Chance für Neugestaltung: In den Ruinen der Zukunft

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Borgo della Mistica: In den früheren Ruinen treffen sich heute an heißen Sommertagen Tausende junge Menschen.Foto: Giorgio de Vecchi / Gerdastudio

Vielleicht muss man diese Geschichte mit einem Mann beginnen, der eine große Idee hatte und ein noch viel größeres Selbstbewusstsein. Sein Name war Eugenio Gra, er war Direktor der italienischen Straßenbaubehörde ANAS und plante nach dem Zweiten Weltkrieg einen riesigen Autobahnring, um das damals schon vom Verkehr überlastete Rom vom Durchgangsverkehr zu befreien. Diese Schnellstraße wurde im Abstand von sieben Meilen vom Kapitolshügel als zunächst zweispurige und dann immer breitere Ringautobahn gebaut. Es ging aber nicht nur um den Autobahnring, der auf den etwas umständlichen Namen Grande Raccordo Anulare getauft wurde, sodass man ihn G.R.A. abkürzen konnte – was verdächtig wie der Name seines Erfinders klang. Die Idee der römischen Stadtplaner war es auch, entlang dieser Autobahn eine Art Ringstadt zu bauen, die alles zu bieten hätte, was das alte Rom nicht aufnehmen konnte: riesige Universitätsgebäude, Bürokomplexe, neue Wohnviertel mit Schwimmbädern, wunderschöne Markthallen, Stadtbibliotheken und Kirchen. Später kamen noch Einkaufszentren dazu, und fertig war die ideale Welt der Nachkriegsmoderne, wo man mit dem kleinen Fiat von einer Ausfahrt zur anderen sauste, von der Arbeit ins Schwimmbad ins Einkaufszentrum und weiter ins Wohnviertel auf der Rennbahn, die sich wie ein Gürtel um das alte chaotische Rom mit seinen antiken Ruinen und verwinkelten Gassen legte.

Die besten Architekten, darunter Studio Passarelli, hatten an dieser neuen Welt mit gebaut und so bemerkenswerte Gebäude wie die Markthalle von Torre Spaccata erfunden, die mit ihren trichterförmigen Dächern Regenwasser einsammelte und in den Keller leitete, wo es zur Kühlung des Fleisches und anderer Waren diente – ökologische Architektur, bevor es den Begriff überhaupt gab. Das Interessante an dieser italienischen Utopie der Moderne ist, was mit ihr seitdem passiert ist: Teilweise, weil die Mafia sich Immobilien unter den Nagel riss und die halb fertigen Bauten dann ihrem Schicksal überließ, vor allem aber, weil sich jetzt die Folgen der Digitalisierung zeigen, hat sich der moderne Gürtel von Rom mittlerweile in eine neue Art von Ruinenlandschaft verwandelt.

Während im Zentrum also die Ruinen der Antike stehen, ragen am GRA die Ruinen der modernen Nachkriegswelt in die Höhe. Von der Stadtautobahn aus sieht man Betongerippe, die einmal Büros werden sollten, Shoppingmalls, die von außen golden glänzen, aber vollkommen leer sind, in einer laufen nur ein paar gut gelaunte Jugendliche rum, die versuchen die Massagesitze kaputt zu machen, die hier einmal gegen Bezahlung für Entspannung sorgen sollten. Gerade in Italien ist Onlineshopping so beliebt, dass die Malls reihenweise kaputtgehen. Aber auch der brutalistische Bau der Lateinamerika-Fakultät ist eine Ruine, was allerdings vielleicht eher daran liegt, dass Berlusconi den ihm zu links ausgerichteten Studiengängen das Geld streichen ließ. Unterschiedliche Ursachen, aber dasselbe Resultat:

Die Stadt der antiken Ruinen hat einen Gürtel aus zeitgenössischen Ruinen bekommen, an denen sich ablesen lässt, wie es generell um die Zukunft der modernen Stadt steht. Man kann sagen, dass die Welt aufgrund der Digitalisierungsfolgen auf die größte Ruinenproduktion der Geschichte seit der Antike zusteuert: Ruinen von Shoppingmalls, in denen niemand mehr einkaufen will, Ruinen von Bürotürmen, die niemand mehr mieten will, Ruinen von kleineren Lagerhallen, die nutzlos geworden sind, weil alles in riesigen Giga-Hallen, den Fulfillment Centers von Amazon und Co., draußen im öden Niemandsland der Autobahnkreuze lagert.

