Anna Handler kann ihr Glück kaum fassen. Zumindest wirkt es so. Mit einem zackigen Schritt in Alexander-McQueen-Stiefeletten betritt sie im roten Dämmerlicht die Bühne des Großen Saals. Kaum ist die erste Arie des amerikanischen Belcanto-Tenors Jonathan Tetelman aus Bizets Carmen verklungen, umarmt sie ihn, der gar nicht weiß, wie ihm geschieht. Das wiederholt sich nach jeder Arie, so als wolle sie ihn gar nicht mehr loslassen. Am Ende des ersten Teils, nach Haydns Sinfonie „La Passione“, schüttelt Handler nicht nur der ersten Geige, ihrer Schwester Laura, sondern auch allen Streichern ihres Ensembles „Enigma Classica“ die Hand. Ist es Dankbarkeit oder Freude?
Es ist Mitte April, und die Dirigentin Anna Handler feiert ihr Debüt in der Hamburger Elbphilharmonie. Tags zuvor ist sie dreißig Jahre alt geworden, aber was heißt alt. Die junge Maestra macht an diesem Abend in Hamburg den Unterschied. Eigentlich sind die meisten wegen Tetelmans italienischen Schmelzes in der Stimme gekommen, hinterher raunen sich zwei Zuhörerinnen zu, dass sie so eine junge starke Frau am Pult noch nicht erlebt haben. Sie meinen Anna Handler – die dirigiert das Kammerensemble, sie macht die Klavierbegleitung für Tetelman, sie spielt das Mozart-Klavierkonzert Nr. 23 solo. Jedes Werk des knapp zweistündigen Konzerts hat mit ihr zu tun. Als Tetelman bei „Nessun Dorma“ in der Zugabe mit „Vincerò! Vincerò!“ zum pathetischen Schlussakkord ansetzt, ist klar, dass dieser Abend nur eine Siegerin kennt.
Ohne Juilliard wäre das nicht passiert
Anna Handler hat einen Lauf, würde man im Sport sagen, die Klassikwelt rollt der jungen deutschen Dirigentin, ob in Berlin, Boston oder Los Angeles, gerade den roten Teppich aus. „Die Samen, die jetzt explodieren, sind vor längerer Zeit gepflanzt worden“, sagt Handler am nächsten Tag beim Gespräch mit der F.A.S. in der Lobby eines Hotels. „Ohne Juilliard würde das alles nicht passieren, es hat mein Leben verändert.“ Sie meint das weltberühmte Konservatorium in New York, an dem schon so viele Legenden der klassischen Musik studiert haben – von Itzhak Perlman bis Yo-Yo Ma –, so auch die junge Münchnerin. Nach einem Bachelor in Klavier und Dirigieren in München und Weimar hatte sie sich während Corona entschlossen, sich an der Juilliard- School, dem berühmten Konservatorium in New York, zu bewerben. Was aussichtslos erschien, wurde zum Start einer Karriere, der jetzt alles zuzutrauen ist: Handler wurde in der langen Historie von Juilliard als erste Dirigentin das Kovner-Fellowship zugesprochen. Sie ist jetzt die Benchmark, geheuer ist ihr das nicht.
Anna HandlerPeter RigaudIm Gespräch strahlt sie großes Selbstbewusstsein aus, und zugleich eine Nachdenklichkeit, ganz so, also könnte sie das alles noch gar nicht richtig fassen. Wie sie im Studium dem Komponisten John Williams oder dem venezolanischen Dirigenten und Geiger Gustavo Dudamel vordirigieren durfte, der sie prompt nach ihrem Abschluss als Fellow nach Los Angeles an sein Orchester LA Philharmonic holte. Denn das kann Juilliard wie keine andere Musikhochschule in der Welt: ein Karrierenetzwerk spinnen, von dem die größten Talente der Branche profitieren. Der Sponsor ihres Stipendiums sitzt im Board der „MET“, der Hauptjuror war der langjährige Leiter der Carnegie Hall, „das öffnet Türen“, sagt Anna Handler. Das habe bestens geklappt.
Noch als Studentin gibt sie 2022 ihr Debüt bei den Salzburger Festspielen. Ab September ist sie das erste Mal Chefdirigentin eines Orchesters, es ist das Ulster Orchestra in Belfast, hier will sie in drei Jahren ihre ganz eigene Vorstellung von Klang verwirklichen. Daneben ist sie gerade noch stellvertretende Dirigentin des Boston Symphony Orchestra und seit dieser Spielzeit Kapellmeisterin an der Deutschen Oper Berlin. Allein jetzt im Juni dirigiert sie hier zwei große Opern, „Carmen“ und „Die Zauberflöte“. Und in Los Angeles hat man für sie eine Position als „Conductor in Residence“ geschaffen, die es so vorher gar nicht gab. Die „Süddeutsche Zeitung“ sieht in Anna Handler „die ganz große Verheißung“. Ohne Jetlag ist das nicht zu schaffen.
