Bundesliga: Nico Schlotterbeck im Fokus nach Foul und Elfmeter gegen Bayern

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Nico Schlotterbeck vor den Dortmunder Fans
Nico Schlotterbeck vor den Dortmunder Fans

Nico Schlotterbeck vor den Dortmunder Fans

Foto: Christopher Neundorf / EPA

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»Man muss auch mal den Anspruch haben als BVB, den Fans zu sagen: Wir wollen Meister werden.« Das hatte Nico Schlotterbeck vor gut einem Monat gesagt. Dortmunds Rückstand auf den FC Bayern München betrug da sechs Punkte. Schlotterbeck, 26, Innenverteidiger des BVB, witterte eine Chance für sein Team im Titelkampf.

Seit Samstagabend ist klar: Diese Chance ist dahin. 3:2 gewannen die Münchner in Dortmund, ihr Vorsprung beträgt elf Punkte. In jenem Topspiel erzielte Harry Kane zwei Tore, aber das Scheinwerferlicht gehörte Schlotterbeck. Knapp entging er einem frühen Platzverweis, köpfte sein Team dann in Führung, um später einen Elfmeter zu verursachen. Diese Partie wird der Nationalspieler so schnell nicht vergessen. Hier sind die drei Schlüsselszenen.

 »Ich glaube, dass man da schon Rot geben kann. Da hatte ich ein bisschen Glück«

Gefoulter Josip Stanišić am Boden: »Ich glaube, dass man da schon Rot geben kann. Da hatte ich ein bisschen Glück«

Foto: Revierfoto / IMAGO

Es lief die 18. Minute, als Schlotterbeck in der eigenen Hälfte das Tempo beschleunigte und zur Grätsche ansetzte. Mit ausgefahrenem Bein touchierte er den Ball und rumste dann in Bayerns Josip Stanišić. Fünf Münchner spurteten daraufhin zum Schiedsrichter, sie waren sich einig, dass Schlotterbeck für dieses Einsteigen vom Platz müsse. Doch Schiedsrichter Sven Jablonski zeigte nur Gelb. Gut zwei Minuten musste Stanišić behandelt werden, später waren die Spuren an seinem Schienbein nicht zu übersehen. Verkrustetes Blut markierte die Stellen, an denen es getroffen worden war.

»Ganz klar Rot. Natürlich spielt er ein bisschen den Ball, aber die Rote Karte ist dazu da, Spieler zu schützen«, sagte der Gefoulte.

»Ich glaube, dass man da schon Rot geben kann. Da hatte ich ein bisschen Glück«, sagte der Übeltäter.

Eines aber wurde nicht besprochen: Die Frage, warum Schlotterbeck überhaupt zu einer derart gewaltigen Grätsche angesetzt hatte.

Stanišić zählt nicht gerade zu den Dribblern im Münchner Team. Er sah sich vier BVB-Profis gegenüber. Torgefahr herrschte keine, und doch warf sich Schlotterbeck in diesen Zweikampf, als hinge von ihm das Resultat des Spiels ab.

Vielleicht war es so: Schlotterbecks BVB war den Bayern in diesen 18 Minuten nur hinterhergelaufen. Keinen Torschuss gaben die Dortmund ab. Fast immer hatten die Münchner den Ball.

Vielleicht wollte Schlotterbeck mit seiner Grätsche zeigen, dass man die Bayern nicht bewundern muss, sondern sie bekämpfen kann. Und dass es dabei ruhig rumsen darf.

Das war rücksichtslos und riskant. Aber möglicherweise auch wirkungsvoll. Als der Ball wieder rollte, dauerte es gut fünf Minuten bis zum Dortmunder 1:0.

Das Muskelspiel

 Dominanzgeste und Ekstase

Schlotterbeck zeigt die Muskeln: Dominanzgeste und Ekstase

Foto: Noah Wedel / IMAGO

Die Schwachstelle des FC Bayern ist seine Anfälligkeit bei Standards. Schlotterbeck nutzte sie aus. Bei einem Freistoß von der linken Seite schlich er sich in den Rücken von Gegenspieler Jonathan Tah, um dann plötzlich vor diesen zu laufen. Schlotterbeck stieg hoch, drückte den Ball ins lange Eck, nicht kraftvoll, aber so präzise, dass Münchens Jonas Urbig nicht herankam.