Architekten und Planer befinden sich in einem seltsamen Zustand, den man vielleicht als depressives Paradox der Architektur bezeichnen könnte: Zum einen weiß man, dass man am besten gar nichts mehr bauen sollte, weil die Herstellung von Beton, der Abriss, Neubau und Betrieb von Gebäuden je nach Rechenweise für 25 bis 40 Prozent aller Klimagasemissionen verantwortlich sind. Auf der anderen Seite ist klar, dass unglaublich viel gebaut werden müsste – nicht nur in Asien und Afrika, um die wachsende, in die Städte drängende Bevölkerung zu behausen, sondern auch in Deutschland, wo der Mangel an Wohnungen dramatisch ist: Die Zahlen, die die Bundesregierung soeben zum Anstieg der Mieten in Deutschland veröffentlichte, sind Abbilder einer sozialen Katastrophe. In Berlin etwa liegen die Angebotsmieten fast 70 Prozent höher als vor zehn Jahren, in Frankfurt, wo Normalverdiener schon 2016 kaum eine bezahlbare Wohnung fanden, und im immer schon nicht so billigen Hamburg beträgt der Anstieg je nach Viertel zwischen 25 und 40 Prozent, im gesamten Bundesgebiet liegt er bei 43 Prozent. Dem steht kein 43-prozentiger Anstieg der Löhne gegenüber, und deshalb verbergen sich hinter diesen Zahlen Schicksale: Menschen, die ihre Familie kaum noch sehen, weil sie stundenlang zu Arbeit pendeln müssen, Menschen, die zusätzliche Jobs annehmen, um die Miete zahlen zu können, die vom Leben in den Städten und von beruflichen Chancen ausgeschlossen werden. Laut dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) werden 320.000 neue Wohnungen pro Jahr gebraucht, fertig wurden 2024 gerade mal 252.000, mit sinkender Tendenz. Dafür gibt es Gründe: Die Grundstückspreise sind hoch, die Materialkosten auch, komplexe Bauvorschriften und hohe technische Standards treiben die Preise in aberwitzige Höhen – auf bis über 4500 Euro pro Quadratmeter. Für solche Wohnungen muss man, will man Geld verdienen, über 20 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter verlangen. Dazu kommt ein weiteres Ärgernis, das die Wohnungsnot verschlimmert, und für dieses Ärgernis gibt es im Deutschen ein Wort, das fast so lang ist wie das, was es beschreibt: Die Bebauungsplanaufstellungsverfahrensverzögerung. Man liest es und ahnt, dass es hier nicht um etwas Kurzes und Schnelles gehen kann, sondern um etwas, das sich gern einmal über ein halbes Jahrzehnt hinziehen kann; auch das treibt die Preise.

Doch seit Hölderlins Ode an die griechische Insel Patmos wissen wir, dass dort, wo Gefahr ist, auch das Rettende wächst: In diesem Fall ist das Rettende paradoxerweise die Grundsatzkrise, in die unsere Städte im Zeitalter der Digitalisierung rutschen.

Jahrtausendelang waren Städte größtenteils um zwei Funktionen herum gebaut: um die Produktion und um den Austausch von Waren und von Informationen. Städte bildeten sich zunächst um Marktplätze herum, dann, seit dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, um Fabriken, schließlich wurden die Städte der Dienstleistungsepoche um Büroviertel herum errichtet mit der dazugehörigen Infrastruktur, also Restaurants für die Mittagspause und Shoppingmalls und Einkaufsstraßen für die Besorgungen nach der Arbeit.

Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass beides, Arbeit und Konsum, in Zukunft so nicht mehr stattfinden werden und in der Folge auch die Orte der damit verbundenen sozialen Rituale eingehen könnten. Immer wieder wurde behauptet, es gebe Beispiele dafür, dass die Leute wieder ins Büro zurückkehren, und Beispiele dafür, dass Shoppingmalls irgendwo doch ganz gut laufen, aber das ist das berühmte Pfeifen im Walde beziehungsweise in den verwaisenden Innenstädten. Die Zahlen, global wie auch für Deutschland, sprechen trotz regionaler Unterschiede und individueller Besonderheiten eine deutliche Sprache. 2025 arbeiteten 25 Prozent aller deutschen Erwerbstätigen, also ein Viertel, zumindest zu Teilen im Homeoffice, doppelt so viele wie 2019, in den Niederlanden sind es schon 53 Prozent. Der Büroflächenleerstand hat sich seit 2019 an den Toporten verdreifacht, mit stark steigender Tendenz. Laut einer Analyse von BNP Paribas stieg selbst an sogenannten Topstandorten der Büroleerstand um rund 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr; in Frankfurt und Berlin stehen jeweils weit über eine Million Quadratmeter Büroflächen leer.

Digitalisierung und Robotisierung verwandeln Städte immer sichtbarer in Ruinenparks. Selbst in Berlin auf der zentralen Friedrichstraße muss das von I.M. Pei, dem Architekten der Louvre-Pyramide, entworfene Quartier 206 mit seinen rund 8000 Quadratmetern Einzelhandelsfläche und 15.000 Quadratmetern Büro- und Praxisfläche zwangsversteigert werden, weil dort größtenteils alles leer steht. Das erste Gebot hatte bei 39 Millionen Euro gelegen, das zweite und höchste bei 40 Millionen Euro. Nachdem keine weiteren Gebote mehr kamen, berieten sich die Prozessbevollmächtigten der Gläubiger und vertagten die Entscheidung. Ursprünglich hatte man den Verkehrswert des Komplexes auf für ein Objekt dieser Größe auch schon magere 187 Millionen Euro beziffert. Doch wie es aussieht, ist das 206 zur Schrottimmobilie verkommen, und auch das Lafayette, die von Jean Nouvel entworfene Dependance des Pariser Kaufhauses in der Friedrichstraße, das als Inbegriff einer mondänen Shoppingkultur galt, steht leer. Einziger aktueller Hoffnungsschimmer ist der Einzug der Bertelsmann-Musiksparte BMG in das oberste Stockwerk.

In Frankfurt, Berlin und anderen Städten gibt es viele Millionen Quadratmeter Büroflächen-Leerstand, und auch wenn sich in einigen Städten die Büros und Einkaufsstraßen besser halten als in anderen, drängen sich aufgrund dieser Entwicklungen neue, grundsätzliche Fragen auf: Was ist überhaupt eine City, wozu dient eine Stadt, wenn man dort nicht mehr hinfährt, um einzukaufen, und auch nicht mehr, um zu arbeiten? Werden „Innenstädte“ nur noch in Anführungszeichen existieren, als Surrogat und Travestie ihrer selbst, so wie die historische Altstadt von Frankfurt, die man formal nachgebaut hat – freilich ohne das lebendige Treiben von Marktfrauen und Händlern und eine durchmischte Bevölkerung, die früher den eigentlichen Reiz ausmachte?

Vielleicht brauchen die Architektur und die Stadt und das, was in beiden passiert, auch eine neue Sprache: neue Begriffe dafür, was dort in Zukunft stattfinden soll.

In welchen Räumen werden wir uns ins in Zukunft überhaupt treffen, sozial sein, was tun wir in den Räumen der Stadt? Ist so ein Raum, in dem nur noch Fahrradkuriere und Liefer­roboter herumfahren, die das vor die Haustür bringen, was man früher im Supermarkt kaufte, im Restaurant bestellte oder beim Ladenbummel aussuchte, noch ein „öffentlicher“ Raum?

Und was tut man eigentlich, wenn man vor die Tür geht, nachdem Arbeit und Konsum größtenteils von der Wohnung aus verrichtet werden: Sind Tourismus und ein bisschen Kultur, so wie in Venedig, die Zukunft der Stadt oder zumindest der Innenstadt?

Oder könnte man als systemischer Optimist etwas anderes als Zukunft der Stadt und als ihre Auferstehung aus den Ruinen des Spätkapitalismus erhoffen?

