Brief aus dem Krieg: In Teheran ist die Nähe des Todes zu spüren

vor 7 Stunden 3

Azizam, mein Lieber, hier ist der Frühling auf seinem Höhepunkt. Die Stimmen der Schwalben füllen die Luft. Ich bin von einer seltsamen Frühjahrsmüdigkeit erfasst, einer schläfrigen Schwere. Morgens kommt meine Freundin M. herüber, um mich zu wecken. Ich schlafe bis zehn Uhr, und ich könnte noch weiterschlafen.

Heute früh ist M. durch einen Anruf ihres Mannes aus den USA aufgewacht. Danach ist sie zu mir gekommen, damit wir zusammen Kaffee trinken. Sie setzte sich an den kleinen runden Tisch am Fenster und sagte: „Na, wie verbringt ihr eure Zeit, wenn der Mond im Skorpion steht?“ Meine Mitbewohnerin Sch. hatte sich aus Versehen mit dem Feuerzeug die Haarspitzen angesengt. Ich selbst hatte nichts Besonderes gemacht. M. sagte: „Mein Mann hat mir heute Morgen erzählt, dass er gestern Nacht mit jemandem im Hotel war und mit ihr geschlafen hat.“

Illustration von Mehrdad ZaeriIllustration von Mehrdad ZaeriMehrdad Zaeri

Sch. und ich sahen sie überrascht an. Wir wussten nicht, wie wir reagieren sollten. M. und ihr Mann führen eine offene Ehe. Ich fragte: „Was fühlst du?“ Sie sagte: „Nichts.“ Dann beschlossen wir, in den Park zu gehen. Wir legten uns ins Gras, tranken Cola, aßen „Salat Olivier“ und schauten in den Himmel. Sch. hat im Moment keine Arbeit. Ich sage M, sie solle sich erst einmal ausruhen. M. sagt: „Ich hätte nicht gedacht, dass das Regime nach der Erledigung Khameneis und anderer wichtiger Figuren immer noch steht.“ Dann fragt sie: „Wer sind diese Leute eigentlich genau?“ Ich sage: „Anscheinend die Revolutionsgarde.“ Ich habe beschlossen, meinen vorläufigen Umzug in die Türkei zu verschieben. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht, weil ich in Teheran nachts ruhig schlafe.

Vor Kurzem hatte ich ein Date mit einem Mann. Ich kannte ihn kaum, nur ein paar Nachrichten und seine Fotos. Wir verabredeten, ein Rollenspiel zu spielen: zwei Fremde zu sein, die sich gegenübersitzen, ohne ein Date zu haben. Wir tranken Masala-Tee und sprachen über den Krieg. Er war gegen den Krieg. Er sagte: „Wir haben uns doch verändert. Allein schon das mit dem Hijab.“ Dabei deutete er auf mich. Mein Haar war offen, fiel über meine linke Schulter, zwei Knöpfe meiner Bluse standen offen.

Ich sagte: „Den Hijab haben wir hinter uns gelassen, jetzt ist es Zeit, unser Geld zurückzuholen.“ Er importiert seit einiger Zeit Drehteile für Züge aus China. Das reichte mir, um zu sagen: „Jetzt verstehe ich, warum du gegen den Krieg bist. Du stehst auf der Seite der Chinesen.“ Er lachte. Er stand auf keiner Seite. Er bestritt einfach sein Leben. Er war Popsänger gewesen. Wegen des verbotenen Frauengesangs seiner Schwester auf einem Album wurde ihm die Lizenz entzogen. Aber er weiß, wie man Geld verdient. Und er weiß, wie man lebt.

Wir spielen, wir seien ein verliebtes Paar

Als wir das Café verließen, fragte er: „Magst du mich?“ Dann kam er näher, damit ich seinen Geruch wahrnehmen konnte. Ich sagte: „Ja.“ Er sagte: „Dann lass uns ab jetzt die Rolle eines verliebten Paares spielen.“ Ich musste an den Film „Die Liebesfälscher“ von Kiarostami denken. Er zeigte auf den unteren Knopf meiner Bluse und sagte: „Wäre es nicht besser, wenn du den schließt?“ Ich schloss ihn und sagte: „Also bist du auch eifersüchtig.“ Er sagte: „Sehr.“ Wir spielten ein verliebtes Paar.

Wir hörten Musik, tranken Alkohol, lachten. Ich fragte ihn: „Wofür lebst du?“ Er sagte: „Für meinen vierzehnjährigen Sohn.“ Er zeigte mir ein Foto. Ich sagte: „Du siehst aus, als wärst du ein guter Vater.“ Seine Augen leuchteten. „Ein Kind ist etwas sehr Schönes“, sagte er, „sehr zart.“ Ich fragte: „Würdest du noch einmal Vater werden wollen?“ Er sagte: „Ja.“ Er fragte mich, wie es bei mir wäre. Ich sagte: „Ich will kein Kind.“ Dann sagte er: „Verlass Iran nicht!“

Du hast mir endlich einen allerersten Brief geschrieben. Ich habe dir gesagt, unser Dialog hat nun begonnen. Jetzt habe ich das Gefühl, dass wir auf diese Weise analoger sind. Du hast selbst gesagt, dass du dich in letzter Zeit vom Digitalen entfernst. Dein Brief fühlte sich an wie deine Anwesenheit. Ich spüre mehr Nähe zu dir. Wir beide irren in unserer eigenen Welt umher, und der Tod steht neben uns. Bei dir der langsame Tod einer Person, der in dir eine Revolution ausgelöst hat, ähnlich eines langsamen Dahinsterbens – wie ein Apfel, der allmählich verdirbt und vergeht. Der Tod, den ich spüre, ist plötzlich, augenblicklich. Ein Tod, wie eine Waffe, die auf mich gerichtet ist. Und doch bleibt Tod Tod. Eine Einladung zur Revolution. Zur Veränderung. Zum Aufbegehren.

Die Zeit ist knapp.

Wie in der Geschichte vom kleinen Ali, dem Jungen, und dem Fisch im Gartenteich, von Forough Farrokhzad, die du so sehr geliebt hast: Entweder springt man ins Wasser, oder man bleibt für immer am Ufer stehen und schaut seinem eigenen Spiegelbild zu.

Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin jede Woche einen Brief, in dem sie aus ihrem Leben von und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen von Mehrdad Zaeri.

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