Bildungsgeschichte: Exklusive Schulen haben eine lange Tradition

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Absolventen der französischen „grandes écoles“ für Wissenschaft, Politik oder Wirtschaft können gewiss sein, dass sie nach dem Studium in Spitzenpositionen einrücken. In Deutschland hat sich ein vergleichbares Bildungssystem nie durchgesetzt, auch jüngste Neugründungen von privaten Schulen und Hochschulen können das nicht wettmachen. Im 18. Jahrhundert blühte die Idee einer Elitenbildung aber schon auf. Wieland, Prinzenerzieher in Weimar, entwickelt das in Akademieplänen oder Romanen wie „Der goldene Spiegel“. Praktisch umgesetzt hat solche Aufklärungsutopien aber August Hermann Francke in Halle.

Dort begründet er 1698 die nach ihm benannte Stiftung mit einem trialen Schulmodell. Für dieses einzigartige Ensemble läuft gegenwärtig eine Bewerbung um Aufnahme ins Weltkulturerbe. Besteigt man über eine Holztreppe den Altan des Waisenhauses, erkennt man hoch über den Dächern auf einen Blick die dreifach gestuften Einrichtungen. Im Hauptgebäude und den beidseitigen Hofflügeln lernten, aßen und schliefen die Waisenjungen der Grundschule, ein kleinerer Trakt für Mädchenbildung schloss sich an. Im linken Mittelteil war die weiterführende, ebenfalls kostenfreie Lateinschule für den Gelehrtenstand untergebracht. Am gegenüberliegenden Kopfende des langen Hofes befand sich das diskret abgezäunte „Paedagogium regium“, die mit königlichem Privileg ausgestattete Privatschule für künftige Funktionseliten.

Angesichts des hohen Schulgeldes konnten hier nur Adelige und Söhne aus dem vermögenden Bürgertum beschult und studierfähig gemacht werden. Das kolorierte Guckkastenblatt zeigt dieses Arrangement dreier Schultypen, die man vor dem Abstieg im Waisenhaus noch einmal in einer nachgebauten Camera obscura bewundern kann. Hier sahen wir, nach Abzug eines Regens, all das auf den Kopf gestellt, in den schönsten Farben.

Das Königliche Pädagogium als KupferstichDas Königliche Pädagogium als KupferstichFranckesche Stiftung

Vom Königlichen Pädagogium erzählt jetzt eine kleine, aber sehr feine Kabinettausstellung im Lesesaal der historischen Kulissenbibliothek, die aus einem universitären Projektseminar von Andreas Pečar und Holger Zaunstöck hervorgegangen ist. Die Studenten haben an dem vorzüglichen Katalog mitgearbeitet und eine eigene Bild- und Audiostrecke entwickelt, die öffentlich abrufbar ist. Bei den Ausstellungsobjekten handelt es sich vor allem um Programmschriften, Risse der Anlage, Schulordnungen, Stundenpläne, Beurteilungsbücher, Lehrwerke, Elternbriefe. Auch ein paar Fernrohre aus Pappe und Fischhaut mit selbst geschliffenen Linsen und Messingbeschlägen sind zu sehen, die auf dem Dach des Pädagogiums im Astronomie-Unterricht neben Azimutal-Quadranten zum Einsatz kamen.

Nimmt man sich die Zeit zur Vertiefung in die ausgestellten Pläne und Dokumente, wird das Leben und Lernen in dieser exklusiven Bildungsstätte lebendig. So erfährt man, dass die Lehrer örtliche Studierende waren, zwei Drittel von ihnen zwischen zwanzig und 24 Jahren alt. Nach diesem Unterrichtspraktikum wurden die meisten von ihnen selbst Geistliche, der Rest ging in Lehrberufe an Schule und Universität. Der Unterricht zielte auf den sogenannten Regierstand, diente also Karrieren als Offizier, im höheren Hof- und Verwaltungsdienst oder in Domkapiteln. „Cavaliere“, nicht Gelehrte, wollte man ausbilden, die später eine Grafschaft regieren oder großen adligen Landgütern vorstehen würden.

Entsprechend stark waren nach dem obligatorischen morgendlichen Latein- und Mathematikunterricht auch Naturkunde, Kameralistik, Sittenlehre und Ökonomie. An den stark variierenden Tarifen für Unterbringung und Verpflegung, bei manchen sogar für Dienerschaft, erkennt man den sozialen Hintergrund der Elternhäuser. Auch Hans Hermann von Katte war darunter, der intime Freund vom preußischen Kronprinz Friedrich, den der Soldatenkönig als abschreckendes Exempel hinrichten ließ. Eintragungen in die Schulakten verraten, dass er sich schon im Pädagogium nach Strafmaßnahmen nicht immer einsichtig zeigte. Anders als in der Festung Küstrin, wo später der ebenfalls als fahnenflüchtig geltende Kronprinz mit Katte einsaß, waren im Königlichen Pädagogium zu Halle „körperliche Züchtigungen“ jedoch selten, sie zählten „zu den fast unerhörten“ allerletzten Mitteln in einer fein gestuften Disziplinarordnung.

Das Königliche Pädagogium – Elitenbildung im 18. Jahrhundert. In den Franckeschen Stiftungen, Halle; bis zum 4. April 2027. Der Katalog kostet in der Ausstellung 14,50 Euro.

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