Linke Kritiker haben in den Sechzigerjahren die Zerstörung der herkömmlichen Stadt mit ihren kleinen Läden und gewachsenen Strukturen durch Bürotürme und Shoppingmalls kritisiert, allen voran die Aktivistin Jane Jacobs, die alte Viertel und gewachsene Strukturen gegen Autobahnschneisen und Totalabriss zugunsten neuer Büroviertel verteidigte. Viele ihrer politisierten Mitstreiter träumten von einer Revolution, die den Kapitalismus aus den städtischen Räumen vertreiben würde. Diesen Job hat jetzt bizarrerweise der digitale Kapitalismus selbst erledigt, weil Homeoffice und Online Retail viel profitabler sind als der Betrieb von teuren Gebäuden in der City: Der Kapitalismus hat in seiner digitalen Transformation die physischen Räume, in denen er bisher stattfand, mehr oder weniger aufgegeben.

Ist das eine schlimme Nachricht? Vielleicht nicht.

Wenn die Politik hier die Weichen richtig stellen würde, etwa mit einer heftigen Besteuerung von Leerstand und einer Verpflichtung, Räume auf jeden Fall zu vermieten, und sei es für einen Euro an Zwischennutzer, könnte all das, was von Malls und Bürobauten in den Sechzigern verdrängt wurde, in neuer Form wieder zurückkommen: also kleine Läden, in denen Dinge repariert werden, in denen Möbel und andere Objekte lokal hergestellt werden, in denen das Handwerk nicht mehr von hohen Mieten verdrängt wird und in denen auch Raum ist für Care Architektur – also für Kindergärten, neue Formen von altersgerechter Pflege und für neue Formen der Verbindung von Arbeit und Erziehung.

Es gibt mittlerweile viele Beispiele dafür, wie sich in den Ruinen der Dienstleistungsgesellschaft neue Formen von Stadt einnisten können. In Rom, in direkter Nähe zum Grande Raccordo Anulare und zum Acquedotto Alessandrino, haben Benjamin Gallegos Gabilondo und Marco Provinciali vom Büro Supervoid ein altes Lagerhaus und eine verfallende Hofanlage aus dem frühen 20. Jahrhundert in eine Art neuartige periurbane Oase verwandelt, in der sich an heißen Sommertagen Tausende meist junge Leute treffen. Die Architekten strichen die Bauten einfach im typischen Rot der alten italienischen Bahnwärterhäuschen, der case cantoniere, bauten einen 110 Meter langen Portikus dazu, der die verschiedenen Bauten zusammenführt, knallrote PVC-Vorhänge teilen die Räume flexibel, verzinktes Metall und pigmentierter Beton ergänzen Putz und Mauerwerk effektvoll. Der Clou ist eine Bio-Pool-Anlage, die von Olivenbäumen umgeben ist und in der man im Sommer leicht aus der römischen Hitze abtauchen oder die lokalen Spezialitäten aus dem eigenen Garten beim Borgo Buffet Lunch probieren kann: Luxus, für alle zugänglich gemacht.

