterung, hier in Berlin zu sein. Wir können arbeiten, ohne uns jeden Tag Sorgen um neue Bedrohungen zu machen. Wir fühlen uns im Alltag viel sicherer und ausgeglichener.«
Das Treffen mit O’Reilly fand vor dem Anschlag auf den CSD in Berlin am 25. Juli statt. Ein islamistischer Attentäter war am Rande der queeren Demonstration mit einem Auto in eine Menschenmenge gerast. Eine Frau starb und 31 Menschen wurden teils schwer verletzt.
Für Shay O’Reilly und seine Familie war das ein Schock. Trotzdem haben sie den Eindruck, dass Deutschland die Verteidigung der Menschenrechte ernst nimmt. Ihr Sicherheitsgefühl in Berlin hat sich nicht verändert, sagen sie.
Gut eine Woche vorher war die Stimmung auf dem Lesbisch-Schwulen-Stadtfest und beim Mini-Wahlkampfstand fröhlich und entspannt.
»Wir versuchen, den Eindruck zu erwecken, dass wir wichtig sind.« – »Wir sind doch wichtig!«
Und sind sie auch erfolgreich? Konnten sie einige Amerikaner dazu bewegen, sich hier auf dem Stadtfest für die Midterm-Wahlen zu registrieren?
Shay O’Reilly: »Kennst du Amerikaner, die in Deutschland leben? – »Ja.« Sie können diese Website besuchen und ihre Wahlunterlagen anfordern.«
Shay O’Reilly: »Es läuft gut. Wir haben ziemlich viele Menschen getroffen, die nicht wussten, dass sie wählen dürfen, oder wie es funktioniert.«
Die Midterms sind zwar erst am 3. November. Doch sie sind ein wichtiger Stimmungstest für die USA. Aktuell haben dort die Republikaner im Kongress das Sagen. Die Zwischenwahlen sind eine Chance für die Demokraten, die Mehrheit zurückzugewinnen.
Shay O’Reilly hilft kräftig mit. Dass er dabei in Deutschland und nicht in den USA ist, empfindet er nicht unbedingt als Nachteil.
Shay O’Reilly: »Es ist gerade sehr wichtig, sich gegen die extreme Rechte zu wehren – über Grenzen hinweg. Deshalb hoffe ich sehr, dass sich die Menschen in Deutschland mit den Menschen in den USA zusammenschließen. Und gemeinsam Strategien entwickeln für Demokratie und Menschenrechte.«
Shay O’Reilly ist in Berlin angekommen, auch wenn sein Herz politisch weiter für die USA schlägt:
Shay O’Reilly: »Wir haben heute bereits 500 Flyer verteilt. Der Tag ist noch nicht vorbei. Und morgen geht es weiter.«
»Tschüs!«

vor 2 Stunden
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