Während eines Staatsbesuchs in Peking 1972 soll US-Präsident Richard Nixon den chinesischen Premier Tschou En-lai gefragt haben, was der denn von der Französischen Revolution halte. Tschou En-lais Antwort: „Es ist noch zu früh, das zu bewerten.“ Auch im Jahr 2026 will Peter Sloterdijk, der diese Anekdote zu Beginn seines Buchs „Der Fürst und seine Erben“ erwähnt, sich nicht anmaßen, die volle Tragweite der epochalen Umwälzungen von 1789 erfasst zu haben.
Allerdings ist aus der Distanz von knapp zweihundertfünfzig Jahren für Sloterdijk eine Art Drehbuch erkennbar, ein Schema, das sich bereits im Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts abgezeichnet habe, als die Republik mehrfach in die Monarchie zurückfiel. Und mag nach den totalitären Exzessen des zwanzigsten Jahrhunderts kurz der Eindruck entstanden sein, dass die liberale Demokratie sich ans friedliche Ende der Geschichte siegen könnte, so ist diese Hoffnung im Zeitalter von Trump und Putin vorerst wieder Makulatur. Folgt man Sloterdijk, ist dieses Auf und Ab im Grunde wenig verwunderlich, denn für ihn deutet alles darauf hin, „dass auch liberalen Gesellschaften ein Zug zum Autoritarismus inhärent bleibt; dass auch im gewaltenteiligen Verfassungsstaat eine Neigung zur Entfesselung der Exekutive sich verrät; dass auch in der säkularen Welt eine Sehnsucht nach Wiederverzauberung auftauchen kann“.
Heutige Lage- und Krisenbeobachtung
Die These ist eigentlich nicht mehr sonderlich originell. Allerdings liegt Sloterdijk auch wenig daran, griffige Formeln zur Gegenwartsdiagnostik bereitzustellen, vielmehr sind die gedanklichen Wege und Umwege zu diesen Formeln das Ziel. Seinem Selbstverständnis als „philosophierender Schriftsteller“ macht er auch diesmal alle Ehre, wenn er wieder mit programmatischer Unsystematik durch Welt- und Ideengeschichte streift und durch ein Labyrinth von Assoziationen, Randbemerkungen und Querverweisen führt, statt didaktisch Auskunft zu erteilen.
Peter Sloterdijk: „Der Fürst und seine Erben“. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen LeuteZum Schutzpatron des schmalen Bandes wurde Niccolò Machiavelli erkoren. In den Werken des Florentiners, allen voran in der 1532 erschienenen Schrift „Der Fürst“, entdeckt Sloterdijk einen spezifischen Habitus der Nüchternheit, den er zur heutigen Lage- und Krisenbeobachtung nachdrücklich empfiehlt. Zudem würdigt er Machiavelli als Verteidiger des Republikanismus und als „Prophet des politischen Atheismus“, der mit der Vorstellung einer gottgegebenen Obrigkeit brach und folglich die Frage nach Erhalt und Sicherung der Herrschaft radikal neu stellen musste. Rousseau, der diese Frage gut zwei Jahrhunderte später durch die Erfindung des Gemeinwillens zu beantworten suchte, macht sich für Sloterdijk des „neu-magischen Denkens“ schuldig. Und dass der eifrige Machiavelli- und Rousseau-Leser Carl Schmitt die Idee der Volkssouveränität umstandslos mit seinen Sympathien für die Diktatur kurzschließen konnte, deutet Sloterdijk als weiteren Hinweis auf die Schwachstellen in modernen demokratischen und republikanischen Systemen.