Eine weitere spektakuläre Ruine, in der eine mögliche Stadt der Zukunft sichtbar wird, ist das Areal des Lago Bullicante an der Via Prenestina östlich vom Termini-Bahnhof. 1922 wurde hier eine große Textilfabrik errichtet, die sich auf Kunstseide spezialisierte. Sie wurde später zum Schauplatz großer Streiks, um das Jahr 1954 herum ging die Fabrik, die für den Aufstieg vieler Römer aus der Armut stand, pleite; das Gelände überwucherte, bis schließlich Anfang der Neunzigerjahre ein Immobilienentwickler das zentral gelegene Areal kaufte, um dort ein Einkaufszentrum und eine große Tiefgarage zu bauen. Doch dann passierte etwas fast Magisches: Bei illegalen Grabungsarbeiten im Jahr 1992 stachen Bauarbeiter einen unterirdischen Grundwasserleiter an, einen sogenannten Aquifer: In diesem Gesteinskörper, der Grundwasser leiten und speichern kann, stand das Wasser unter so hohem Druck, dass es mit einer enormen Gewalt wie eine Fontäne nach oben schoss und binnen kürzester Zeit die gesamte Baugrube mit schwefelhaltigem Thermalwasser flutete. Es entstand über Nacht ein künstlicher See, den man abzupumpen versuchte, was aber nur zu Überflutungen der Kanalisation führte. Schließlich gab man auf: Der Unfall hatte einen künstlichen See mitten in Rom entstehen lassen mit sauberem Wasser, der von der lokalen Bevölkerung liebevoll „Lago Bullicante“ genannt wird, brodelnder See. Der Fosso della Marranella, ein uralter unterirdischer Wasserlauf, auch „Marrana“ genannt, speist den See bis heute mit Wasser: Es war, als sei der in der Antike in Rom verehrte Gott Portunus, der Heilige des Hafens und der Türschlösser, den Kämpfern gegen die Immobilienspekulation zur Hilfe geeilt. Heute sitzen an heißen Tagen Hunderte oder mehr an dem neuen See, schlafen in der Ruine des Betonregals, suchen dort Schatten, spielen dort auch manchmal Theater, es gibt Konzerte, und an ruhigen Tagen kann man in dem zum Naturdenkmal erklärten Park mit seinen überwucherten Bauten auch Paddelboot fahren und seltene Tiere wie den Eisvogel beobachten, der sich hier angesiedelt hat. Der Lago Bullicante mit seinen immer neu von den Römern temporär besiedelten Ruinen ist eine Heterotopie, wie Michel Foucault das genannt hat, mitten in Rom: Selten fand die jüngst immer wieder geforderte neue Kohabitation von Mensch und Natur in der Stadt eine bessere Form als hier – und das durch einen Unfall.

An der gleichen Straße, aber weiter entfernt vom Zentrum, ist das Museo dell’Altro e dell’Altrove di Metropoliz, kurz MAAM, was so viel bedeutet wie: „Museum des Anderen und des Anderswo von Metropoliz“. Dieses wildeste aller römischen Museen entstand auf dem Gelände der früheren Wurstfabrik Fiorucci in der Via Prenestina 913. Ursprünglich hatten Hausbesetzer aus Sudan, Marokko und Südamerika die Gebäude 2009 in Beschlag genommen und sie „Metropoliz“ genannt, weil dort eine metropolentypische Mischung unterschiedlichster Menschen einzog, auch Roma, vor allem Geflüchtete, dazu auch Künstler, die hier ihr Museum gründeten, das mittlerweile zu den spannenderen für Gegenwartskunst in Rom gehört; Filmemacher drehten hier eine Art Doku-Science-Ficition, den Film „Space Metropoliz“, für den die Bewohner aus allem greifbarem Metallschrott Mondraketen und Kulissen bastelten: Cinecittà hatte einen anarchischen Counterpart bekommen. Für Kinder gibt es im MAAM Hip-Hop-Workshops, internationale Künstler wie Michelangelo Pistoletto unterstützten das Museum, das gleichzeitig eine illegale Wohnutopie mit 200 Menschen war. Schließlich beschloss der Bürgermeister Roberto Gualtieri, das Areal zu kaufen und mit Sozialwohnungen zu bebauen, wobei er hoffentlich die Ruinen nach alter römischer Tradition umnutzt – schließlich haben die Römer lange Erfahrungen mit so etwas.

Das MAAM gilt als eines der aufregendsten Stätten für Kunst in Rom.Foto: Giuliano Ottaviani

Das Teatro di Marcello, ein Theater in der Nähe des Tibers, das Julius Cäsar plante und das von Kaiser Augustus fertig gebaut wurde, der es nach seinem jung verstorbenen Neffen Marcellus benannte, verfiel im Lauf der Zeit, bis die Familie Fabii die Bögen der Ruine nutzte, um sich im 12. Jahrhundert darauf eine Festung zu bauen, die vier Jahrhunderte später von den Savelli zu einem Palast erweitert wurde.

