Der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten, Paul S. Coakley, Erzbischof von Oklahoma City, verurteilte am Dienstag nach Ostern in aller Form das Ultimatum, das Präsident Trump am selben Tag gegen den Iran gerichtet hatte: „Die Drohung, eine gesamte Zivilisation zu zerstören, und absichtliche Angriffe auf die zivile Infrastruktur können moralisch nicht gerechtfertigt werden.“ Einen Tag später wurde bekannt, dass Untergebene Trumps schon im Januar eine ähnlich unerhörte Drohung ausgesprochen haben sollen, gerichtet gegen Coakleys irdischen Vorgesetzten, Papst Leo XIV., auf dessen Predigten in der Karwoche der Erzbischof in seiner Mitteilung am Osterdienstag Bezug genommen hatte.
Wie „The Free Press“, die von Bari Weiss gegründete Online-Zeitung berichtete, soll im Januar Kardinal Christophe Pierre, der damalige päpstliche Nuntius in Washington, ins Kriegsministerium bestellt worden sein. Elbridge A. Colby, als Under Secretary of War for Policy der ranghöchste politische Berater von Kriegsminister Pete Hegseth, habe dem Kardinal dargelegt, dass die Vereinigten Staaten alle militärische Macht besäßen, um in der Welt zu tun, was sie wollten, und von der Kirche die bedingungslose Unterstützung der amerikanischen Außenpolitik verlangt. Einer der anwesenden Pentagon-Beamten habe die Möglichkeit eines neuen „Papsttums von Avignon“ erwähnt.
Erst reguläre Päpste, dann Gegenpäpste
Papst Clemens V., gewählt 1305, verlegte 1309 seine Residenz nach Avignon, ins Einflussgebiet des Königs von Frankreich. Die Vakanz des römischen Bischofssitz (nicht im rechtlichen, sondern im lokalpolitischen Sinne) währte bis 1376, als Gregor XI. auf Drängen der heiligen Katharina von Siena die Rückkehr in die Petrusstadt anordnete. Noch bis 1408 residierten während des Großen Abendländischen Schismas Gegenpäpste in Avignon, das heißt Päpste, die in der offiziellen Liste der Nachfolger Petri nicht gezählt werden. Clemens V., ein geborener Franzose, verfügte den Umzug der Kurie formell aus eigener Machtvollkommenheit. Vorangegangen war aber ein Gewaltakt, der die Welt erschütterte, ein singulärer Angriff auf die Freiheit der Kirche.
Welthistorischer Tatort: Der sogenannte Saal der Ohrfeige im Palast von Bonifaz VIII. in AnagniWikimedia Commons / SaverioBonifaz VIII., der Vorvorgänger von Clemens, hatte die päpstlichen Ansprüche auf Vorrang vor den weltlichen Herrschern ins seinen Bullen bis zum Äußersten gesteigert und sich in einen Kampf auf moralisches Leben und politischen Tod mit König Philipp IV. von Frankreich verwickelt. Am 7. September 1303, dem Vortag der geplanten Publikation einer neuen Bulle, die Philipps Untertanen von ihrem Treueid hätte entbinden sollen, setzten französische Ritter unter dem Befehl von Wilhelm von Nogaret, dem späteren Großsiegelbewahrer des Königs, den Papst in dessen Geburtsstadt Anagni in der Campagna gefangen. Unterstützt wurde die französische Kommandoaktion von der Privatarmee der römischen Adelsfamilie Colonna. Nach drei Tagen Haft wurde Bonifaz befreit, als sich die Bevölkerung von Anagni gegen die Besatzer erhob.
In der Chronistik, den Live-Tickern der damaligen Weltpolitik, wurde das Attentat mit allen drastischen Details ausgemalt beziehungsweise ausgeschmückt, unter Akzentuierung des symbolischen Sinns. Demnach soll Bonifaz den Mantel des Petrus angelegt und die Krone Kaiser Konstantins aufgesetzt haben, bevor er die Eroberer seines Palasts empfing. Die Aufforderung zur Abdankung habe der (nach mittelalterlichen Maßstäben) alte Mann mit der Erklärung pariert, dass er eher sterben werde: „Hier der Hals, hier der Nacken.“
Von wem stammt die Information?
Er starb einen Monat nach dem Attentat, nach der Rückkehr nach Rom. Nogaret behauptete später zu seiner Entschuldigung, den Papst vor der Ermordung durch die Colonna bewahrt zu haben.Nogaret behauptete später, den Papst vor der Ermordung durch die Colonna bewahrt zu haben. Sein Auftrag war es, Bonifaz nach Frankreich zu bringen, wo ihm der Prozess wegen Ketzerei gemacht werden sollte. Quellenkritisch umstritten, aber unvergesslich ist, dass der Colonna-Clanchef mit dem Ehrennamen Sciarra („Raufbold“) dem Papst eine Ohrfeige gab. Das Stichwort „Papsttum von Avignon“ ist ein Mafia-Zug, die Drohung mit einem Kidnapping.
Auf dem Flughafen in Budapest wurde Vizepräsident Vance am 7. April 2026 auf den Bericht über die Einbestellung von Kardinal Pierre ins Pentagon angesprochen. Vance erkannte den Namen des früheren Nuntius zunächst nicht.APEine starke Minderheit unter den amerikanischen Bischöfen dürfte die Haltung ihres Landmanns Leo gegenüber Trump skeptisch sehen. In der Reihe der neoimperialistischen Phantasieprojekte des Trump-Zirkels wäre ein Gegenpapsttum unter Bischof Robert Barron nicht einmal besonders unplausibel. Der Bericht von Mattia Ferraresi in „The Free Press“ zieht jetzt intensive quellenkritische Aufmerksamkeit auf sich. Ist es überhaupt glaubwürdig, dass im Pentagon jemand etwas von Päpsten in Avignon weiß? Das darf man sofort glauben. Colby ist Katholik und hat in katholischen Medien seine strategische Philosophie als „katholischen Realismus“ vorgestellt. Er zitiert dabei das Lukasevangelium, wie Bonifaz VIII. in der Bulle „Unam sanctam“.
Eine Frage ist, wer „The Free Press“, ein Trump wohlgesonnenes Organ, informiert hat. Dabei geht es auch um die Chronologie. Wenn die Information nicht aus der Nuntiatur, sondern aus dem Pentagon kommt, kann die Botschaft sein, dass man Leos Belehrungen für ebenso anmaßend hält wie Philipp der Schöne Bonifaz.

vor 2 Stunden
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