Champions League: Borussia Dortmund unterliegt Tottenham Hotspur in Unterzahl

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Fußball als Fotoalbum: Die Sohle offen, das Bein gestreckt: Man konnte Schlimmes vermuten, schaute man sich das Einsteigen von Dortmunds Daniel Svensson gegen Tottenham-Flügelstürmer Wilson Odobert eine Weile an. Genau dazu forderte der Video-Assistent Schiedsrichter Glenn Nyberg nach 25 Minuten auf: Ran an den Bildschirm, die Gelbe Karte korrigieren, den schwedischen Landsmann vom Platz stellen.

Glenn Nyberg zückt Rot

Glenn Nyberg zückt Rot

Foto: Adrian Dennis / AFP

In der Zeitlupe verloren ging der Kontext des svennssonschen Einsteigens. Im Kampf um den Ball verlor der BVB-Verteidiger das Gleichgewicht, fiel quasi nach hinten, übte nur minimalen Druck auf Odoberts Bein aus. »Das ist eine klassische Standbild-Trefferbild-Rote-Karte, die wir hier kriegen«, echauffierte BVB-Ikone Mats Hummels sich zur Pause am Amazon-Mikrofon. Sie sollte das Spiel vorentscheiden.

Das Ergebnis: 0:2 (0:2), Borussia Dortmund stolpert beim Champions-League-Duell in Nordlondon. Auch in Gleichzahl hatte es nicht sonderlich gut ausgesehen, Tottenham Hotspur hatte das Spiel klar bestimmt. Einer der schwächeren BVB-Auftritte der jüngeren Vergangenheit.

Angesägter Ast: Traditionell rühmt sich Tottenham als Teil der »Big Six« in Englands Premier League. Praktisch sind die Spurs seit anderthalb Jahren nicht mehr in Schlagdistanz zur Spitze: Platz 14 dieses Jahr, Platz 17 vergangenes Jahr, in die Königsklasse ging es über den Gewinn der Europa League. »Das ist fast schon einmalig schlecht auf der Welt«, kanzelte Amazon-Experte Christoph Kramer das Resultat der Londoner Millioneninvestments ab. Am Wochenende setzte es eine Pleite gegen Abstiegskandidat West Ham. Die Tage von Trainer Thomas Frank, nach erfolgreichen Jahren beim FC Brentford in der Hoffnung auf defensive Stabilität verpflichtet, schienen bereits gezählt – dass Frank gegen den BVB überhaupt noch an der Seitenlinie stand, durfte man als letzte Chance verstehen.

Bei Thomas Franks Spurs stimmten zuletzt weder Spielstil noch Ergebnisse

Bei Thomas Franks Spurs stimmten zuletzt weder Spielstil noch Ergebnisse

Foto: Adrian Dennis / AFP

Früher mal ein Spurs-Schreck: Die Vorzeichen für einen Nordlondoner Turnaround standen mittelprächtig, trotz Heimvorteil und solider CL-Bilanz, die Tottenham nach sechs Spieltagen punktgleich mit dem BVB sah. Die prominentesten Namen im Spurs-Kader – Torjäger Richarlison, Top-Vorlagengeber Mohammed Kudus, Spielmacher James Maddison – fehlten allesamt verletzungsbedingt auf dem Aufstellungsbogen. Insgesamt waren gleich 13 Profis unpässlich, die Bank füllten Nachwuchsspieler auf. Noch dazu erinnern sich die Spurs mit Schrecken an Niko Kovač: 2019 war es der heutige Dortmunder Trainer, der den FC Bayern zu einem 7:2 in London coachte, vier Tore von Serge Gnabry inklusive.

Angeschlagene Boxer: So schien der Rahmen dem BVB die Favoritenrolle zuzuschachern. Tottenhams Rumpftruppe aber hatte andere Pläne, früh setzten die Spurs sich am Dortmunder Strafraum fest. Einen Steckpass von Xavi Simons drosch Pedro Porro scharf vors Tor, Dominic Solanke verpasste nur knapp (8.). Dann die Führung nach Eckball, vom zweiten Pfosten spielte Odobert zurück in die Mitte, Cristian Romero hielt den Fuß hin (14.). Um die bessere Mannschaft zu sein, brauchte Tottenham keine Überzahl.

Der BVB bringt das Lachen zurück: Wenig später hieß es elf gegen zehn, so war die letzte ernsthafte Dortmunder Gegenwehr gekappt. Der Rest der Partie war den Londoner Lilywhites eine willkommene Teambuildingmaßnahme unter Wettkampfbedingungen. Solanke stellte auf 2:0, nachdem ihm Odoberts Vorlage zuvor schon durch die Beine gerutscht war (37.). Zur Pause nahm Kovač Serhou Guirassy und Julian Brandt zugunsten der Defensiven Emre Can und Julian Ryerson vom Platz, das Spiel plätscherte wie der englische Regen. Wenn Tottenham aber wollte, wurden sie gefährlich – und nur von Gregor Kobel gestoppt: Gegen Xavi machte der BVB-Keeper die kurze Ecke zu (73.). Xavi lachte, animierte die Fans, joggte zum Eckball. So gelöst unterwegs waren die Spurs zuletzt selten.

 Xavi Simons nach einer vergebenen Chance

Gute Laune: Xavi Simons nach einer vergebenen Chance

Foto: Matthew Childs / Action Images / Reuters

Showdown mit Reizüberflutung: Die Spurs haben nun gute Chancen auf das Überspringen der Playoff-Runde, ziehen dank des Erfolgs über den BVB sogar an ManCity vorbei, nachdem der Ligakonkurrent sich in Norwegen blamiert hatte. Der BVB könnte zumindest eben jene Zwischenrunde mit etwas Schützenhilfe buchen, müsste nächsten Mittwoch (21 Uhr) zu Hause allerdings gegen Vorjahresfinalist Inter Mailand punkten, um aus eigener Kraft im Turnier zu verbleiben. Wie schon im Vorjahr wird der gesamte achte Spieltag parallel ausgetragen – wer also gern alle paar Sekunden einen Torschrei hören möchte, wird in der Konferenzschalte der Übertragungssender auf seine Kosten kommen.

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