Die enttäuschte Hoffnung der SPD auf Erneuerung: Klingbeils blasse Truppe

vor 2 Stunden 1

Ein „starkes und kompetentes“ Regierungsteam versprach Lars Klingbeil im Mai 2025, als es darum ging, wen die SPD ins Kabinett entsendet. „Sichtbare Schritte zu einem Generationswechsel in der SPD“ kündigte der Parteichef damals an.

Ein Jahr ist vergangen, die Regierung müht sich von Konflikt zu Konflikt. Für die SPD ist die Lage noch ernster, als sie es nach dem 16,4-Prozent-Debakel bei der Bundestagswahl ohnehin schon war: Alexander Schweitzer ist als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz abgewählt, in Nordrhein-Westfalen liegt die Partei in einer aktuellen Umfrage nur noch auf Platz vier.

Umso dringender also könnten die Sozialdemokraten Gesichter brauchen, die für Aufbruch stehen. Doch ein Jahr nach Klingbeils Entscheidung, wer für die SPD am Kabinettstisch Platz nehmen darf, hat kaum einer der Auserwählten viel von sich reden gemacht.

Klingbeil und Bärbel Bas als Parteivorsitzende mit mächtigen Regierungsämtern sind naturgemäß sehr präsent, Verteidigungsminister Boris Pistorius ist ohnehin seit langem der beliebteste Politiker im Land. „Die anderen vier Ministerinnen und Minister haben die Wahrnehmung der SPD im ersten Jahr im Amt hingegen deutlich weniger geprägt“, sagt Politikwissenschaftlicher Uwe Jun.

Bauministerin Verena Hubertz? Umweltminister Carsten Schneider? Entwicklungshilfeministerin Reem Alabali-Radovan? Justizministerin Stefanie Hubig? Sie sind einem beträchtlichen Anteil der Menschen im Land schlicht unbekannt.

Aktuellen Daten des Umfrageinstituts Ipsos zufolge kennen 32 Prozent der Bürgerinnen und Bürger Alabali-Radovan nicht. Der Wert ist im Vergleich zu Juni 2025 unverändert. Nur wenig besser sieht es bei den anderen aus: Von 22 bis 25 Prozent rangiert der Wert bei Hubertz, Schneider und Hubig.

Das Problem ist eng mit dem Erfolg oder Misserfolg Klingbeils verknüpft

Bei der Union sieht es nicht anders aus, ließe sich einwenden. Auch Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) und Landwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) sind je 25 Prozent der Menschen unbekannt.

Jedoch: Die Union hat die Vergabe der Kabinettsposten nicht auf gleiche Weise mit einem Aufbruchsversprechen verknüpft, wie Klingbeil es damals tat. Er war es, der starke Mann seiner Partei, der entschieden hat, wer am Kabinettstisch Platz nehmen darf. Erfolg oder Misserfolg der Ministerriege – das ist also auch Erfolg oder Misserfolg des Parteichefs.

Mich überrascht, dass Verena Hubertz nicht mehr öffentliche Sichtbarkeit hat. Sie verantwortet als Bauministerin ein Thema, das vielen Menschen riesige Sorgen macht.

Robert Grimm, Leiter der Politforschung beim Meinungsforschungsinstitut Ipsos

Und: Die SPD steht ganz anders mit dem Rücken zur Wand als CDU oder CSU. „Die gesellschaftliche Basis erodiert schon seit langer Zeit, der Status der SPD als Volkspartei ist mehr als fragil“, sagt Jun.

Neue Gesichter also, die in der Öffentlichkeit für ein Thema stehen, würden dringend gebraucht. „Mich überrascht, dass Verena Hubertz nicht mehr öffentliche Sichtbarkeit hat“, sagt Robert Grimm, Leiter der Politforschung bei Ipsos. „Sie verantwortet als Bauministerin ein Thema, das vielen Menschen riesige Sorgen macht.“ Im internationalen Vergleich seien die Menschen fast nirgends so pessimistisch wie in Deutschland, ob für sie bezahlbarer Wohnraum zu finden sei. „Das wäre ein Feld, das die SPD intensiv bespielen könnte.“

So sieht die Bilanz der Kabinettsmitglieder aus

Hubertz konnte bald nach Amtsantritt den Bau-Turbo über die Ziellinie bringen, allerdings nur deshalb, weil ihn die vorzeitig gescheiterte Ampel-Koalition fertig hinterlassen hatte. Ende November ging sie in den Mutterschutz und bekam einen Sohn. Ab März stieg sie „Schritt für Schritt“ wieder in die Arbeit im Ministerium ein, wie sie via Instagram verkündete.

In der politischen Debatte wurde die familienbedingte Auszeit nicht problematisiert. Doch wer weiß, ob die Menschen im Land das auch so sehen. „Ich fände nachvollziehbar, wenn so mancher Bürger es nicht in Ordnung finden würde, dass die SPD eine Ministerin nominiert, die sich schnell in die Babypause verabschiedet“, sagt Meinungsforscher Grimm. „Schließlich hat Hubertz große, wichtige Probleme zu lösen.“

Alabali-Radovan hat, wie von ihr verlangt, eine Reform der Entwicklungszusammenarbeit vorgelegt, um die Hilfe stärker an deutschen Interessen auszurichten. Besondere politische Leidenschaft ließ sie bei dem Projekt aber nicht erkennen, womöglich auch, weil es eher der Koalitionsräson als ihrer persönlichen Überzeugung entspricht. Im kommenden Haushaltsjahr muss prozentual nur Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) mehr sparen als Alabali-Radovan.

Justizministerin Hubigs Wirken fiel vielen Wählerinnen und Wählern womöglich erst so richtig auf, als das Thema Deepfakes im Frühjahr plötzlich riesige Aufmerksamkeit bekam.

Und Umweltminister Schneider hätte sich als Gegenspieler zu CDU-Wirtschaftsministerin Katherina Reiche etablieren können, die auf ihre Art eine Reizfigur ist. In der öffentlichen Debatte ist er aber wenig präsent. Intern gilt jemand anders als prägende Figur des Ministeriums: Staatssekretär Jochen Flasbarth. (mit csg, chz, fha)

Gesamten Artikel lesen