Wer wissen will, wie man Ruinen nutzen kann, findet alle Strategien in Rom. Man kann sie neu besiedeln wie ein Riff, sich in ihnen einnisten; man kann Ruinen aber auch abtragen und ihre Elemente wiederverwenden. Wie das im Fall moderner Architektur aussehen könnte, zeigt das Schweizer Architekturbüro Parabase, das mehrere Baufelder auf dem Areal Walkeweg in Basel bebauen soll mit günstigem Wohnraum. Für ihr „Elementa“-Projekt wollen die Architekten Bauteile aus rückgebauten Häusern wiederverwenden – Stützen und Bodenplatten sollen als Wände und Fassadenelemente genutzt werden, wobei die Betonfertigteile plötzlich eine auch ästhetisch spektakuläre, hyperplastisch wirkende Form ausbilden, wie man sie schon aus Materialspar- und Kostengründen so nicht entwerfen könnte. Die Betonmonster von gestern sorgen, neu aufgestellt, für die architektonische Opulenz von morgen. Die auseinandergenommene Ruine sorgt für eine neue Schönheit – die auch noch ganz ohne Holz und Stampflehm ökologisch verantwortlich ist: Wenn man den Architekten glauben darf, spart ihr Wiederverwendungsprojekt rund eine Million Kilogramm CO₂-Emissionen ein, eine eigene Photovoltaikanlage auf dem Dach der Anlage soll den Bau dem Ziel der Klimaneutralität näherbringen. Wo immer so etwas versucht wird, fressen Sondermaterialprüfungen und Genehmigungsverfahren aber einen nicht unerheblichen Teil des Budgets auf: Hier müssten dringend standardisierte Prüfverfahren eingeführt werden, ein TÜV für gebrauchtes Material, damit der „Adaptive Re-Use“ im großen Maßstab so durchgeführt werden kann, wie es Parabase vorhat.

Projekt „Geisberg Berlin“: Umbau eines Post- und Telegrafenamts zum WohngebäudeFoto: Schnepp Renou / O&O Baukunst

Im Umgang mit den Ruinen der Moderne sind Neubesiedlungen aber eher die Regel: Gerade Postämter dürften zu den aussterbenden Spezies gehören, gerade hat die dänische Post die Beförderung von Postkarten und Briefen eingestellt, nur ein privater Dienstleister steht noch bereit, Postkarten ans Ziel zu bringen – für 7 Euro (!) das Stück. Wenn das so weitergeht, sind Postämter bald überall Geschichte. Wie man sie umbaut, zeigen Ortner und Ortner gerade mit der Transformation eines Post- und Telegraphenamtes von 1925 in der Berliner Welserstraße: Auf dem insgesamt 25.000 Quadratmeter großem Areal haben sie 129 Eigentumswohnungen gebaut, darunter 100 Zwei- und Dreizimmerwohnungen. In der ehemaligen Schalterhalle wurden der Concierge, eine Küche und Bar für alle und ein Gym untergebracht.

In Düsseldorf bauten HHP Architekten gerade den todschicken, von Paul Schneider-Esleben entworfenen Turm der Commerzbank mit seiner gerundeten Fassade aus eloxierten Aluminiumpaneelen, der unter anderem den ersten Drive-in-Bankschalter Deutschlands aufwies, zu einem Hotel mit 206 Zimmern, Dachterrasse und Bar um, auch das Bundeswehrhochhaus in Bremen ist jetzt ein Wohnturm.

In Paris wurde ein Anfang der Siebzigerjahre von Marcel Roux entworfenes Bürohochhaus in der Rue de l’Eure im 14. Arrondissement von den Architekturbüros CALQ und Bond Society umgewandelt. Jetzt hat es im Erdgeschoss ein Café sowie ein Gemeinschafszen­trum und Co-Working-Flächen mit 300 Arbeitsplätzen, auf den Dächern begrünte Terrassen, darüber sozialen Wohnungsbau – und für Menschen, die nicht der Idee von nuklearen Kernfamilien anhängen, sondern mit anderen Alleinerziehenden oder Freunden oder als Alters-WG leben wollen, Maisonette-Wohngemeinschaften mit je zwölf Schlafzimmern, Gemeinschaftsküche und kollektivem Wohnzimmer im Angebot.