Beim 1:0 verbarg sich Schlotterbeck im Schatten, danach wollte er sich der ganzen Welt zeigen. Er krempelte den linken Ärmel hoch und präsentierte den angespannten Bizeps. Dann hüpfte er auf eine Werbebande und weiter an den Zaun, zu den BVB-Fans.

Viel kam hier zusammen, Dominanzgeste und Ekstase, Fannähe und Euphorie.

»Dann spiele ich irgendwann Schach«

 »Wenn ich dafür eine Gelbe bekomme, dann hört es auf«

Schlotterbeck auf der Bande: »Wenn ich dafür eine Gelbe bekomme, dann hört es auf«

Foto: Thilo Schmuelgen / REUTERS

Allerdings ging Schlotterbeck auch hier wieder ein Risiko ein. Denn: Wer sich beim Torjubel den Fans derart nähert, dass ein Sicherheitsproblem entstehen kann, sieht Gelb. Für Schlotterbeck wäre es die zweite gewesen. Eine Gefahr stellte sein Jubel zwar nicht dar, aber er begab sich in den Ermessensspielraum des Schiedsrichters.

»Wir können jetzt auch alles ausmustern«, sagte Schlotterbeck dazu. »Wenn man alles ausmustert, dann haben wir keinen Fußball mehr. Aber dann, ich sage es dir ehrlich, spiele ich irgendwann Schach. Weil, wenn ich dafür eine Gelbe bekomme, dann hört es auf.«

Die Zentimeterfrage

 Minimaler Kontakt, sagt der BVB-Spieler

Schlotterbeck gegen Stanišić: Minimaler Kontakt, sagt der BVB-Spieler

Foto: Federico Gambarini / dpa

Die 69. Minute, die Bayern greifen an, der Ball gelangt zu Josip Stanišić. Schlotterbeck eilt hinzu, erst energisch, aber dann verlangsamt er seinen Lauf. Dieses Mal befindet sich Stanišić nämlich nicht an der Seitenlinie, sondern im Dortmunder Strafraum. Schlotterbeck will den Münchner zur Grundlinie lenken, doch er steht falsch, er öffnet die Spur ins Zentrum, Schlotterbeck hätte früher abbremsen müssen, um die Ideallinie zu halten. Stanišić legt sich den Ball nach innen vor, Schlotterbeck fährt das Bein aus, sein Spann trifft Stanišićs Schienbein, der Schiedsrichter zögert nur kurz.

Schlotterbeck verteidigt sich nicht, er macht nur eine Geste. Daumen und Zeigefinger messen zwei Zentimeter Luft ab. Einen kleinen Kontakt habe er gespürt, sagte er nach der Partie, »nicht viel, minimal«.

Warum Schlotterbeck das Bein überhaupt ausfuhr, wenn er Stanišić nicht foulen wollte, bleibt sein Geheimnis.

Später, nach dem Tor zum 3:2 der Bayern, schritt Schlotterbeck in Richtung Mittelkreis, hinter ihm bejubelten die Münchner ihren Treffer, und wieder zeigte der Dortmunder mit den Fingern an, wie wenig gefehlt hatte. Vielleicht meinte er: zu einem Achtungserfolg gegen den FC Bayern. Aber schon wenig ist gegen diese Münchner viel zu viel.

Epilog: Sie stehen wieder auf

Unter der Woche war der BVB in der Champions League ausgeschieden. Bei Atalanta verlor er in den letzten Sekunden der Partie, danach wirkten die Dortmunder derart niedergeschlagen, dass man sich kaum vorstellen konnte, dass sie sich bis zum Bayern-Spiel erholen würden. Sie schafften es.

Und jetzt? Hat der BVB in einer Bundesligasaison nur zwei von 24 Spielen verloren und doch keine Titelchance. Hat er einen Liga-Punkteschnitt von 2,17, den höchsten seit sieben Jahren, und steht doch vor den Trümmern einer Spielzeit. Dortmund liegt am Boden.

Aber so, wie der BVB am Samstag auftrat, ist es wahrscheinlicher, dass er auch jetzt wieder aufsteht.

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