Bei seiner Wahl lächelt Luigi Pantisano so betont breit, wie es nur jemand tut, dem absolut nicht nach Lächeln zumute ist. Es ist Samstagmittag in Potsdam, Tag zwei des Bundesparteitags der Linken. Draußen brütet die Sommerhitze, während drinnen die Ergebnisse der Wahl der beiden Bundesvorsitzenden bekannt gegeben werden.
Die Sache ist eigentlich eine Formalität, Pantisano hat keinerlei Gegenkandidaturen, im Vorfeld viele Gespräche geführt, sich emsig bemüht, die Partei von sich zu überzeugen. Freie Bahn, könnte man meinen. Eigentlich.
Aber für Pantisano kommt es dicke: Magere 53,34 Prozent der Stimmen fährt er ein. Das ist selbst für eine so streitlustige Partei wie die Linke eine Ohrfeige. Und eine, die nachhallen könnte. Seine Co-Vorsitzende Ines Schwerdtner, die selbst mit respektablen 86 Prozent im Amt bestätigt wurde, scheint das am Samstag bereits zu ahnen. Sie nickt ernst und tätschelt Pantisano aufmunternd den Rücken.
Er galt als Brückenbauer
Selbst im harten Geschäft der Politik ist es schließlich selten, dass jemand innerhalb so kurzer Zeit so viel Lehrgeld bezahlen muss. Und mit ihm die gesamte Parteispitze.
Eigentlich sollte die Partei an diesem Wochenende in der Mehrzweckhalle am Stadtrand von Potsdam auf einen neuen Weg eingeschworen werden. Nach dem Eintritt zehntausender neuer, meist junger und aktivistisch geprägter Mitglieder, nach dem Überraschungserfolg im Bund und stabilen zehn Prozent in Umfragen, ist es Schwerdtners Plan, die Linke wieder fester als Anwältin der kleinen Leute zu verankern. Und damit auch als Anlaufstelle für Menschen, die mit der AfD-Sympathisieren.
Nachdem der bisherige Co-Chef Jan van Aken vor einigen Monaten seinen Rücktritt aus persönlichen Gründen verkündet hatte, war binnen Stunden klar, wer diesen Job übernehmen sollte: Pantisano, 46, politisch sozialisiert in und um Stuttgart, erst seit der laufenden Legislatur Abgeordneter.
Historisch und aktuell ist das riesengroßer Unsinn.
Einflussreicher Linker über Pantisanos Faschismus-Vorwurf in Richtung der Union
Das schien auf dem Papier zu passen. Denn Pantisano vereint gleich mehrere linke Kernthemen in seiner Person. Er ist Sohn italienischer Gastarbeiter, hat sich im Südwesten rund um den linken Dauerbrenner der Miet- und Wohnraumpolitik einen Namen gemacht, wurde sogar schon einmal während einer Protestaktion wegen Hausfriedensbruchs festgenommen. Und, auch das gibt bei manchen Bonuspunkte: Er vertritt eine israelkritische Position.
Wichtiger war der Parteispitze aber sein politischer Arbeitsnachweis in Konstanz: Dort zog er bei der Oberbürgermeisterwahl 2020 zwar letztlich den Kürzeren, zwang aber den CDU-Kandidaten in die Stichwahl und konnte auf dem Weg die Grünen sowie die SPD hinter sich versammeln. Er sei einer, der Brücken bauen, die Linke anschlussfähig machen könne, hörte man aus der Partei.
Binnen Stunden verstolpert
Und nun? Hat er diesen Vorschuss innerhalb weniger Stunden verstolpert. Pantisano versuchte nämlich einen Spagat, der in einer Partei wie der Linken als klassischer Anfängerfehler gelten muss: es allen Strömungen, Meinungen und Perspektiven recht zu machen.
Dabei verknotete sich der neue Parteivorsitzende noch vor seiner Wahl die Beine: In der ARD sprach er sich zunächst, wie bereits oftmals zuvor, für eine Zusammenarbeit mit der CDU aus, wenn es gelte, die AfD von der Macht fernzuhalten. Um der Union wenig später gegenüber „Bild“ eine „faschistische Politik“ zu attestieren. Es gebe nämlich „gar keinen Unterschied“ zwischen CDU und AfD, so Pantisano.