Und sogar Shoppingmalls kann man bewohnen. Die lange leer stehende historische Mall von Providence in Rhode Island – Arcade genannt – wurde vor Kurzem erfolgreich in ein Wohnprojekt mit 48 Mikro-Apartments umgewandelt: Die Läden im ersten Stock sind jetzt Apartments mit 20 bis 40 Quadratmetern Wohnfläche, die sich mit großen Ladenfenstern zur verglasten Passage hin öffnen.

Natürlich gibt es Hindernisse gerade bei der Umwandlung verlassener Bürotürme und der Ruinen von Gewerbeimmobilien. Wichtig wäre es, die Idee der „urbanen Gebiete“ weiterzutreiben und den Fetisch des Emissionsschutzes aufzugeben, der bisher verhindert, dass man in Gebieten, wo gearbeitet wird, Wohnungen bauen darf. Die Zukunft liegt eindeutig auch in der Umnutzung leer stehender Büro- und Gewerbebauten als Wohnraum, in der Verdichtung und Verzahnung von Arbeit und Wohnen. In der alten Stadt hat es nicht gestört, wenn der Bäcker morgens Brot machte und Dinge angeliefert wurden. Stadt heißt eben auch: Geräusche.

Aber viele Menschen leben nicht in der Stadt, sondern auf dem Land und im Siedlungsbrei dazwischen, den viele Ökologen, Planer und Kritiker nur mit Entsetzen aus der Ferne anschauen. Gerade die Dörfer entleerten sich bis vor Kurzem immer weiter, Menschen zogen weg, Läden und Kneipen schlossen, auch Schulen und Kindergärten, weswegen noch mehr Menschen wegzogen und unverkäufliche Einfamilienhäuser hinterließen, die auch bald Ruinen waren. Mit Remote Work und Homeoffice ändert sich aber auch die Attraktivität der nichturbanen Räume wieder. Könnte es sein, dass man in Zukunft nicht mehr entscheiden muss, ob man Landei oder Bewohner einer begehrenswerten Metropole sein will, der dafür all sein Geld in eine völlig überteuerte Wohnung steckt, sondern je nach Lebensphase zeitweilig in der Stadt lebt, wegen der Nähe zu Kultur und Nachtleben – und dann zeitweilig mit Kindern oder Freunden auf dem Land, um schließlich wieder in die Stadt zu ziehen?

Auch hier könnte die Politik durch Änderung der Auflagen viel bewegen. Oft sind alte Häuser qualitativ hochwertiger als das, was Massivhaushersteller an Fragwürdigkeiten auf die Welt loslassen; aber leider ist es oft weniger aufwendig, ein altes Haus abzureißen und eins von der Stange dort hinzusetzen, als es zu renovieren. Der amerikanische Autor und Historiker Mike Davis hat in seinem großartigen und hellsichtigen Werk „Magical Urbanism“ beschrieben, wie lateinamerikanische Migranten die leer stehenden Ruinen amerikanischer Suburbia-Häuser aufmöbeln, bunt anstreichen und die Garagen zu informellen Läden und Werkstätten und Bars umbauen – und plötzlich sieht die tote Vorstadtstraße aus wie eine lebendige mexikanische Main Street. Vielleicht wäre eine solche Rückeroberung und Neubesiedlung der Dörfer und Vorstädte auch eine Lösung für die städtische Wohnungsnot.

Übrigens heißt „ruere“ im Lateinischen nicht nur ruinieren, zerstören, sondern auch beschleunigen. Vielleicht sind also die Ruinen von Bürotürmen und Malls ebenso wie die von Einfamilienhäusern nicht nur Zeichen eines kulturellen Verfalls westlicher Lebensmodelle, sondern auch Beschleuniger eines produktiven, aufregenden Wandels. Die Stadt Rom will jetzt zwischen den alten und den neuen Ruinen, noch innerhalb des GRA, eine Art kreisförmige Schnellstraße nur für Fahrräder um die Stadt Rom herumbauen, auf der man überall hinkommen soll. Sie trägt den für deutsche Ohren etwas makaber klingenden Namen G.R.A.B. – für Grande Raccordo Anulare delle Biciclette. Selten aber sah ein Grab so sehr nach heiterer Zukunft aus. 

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