Erst mieden sie sich, dann gingen sie auf Patrouille, schließlich brach tödliche Gewalt aus: Wie sich eine Gemeinschaft von Schimpansen in zwei Lager spaltete und gegenseitig bekriegte, hat ein Forschungsteam über Jahre dokumentiert. Die Eskalation schildert es detailliert im Fachjournal »Science «.
Seit dem Jahr 1995 beobachten Wissenschaftler im Kibale-Nationalpark von Uganda eine besonders große Gruppe von 200 wild lebenden Gemeinen Schimpansen. Zum Vergleich: Andere bekannte Gruppen umfassen weniger als 100 Tiere. Bis zum Jahr 2015 verzeichnete das Forschungsteam um Aaron Sandel von der University of Texas in Austin, das die Studie durchführte, innerhalb der Gruppe wechselnde Allianzen, Freundschaften und Hierarchien.
Plötzliche Flucht
Den ersten Hinweis auf ein Zerwürfnis beobachtete das Team im Juni 2015: Im Zentrum des Territoriums trafen zwei Lager aufeinander, eines aus dem westlichen, das andere aus dem zentralen Areal. Die westlichen Schimpansen ergriffen die Flucht, verfolgt von den anderen. Daraufhin hätten sie sich sechs Wochen gemieden, schreibt das Team. »Eine so lange Phase der Meidung war zuvor nicht beobachtet worden.«
Danach polarisierten sich die Gruppen weiter: Die Männchen der westlichen Gruppe starteten Patrouillengänge, woraufhin auch das andere Lager auf Patrouille ging. Erste Kämpfe folgten. Die Schimpansen teilten sich auf getrennte Gebiete auf, vermehrten sich nur noch innerhalb ihres Lagers.
Junge Tiere als Angriffsziel
Drei Jahre später war die Spaltung besiegelt: Die westliche Gruppe bestand nun aus zehn Männchen und 22 Weibchen ab zwölf Jahren, die zentrale Gruppe aus 30 Männchen und 39 Weibchen. Dann eskalierte die Gewalt, wobei alle beobachteten Angriffe von der kleineren Gruppe ausgingen. In sieben Fällen wurde das angegriffene Männchen getötet. Später wurden auch junge Schimpansen zum Ziel der Angriffe, innerhalb von vier Jahren starben 17 Jungtiere.
Die Entwicklung erinnert an einen Bericht der Primatenforscherin Jane Goodall aus den Siebzigerjahren aus Tansania: Dort hatten Schimpansen nach der Spaltung eines Verbands im Laufe von vier Jahren ein Weibchen und alle vier Männchen der konkurrierenden Gruppe getötet. Allerdings galt der Fall als Ausnahme: Die Affen waren teilweise mit Bananen gefüttert worden, was an der Futterstelle zu aggressiven Verteilungskämpfen führte.
Folgenreicher Tod
Ein Grund für den Gewaltausbruch im Kibale-Nationalpark könnte die Größe der Schimpansengruppe sein. Möglicherweise sei in der Gemeinschaft von rund 200 Tieren deren Fähigkeit überdehnt worden, Beziehungen aufrechtzuerhalten, vermuten die Forschenden.
Das Team hebt hervor, wie wichtig persönliche Verbindungen zwischen den Lagern seien: Anfang 2017 starben zahlreiche Schimpansen in einer Epidemie. Eines der Männchen gehörte in der westlichen Gruppe zu den letzten Tieren, die noch Kontakte zur anderen Gruppe unterhielten. Sein Tod könnte die Eskalation beschleunigt haben, heißt es.
Lassen sich die Erkenntnisse auf Menschen übertragen? Schließlich ist der Schimpanse unser engster lebender Verwandter.
Gängige Theorien zu Ursachen von Kriegen bei Menschen heben auf Sprache, Religion, ethnische oder politische Zugehörigkeit ab. Wenn man sich auf solche kulturelle Faktoren konzentriere, übersehe man soziale Prozesse, die sowohl Menschen als auch Schimpansen prägen würden, schreiben die Forschenden. »Möglicherweise finden sich Gelegenheiten für Frieden in den kleinen, täglichen Handlungen von Versöhnung und Begegnung zwischen Individuen«, sagt Sandel.

vor 1 Stunde
1










English (US) ·