Auch greift Sloterdijk wieder seine alte Faszination für das Konzept der „Vertikalität“ auf. In seinem 2009 erschienen anthropologischen Selbstertüchtigungs-Essay „Du musst dein Leben ändern“ setzte dieser Begriff noch beim Individuum an, „Vertikalspannung“ meinte hier den grundlegenden Impuls des Menschen, über sich hinauszuwachsen. Nunmehr wird daraus eine macht- und staatstheoretische Vokabel, die Vertikalachse verläuft diesmal zwischen Herrschenden und Beherrschten. Mit Anbruch der Neuzeit und dem einsetzenden „Gestaltwandel der Fürstlichkeit“, von der Monarchie zu anderen Herrschaftsformen, kommt es laut Sloterdijk nun zu einer „Verwilderung der Vertikalachse“. Zu den vertikal besonders verwilderten Regimen werden erwartungsgemäß die unter Robespierre, Stalin und Hitler gezählt. Eine epochemachende Rolle als Verwilderer nimmt auch Napoleon ein, „insofern er die Umwandlung von Tradition in Improvisation und Projekt verkörpert“.
Was soll das Ganze eigentlich?
Neben dem Wandel von Staatsformen benennt Sloterdijk als weitere Ursache für das Verwilderungsphänomen den Umstand, dass die Moderne neue Kategorien von Größe hervorgebracht habe: Im Bereich von Kunst und Wissenschaft, im Finanzwesen und in den Medien seien neue Begriffe von Imposanz entstanden, ebenso wie neue Eliten.
Wenn Sloterdijk in diesem Zusammenhang vorschlägt, die Moderne „als Konstellation zu betrachten, die wie keine zuvor zum Hinauswachsen über Bisheriges einlädt“, mag man ihm zustimmen. Wenn er jedoch einige Seiten zuvor über den Popmegastar Taylor Swift schreibt: „Sie bezeugt den Sieg mittelmäßiger Jugendmusik über die Realität von Erwachsenen alten Schlages“, möchte man Sloterdijk am liebsten darauf hinweisen, dass auch die kulturpessimistische Pose für unerfreuliche Verwilderungen anfällig ist. Anderseits muss sich der stets ein wenig unter dem Verdacht der Pöbelverachtung stehende Sloterdijk diesmal eingestehen, dass ohne die „gewöhnlichen Leute“ (zu denen er auch die unzähligen Taylor-Swift-Fans zählt) in Zeiten der Demokratiekrise nun mal nichts zu machen ist: „Sie sind, wie sie zur Freiheit verdammt sind, auch dazu verurteilt, etwas Größe zu zeigen.“
Nun weiß man trotz all der wohldosierten Provokationen, all der Gedanken- und Sprachartistik nicht so recht, was das Ganze eigentlich soll. Vielleicht kommt man dem Text ja näher, wenn man sich darauf besinnt, dass Sloterdijk in seinen Büchern in der Regel auch eine Art Selbstporträt als Autor mitliefert. Besonders aufschlussreich scheint hier die Passage, in der es heißt, Machiavelli habe weder für das Italien seiner Zeit noch für die Nachwelt so recht als Ratgeber getaugt. Anschließend wird der eigentliche Wert des Fürstenbuchs benannt. Sloterdijk zufolge besteht er darin, „dass die Macht des Aufgeschriebenen, des Explizit gemachten, des Gedruckten, des Zitierfähigen und aus diversen Blickwinkeln Diskutierbaren gerade in Zeiten seiner höchsten Unbrauchbarkeit kulminieren kann“. Ist das womöglich Sloterdijks Art und Weise, seinen Lesern mitzuteilen, dass ihm zum aktuellen Zeitgeschehen auch nichts Erhellendes mehr einfällt? Dass er schlicht keine Lust hatte, der repetitiven Gegenwartsdiagnostik auch noch seinen idiosynkratischen Befund hinzuzufügen? Dass er es stattdessen vorzieht, in kanonischen Werken Trost zu suchen? Liegt hier etwa ein Fall von Bescheidenheit, von affirmierter Ratlosigkeit vor, die sich als maximal selbstbewusstes und eigenwilliges Welterklärertum tarnt? Das wäre allerdings eine machiavellistische Finte der ganz besonderen Art.
Peter Sloterdijk: „Der Fürst und seine Erben“. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 189 S., br., 22,– €.

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