Azizam, mein Lieber,
ich bin in meinem Zimmer auf der türkischen Farm. Draußen hört man Donner, Regen und das ferne Rollen des Gewitters. Herbie, der ängstliche Hund der Farm, hat sich in meinem Zimmer versteckt. Bei Gewitter bekommt er immer Angst. Die Luft riecht nach nasser Erde.
Woche für Woche schreibt eine iranische Autorin unter dem Pseudonym Nona einen Brief aus dem Krieg.Mehrdad ZaeriUnsere Gäste D. und S. haben diesen Ort vor zwei Tagen verlassen. Mein türkischer Freund O. hat sie zum Bahnhof gebracht. Danach blieb ich allein zurück. Und Herbie, der zweieinhalb Monate lang an D. gehangen hatte, stand plötzlich vor einer großen Leere. Erst legte er sich neben mich auf den Boden. Dann begann sein Körper zu zittern. Ich setzte mich zu ihm und nahm ihn in den Arm. Anschließend gingen wir zusammen in ihr leeres Zimmer. Er schnupperte überall, stellte sich schließlich vor mir auf die Hinterbeine und machte seltsame Geräusche, fast wie ein Wimmern. Wir umarmten uns, und er verließ das Zimmer. Danach ist er wieder zu seinem gewöhnlichen Leben zurückgekehrt.
Du hast mir geschrieben, wir müssten vielleicht als Einziges auf dieser Erde erkennen, dass das Leben aus nichts anderem besteht als aus Abschieden und neuen Anfängen. Ich habe länger gebraucht als Herbie, um mich selbst wiederzufinden. Dieses Mal ist das Gefühl von Einsamkeit tiefer.
Nicht dieselbe Welt
Meine Freunde haben sich in alle Richtungen der Welt verstreut und sind in ihren eigenen Albträumen über Iran allein. Diejenigen, die in Iran geblieben sind, sind innerlich geteilt. M. und ihre weiße Katze in Iran, ihr Mann in den USA, meine Freundin H. in Teheran und ihre Familie in Schweden. Du in Deutschland und ich hier.
Diese physischen Entfernungen werden langsam normal für mich. Selbst die Tatsache, dass ich dich nie gesehen oder berührt habe. Und doch bin ich dir hier einen Schritt nähergekommen. Die Uhrzeit hier liegt nur noch eine halbe Stunde von deiner entfernt.
Du hast von dem Chaos der extremen politischen Strömungen in Europa und Amerika gesprochen. Lass uns den Nahen Osten hinzufügen. Extremisten formen gerade die Welt. Und doch spüre ich tief in mir, dass unsere Welt nicht dieselbe ist wie ihre.
In den kleinen Dingen
Ich rette mich in Details, um den tödlichen, monströsen und großen Geschehnissen zu entkommen. Ich höre dem seltsamen Geräusch zu, das aus der Holzdecke meines Zimmers kommt. Es klingt wie eine Maus. Ich weiß, dass in meinem Zimmer Eidechsen, Insekten, Mäuse und Schlangen leben. Früher hätte ich Angst gehabt. Jetzt nicht mehr. Stattdessen weiß ich, dass ich nicht allein bin.
In Teheran fühlte ich mich fremd. Fremd gegenüber den Stimmen auf den Straßen. Fremd gegenüber den gelben und grünen Flaggen der Hizbullah, die früher nicht zu sehen waren. Auch in der Stadt meiner Eltern war es so. Die Farben der Hizbullah haben die Farben Irans für mich fremd gemacht. Die Straße gehörte mir nicht mehr. Ich flüchtete mich von der Straße ins Haus und fand mich wieder in kleinen Dingen: in den goldenen Augen meiner Katze Mi, im warmen, vertrauten Geruch ihres Fells, in den Schwalben hinter dem Fenster, in dem großen Blumentopf mit den roten Blumen, die meine Mitbewohnerin Sch. nach Hause gebracht hatte.
Ich frage mich: Was passiert, wenn ich kein langfristiges Visum bekomme? Dann kommt dieses Gefühl des Gefangenseins zurück. Als wäre mir das Überschreiten jeglicher Grenzen verboten.
Ein Schmerz
Seit Tagen habe ich nicht mehr mit meiner deutschen Freundin A. gesprochen. Sie lebt in Berlin. Jeden Tag schaue ich auf unsere Nachrichten in Telegram und weiß nicht, was ich schreiben soll. Lieber würde ich schweigend meinen Kopf an ihre Schulter lehnen. So wie damals im Bus. Die Strecke von Çeşme nach Izmir haben wir genau so verbracht. Ich habe geweint, und sie weinte wegen meiner Tränen. In der Stille der Straße vermischten wir uns miteinander.
Hier wehre ich mich dagegen, Türkisch zu lernen. Ich habe das Gefühl, dass ich zu diesem Ort gehöre, wenn ich die Sprache lerne. Eine Entscheidung, die H.s Vater in Schweden getroffen hat. Nach fast dreißig Jahren Migration spricht er noch immer kein Schwedisch. Seit H. – wie sie selbst sagt – ihre umgekehrte Migration nach Teheran begonnen hat, kam ihr Vater jedes Jahr nach Iran. Eines Tages erzählte H. mir, dass ihr Vater in ein bekanntes Restaurant in Teheran gehen wollte, man ihn aber nicht hineinließ. Sie hielten ihn für verrückt, obwohl er Parkinson hat. Danach kehrte er nie wieder nach Iran zurück.
Sprachlosigkeit ist der eigentliche Schmerz dieses Mannes. Sprachlosigkeit selbst im eigenen Zuhause, neben Kindern und Enkeln, die Schwedisch sprechen.
Mein Freund, ich betrachte dich aus der Ferne. Am Anfang eines neuen Weges, der in einen dichten Wald führt. Ein Stück weiter endet der Wald, und grüne, sonnige Hügel warten dort. Dort werde ich zum ersten Mal deine Hände halten.
P.S.: Ich habe einen Wiedehopf gesehen. Nur für eine Sekunde saß er auf einem Ast und flog gleich wieder davon. Mein ganzes Leben lang wollte ich ihn einmal mit eigenen Augen sehen.
Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin jede Woche einen Brief, in dem sie aus ihrem Leben von und mit dem Irankrieg berichtet.
Aus dem Persischen von Mehrdad Zaeri.

vor 7 Stunden
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