Und auf der Bühne erklärte er obendrein noch, den Genossen aus Gegenden, in denen „jeder Zweite ein Nazi“ sei, nicht in ihre Arbeit hereinreden zu wollen.
Es war ein erstaunlicher Dreisatz: Pantisano beschimpfte einerseits die Partei aufs Übelste, mit der er doch eigentlich ein Pakt gegen die AfD schmieden will. Und gleichzeitig eben jene Wähler, die er in seiner neuen Rolle an die Linke binden soll.
Mein antifaschistisches Licht ist, hier die Menschen vor einer AfD-Regierung oder ‑Beteiligung zu beschützen.
Sachsen-Anhalts linke Spitzenkandidatin Eva von Angern weist Pantisanos Äußerungen zurück
Dass Pantisano um seine Aufgabe nicht zu beneiden ist, war schon vor dem Parteitag klar. Seit Monaten bereits streitet die Partei sich erbittert über die richtige Haltung zu Israel und der Nahostfrage. Gleichzeitig tragen gerade die vielen Neumitglieder einen dogmatisch unterfütterten Traum einer „neuen sozialistischen Kraft“ in die Partei, der sich kaum mit dem schnöden politischen Tagesgeschäft vereinbaren lässt.
Die beiden Fraktionen zu befrieden, gelang schon dem alten Spitzenduo aus Van Aken und Schwerdtner nur selten. Und nur die wenigsten glaubten ernsthaft, dass es Pantisano gelingen würden.
Manche hoffen auf Rücktritt
In der Partei sorgt dessen Auftritt dennoch für Kopfschütteln. Es gibt nicht wenige, die es am liebsten sähen, wenn Pantisano nach wenigen Tagen im Amt gleich wieder die Segel streichen und zurücktreten würde. Für Ärger sorgt primär der Vorwurf des Faschismus in Richtung der Union: „Das ist schlicht Dummheit“, sagt ein einflussreicher Linker dem Tagesspiegel. „Historisch und aktuell ist das riesengroßer Unsinn, das sagt er jetzt ja auch selbst.“
Tatsächlich hat sich Pantisano inzwischen – auch als Reaktion auf immensen Druck aus der eigenen Partei – für seine Aussagen entschuldigt. Diese sei „verkürzt und in dieser Form falsch“, hieß es am Montag in einer Mitteilung.
Doch der Schaden ist angerichtet. Und der kommt für Teile der Partei zur Unzeit. Im Herbst stehen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wichtige Landtagswahlen an, in beiden Ländern könnte die Bildung einer stabilen Regierung von den Linken abhängen. Und damit letztlich von der Frage, ob Union und Linke trotz aller inhaltlichen Differenzen auf Landesebene zueinanderfinden.
Das, sagen Kritiker wie Unterstützer Pantisanos unisono, dürfte nun zumindest schwieriger geworden sein. Die Union, so die Sorge, könne fortan jede Annäherung bequem mit dem Hinweis auf Pantisano torpedieren. Und damit den Preis in die Höhe treiben: „Das Problem ist, dass Pantisano das sachlich nicht zu verstehen scheint und sich wahnsinnig überschätzt“, sagt ein Linker.
Dementsprechend groß ist die Wut im Osten. Aus Parteikreisen heißt es, dass vor allem die ostdeutschen Landesverbände Pantisano bei seiner Wahl die Unterstützung versagten. „Mein Vertrauen in ihn ist erschüttert“, sagte etwa die linke Spitzenkandidatin für Sachsen-Anhalt, Eva von Angern, in der „Taz“. „Mein antifaschistisches Licht ist, hier die Menschen vor einer AfD-Regierung oder ‑Beteiligung zu beschützen“, sagt sie gegenüber dem Tagesspiegel. Auch sie gibt offen zu, Pantisano nicht gewählt zu haben.
Wie Pantisano diesen Riss kitten will, ist unklar. Es sei jetzt an ihm, Vertrauen zu gewinnen, sagte er am Rande des Parteitags. Fest steht jedoch, dass er vielen schon jetzt als schwer beschädigt gilt.

vor 2 Stunden
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