Sie fühlt sich am Pult wie in Trance
Dass es Anna Handler in die Champions League der Klassikwelt bringen könnte, war in ihrem Elternhaus nicht vorprogrammiert. Beide Eltern Elektrotechniker, die Mutter Kolumbianerin, die mit einem Stipendium des Akademischen Austauschdienstes (DAAD) nach Deutschland kam. Der Vater spielte ein bisschen Trompete, die Mutter Gitarre, Vorfahren von ihr sollen jüdische Berufsmusiker aus Spanien gewesen sein. Mit der Einschulung im Alter von sechs Jahren erhält Anna Klavierunterricht von ihrer Nachbarin jenseits der großen Hecke im Münchner Vorort Ottobrunn, mit 15 dirigiert sie ihr erstes Ensemble: das Schulorchester am musischen Pestalozzi-Gymnasium in München.
Ihr Geigenlehrer erkennt als Erster ihr Talent, empfiehlt ihr Bernsteins „Young People’s Concerts“, ihr allererstes Youtube-Video, lässt sie Werke arrangieren und schickt sie auf einen Ausbildungskurs für Junior-Ensembleleitung des Landesmusikrates Bayern. Obwohl eine der Jüngsten, belegt sie bei der Abschlussprüfung Platz 1. „Es war das erste Mal, dass ich gespürt habe, dass ich mit meinen Händen eine unsichtbare Kraft modellieren kann“, erinnert sie sich. Zwei Jahre später gründet Anna Handler ihr erstes eigenes Orchester. In Interviews sagt sie heute gern, sie verstehe sich als „Guardian of Energy“, manchmal fühle sie sich am Pult wie in „Trance“.

Das Berufsbild der Dirigentin passe zu ihrer Persönlichkeit, sagen diejenigen, die sie gut kennen. Wer sich als Dirigentin versteht wie sie, die kann sich nicht nur auf ihr musikalisches Talent verlassen, sie muss vor allem auch führen wollen – und können. Sie hätte sich auch vorstellen können, in die Politik zu gehen, hat Handler einmal erzählt. An ihrem Münchner Gymnasium war sie über Jahre hinweg Klassensprecherin. Sie konnte mit den Nerds und den Draufgängern ihrer Klasse, sie habe gemerkt, dass sie mit „viel Pluralität und unterschiedlichen Lebenseinstellungen umgehen“ könne. Noch heute schwärmt Anna Handler vom Wahlkurs „Jugend debattiert“ am Gymnasium, wo sie in Ausdrucksfähigkeit, Gesprächsführung und Überzeugungskraft geschult wurde. „Ich bewerte nicht so gern. Vielleicht kann ich gerade deshalb so gut in den USA leben, weil ich mich immer frage: Wie kann ich mich mit dem, was ich tue, in die Gesellschaft einbringen?“
Künstlerin mit Führungsanspruch
Gesellschaft ist ein Lieblingswort von Anna Handler, das kommt immer wieder. Vielleicht geht das in polarisierenden Zeiten des Kulturkampfes für eine Künstlerin mit Führungsanspruch auch gar nicht anders. Zwei Drittel des Jahres lebt die Deutschkolumbianerin in den USA, und anders, als man manchmal von Europa aus denken könnte, sieht Anna Handler jenseits des Atlantiks „viel Mut, Kritik und Selbstreflexion in den Institutionen, in denen ich arbeiten darf“. Die sehr reichen Förderer und Trustees der Musik, mit denen sie zu tun hat, die ihr Geld eben nicht in einen x-beliebigen Footballclub stecken, sondern ganz bewusst in ein Orchester, sie schämten sich für ihren Präsidenten und ihr Land, weiß Handler aus persönlichen Gesprächen.
