Digitalminister Karsten Wildberger hat auf der Konferenz „EUROPE 2026“ eine gemischte Bilanz seiner bisherigen Amtszeit gezogen. Er spüre „zwei Herzen schlagen“, sagte Wildberger.
Einerseits habe sein neues Ministerium in zehn Monaten viel auf den Weg gebracht – etwa bei Genehmigungen für die digitale Infrastruktur, sagte der CDU-Politiker. So sei die Zulassung eines Mobilfunkstandorts, die früher dreieinhalb Jahre gedauert habe, nun binnen Wochen möglich. Eine digitale Lösung könne die Genehmigungsdauer um 85 Prozent reduzieren.
Andererseits gehe es ihm nicht schnell genug. „Wir sind Weltklasse darin, das Problem zu benennen“, sagte Wildberger. An Analysen mangele es nicht. Die eigentliche Hürde liege darin, das im System „mit all den verschiedenen Ministerien“ umzusetzen. Deutschland habe über Jahre „Komplexität institutionalisiert“, sagte Wildberger – auch, weil EU-Vorgaben oft noch komplizierter umgesetzt würden.
Warnung vor Abhängigkeit bei KI-Modellen
Nachdrücklich warnte Wildberger vor einer wachsenden Abhängigkeit von amerikanischen und chinesischen KI-Modellen. Die Modelle würden zunehmend „agentisch“ – sie träfen eigenständig Entscheidungen, die auf bestimmten Werten und Zielfunktionen basierten.
„Wenn wir die Wertschöpfung in Europa halten wollen, müssen wir auch auf der Basis eigener Modelle aufbauen“, sagte er. In manchen Unternehmen würden bereits 90 Prozent der Programmierung über Modelle wie die des US-Unternehmens Anthropic laufen. Europa arbeite an Partnerschaften, etwa mit Mistral aus Frankreich und Kanada, um eine Alternative aufzubauen.
Europa sei dennoch „weit hinterher“, was KI angehe, sagt Wildberger. Konkret nannte er drei Felder, auf denen Deutschland aufholen müsse: die Compute-Infrastruktur, die Abhängigkeit bei KI-Grundlagenmodellen und die Befähigung von Mittelstand und Großunternehmen, KI tatsächlich einzusetzen. „Wenn wir nicht mitmachen, werden wir über keinerlei Wachstum mehr reden – das Wachstum findet dann woanders statt“, sagte er.
Als Lichtblick hob Wildberger die industrielle KI hervor. Konzerne wie Siemens leisteten „fantastische Arbeit“ bei der Vollautomatisierung. Die von der Deutschen Telekom und Nvidia in München eröffnete AI Factory, die nur sechs Monate von der Idee bis zur Inbetriebnahme gebraucht habe, sei nach wenigen Wochen bereits zu mehr als 70 Prozent ausgelastet. Auch deutsche Robotikunternehmen und Bosch, das auf dem Shopfloor, also in der Produktionshalle, Daten für industrielle KI-Anwendungen sammle, seien auf Weltniveau.
Auch beim Thema Physical AI, also der Integration von KI in Roboter, Drohnen oder autonome Fahrzeuge, sieht Wildberger Potenzial: Gerade Industrieunternehmen verfügten über massenhaft Daten und vertikale Expertise, die für solche Anwendungen entscheidend sei.
Zugleich räumte der Minister ein, dass Deutschland ein tiefer liegendes Problem habe: Prototypen seien oft auf hohem Niveau, aber der Sprung zur globalen Skalierung gelinge zu selten.

vor 2 Tage
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