„Für mich muss das Dirigieren, die Musik immer eine gesellschaftliche Note haben, sonst macht sie keinen Sinn. Musik ist ein soziales Werkzeug“, sagt sie. Jede Partitur sei pluralistisch und mehrstimmig und schon deshalb formal demokratisch, kein Instrument wichtiger als das andere. Auch deshalb bewundere sie die großen Maestros, denen sie schon assistiert hat – Andris Nelsons, Antonio Pappano oder Gustavo Dudamel –, nicht nur für ihre Kunst des Dirigierens, sondern vor allem auch für „ihren Impact, für das, was sie durch Musik bewegen wollen“. Dudamel zum Beispiel hat mit dem Youth Orchestra Los Angeles das soziale Musikförderprogramm „El Sistema“ aus seiner Heimat Venezuela in Los Angeles angesiedelt. Als Conductor in Residence wird Handler auch mit diesem Jugendorchester arbeiten. Ihr eigenes Ensemble hat sie „Enigma Classica“ genannt, Anna Handler will nicht weniger als „die Rätsel der Musik für die Zuhörer entschlüsseln“.
Das klingt groß, dabei ist es noch gar nicht lange her, dass Handler Frauen in ähnlicher Position davor gewarnt hat, alles anzunehmen, was ihnen angeboten wird, nur weil es gerade Trend sei. Gemeint war wohl eine kritische Selbstüberprüfung, ob die jungen Musikerinnen für die neuen Karriereoptionen schon gewappnet seien. Und heute? Woher weiß sie, dass sich die Türen zu den großen Namen und Orchestern nun öffnen, weil sie nachweislich außergewöhnlich und nicht weil sie eine Frau ist? Ein Stimmungsbild, das in der männlich geprägten Interessenvertretung der „Chefdirigentenkonferenz“ immer noch virulent sein soll, wie man hört. Doch so einfach ist Anna Handler nicht zu kriegen. Als sie mit dem Stipendium nach Los Angeles kam, wurde sie vom Orchester der LA Philharmonic über Bewertungsbögen immer wieder aufs Neue taxiert und begutachtet. Ein Orchester, das bereits viele berühmte Frauen am Pult erlebt hat, etwa Simone Young, Marin Alsop oder Mirga Gražinytė-Tyla, und dessen Renommee nicht zur Disposition steht.
Die Bewertung von Handler war so gut, dass das LA Philharmonic ihr im Sommer 2025 von sich aus ihr Hollywood-Bowl-Debüt ermöglichte, mit dem Boston Symphony Orchestra trat sie wenig später beim ruhmreichen Tanglewood Music Festival auf – es sind die ersten Adressen der klassischen Musik in Amerika.
Und so tritt Anna Handler den Beweis dafür an, dass die Geschlechterfrage am Pult heute gar keine mehr sein muss. „Vor zwei Jahren mag die Frage vielleicht noch berechtigt gewesen sein, heute weiß ich, dass es mit mir als Musikerin zu tun hat. Wenn ein Orchester wie das LA Phil sagt, wir wollen für dich extra eine Rolle schaffen, weil du so hohe Bewertungen hast, dann weiß ich, dass es nicht wegen meines Geschlechts ist.“ Anna Handler vergleicht die Resonanz zwischen einem Orchester und seinem Dirigenten, seiner Dirigentin mit einer Liebesbeziehung, bei der man von außen auch nicht beurteilen könne, ob es passt, egal wie unterschiedlich die beiden Partner auf andere wirken. Die Energie dazwischen kennen nur die Betroffenen selbst. Handlers Energie wird mit besonderer Vorliebe von einigen der berühmtesten Klangkörper der Welt angezapft.
Ein Disneyland für klassische Musik?
Und nun? Im Sommer geht sie noch nach Los Angeles. Plötzlich springt sie beim Gespräch in der Hotellobby auf und setzt sich an den Flügel, den man eigentlich gar nicht spielen soll. Leise fängt sie an zu singen: „At first I was afraid …“, die erste Zeile eines Disco-Hits von Gloria Gaynor. Nicht ihr Genre, aber darum geht es nicht. Sie will dem Reporter am Beispiel des Quintfalls die Funktionsweise harmonischer Sequenzen verdeutlichen („funktionieren wie Legobausteine“). Wenn Handler über die fallende Quint spricht, sieht sie vor ihrem inneren Auge eine in die Tiefe rauschende Achterbahn. „Ich möchte Kontakt aufnehmen zur Walt Disney Company und einen zusätzlichen Park initiieren“, sagt sie am Ende des Gesprächs so, als müsste sie noch schnell eine Besorgung erledigen. Ein „Disneyland für klassische Musik“ schwebt ihr vor, und während die Kids in der Achterbahn sitzen und in die Tiefe stürzen, hören sie Beethovens Fünfte und begreifen endlich, was klassische Musik in ihrer Essenz sein kann: ein Spektakel in der Magengegend.
„Die Zauberflöte“ dirigiert Anna Handler an diesem Sonntag um 16 Uhr in der Deutschen Oper Berlin.

vor 15 Stunden
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