Die Zeit hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Und sie verheimlicht es noch nicht einmal. Ganz offenkundig staucht sie sich zusammen, wenn Eltern ihren Kindern beim Aufwachsen zusehen, ganz offenkundig dehnt sie sich aus, wenn ein Freund auf den anderen wartet, ganz offenkundig zeigt sie, dass ihre Monotonie nicht homogen ist, sondern sich aufteilt: in eigene Gleichförmigkeiten, die wie Zahnräder eines Uhrwerks in ganz verschiedenen Größen erscheinen.
Die Schweizer Künstlerin Johanna Schaible kennt sie gut. Ihnen widmete sie schließlich schon ihr erstes Bilderbuch, in dem sie in wechselnden Tempi von den Dinosauriern bis zum heutigen Nachmittag reist und noch weiter. Mit ihrem zweiten Bilderbuch dagegen scheint sie sich zunächst auf einen schmaleren Korridor zu beschränken: ein Tag und eine Nacht, 24 Stunden. Die Geschichte trägt den Titel „Guten Morgen“ oder auch „Gute Nacht“ – je nachdem, von welcher Seite sie betrachtet wird.
Es gibt Tage, die dunkler sind als die Nacht
Denn Schaibles Buch ist ein Wendebuch, was beiden Tageshälften gerecht wird. Die Nacht ist nicht bloß das Ende des Tages, der Tag ist nicht bloß das Ende der Nacht. Bei Schaible beginnen beide am Meer: der frühe Tag mit warmen Rottönen am Himmel und einer kräftigen Sonne, die frühe Nacht mit verblassendem Himmel und leuchtendem Wasser.
Johanna Schaible: „Guten Morgen - Gute Nacht“.Hanser VerlagDann aber wenden sie sich verschiedenen Schauplätzen zu: Der Tag zeigt zwei Geschwister, in Schlafanzügen stehen sie auf dem Balkon und beobachten die Farben des Morgens, im Wohnzimmer liegen noch Buntstifte und Papier. Im weiteren Verlauf des Tages eilen Schulkinder durch hohes Gras, denn vorn kommt schon der Bus, schieben sich Menschenmengen durch eine hektische Stadt, steht eine Frau umgeben von Freundinnen auf einer Skipiste und verbirgt das Gesicht in ihren Händen. „Es gibt Tage, an denen tut uns die Sonne gut“, steht unter dem hellen Schnee.
Aber es gibt auch die anderen Tage. Die Finsteren. Schwerer Rauch dunkelt den Himmel ab und umhüllt Wohnhäuser, deren Fenster ausgebrannt scheinen. Vor ihnen liegt Schutt. Ein paar Menschen stehen mit Taschen davor, blicken auf das, was der Krieg anrichtet. „Tage, die dunkler sind als die Nacht“, schreibt Schaible darunter.
Die Gewissheit, dass die Sonne den Mond ablösen wird
Immer wieder deutet sie Lebensgeschichten und Lebenswege an. Wie große Zahnräder bilden sie sich aus den kleinen, unermüdlichen Rädern der Nacht und des Tages heraus. Schaible lässt ihre Gleichförmigkeiten gegeneinander laufen. So schickt sie ihre Leser in der Nacht auf Ausflüge in Traumwelten, in denen Eisbären in aller Seelenruhe durch das ewige Eis ziehen, und unter Polarlichtern und dem Mond überhaupt gar keine Zeit existieren zu scheint. Das kontrastiert sie mit Alltäglichem, etwa den grellen Flutlichtern einer Baustelle, die daran erinnern, dass viele Menschen auch nachts arbeiten müssen.
Dabei gelingt es der Illustratorin, nicht einfach Schlaglichter auf verschiedene Schauplätze zu werfen, sondern die eigenartige Gleichzeitigkeit vieler verschiedener Leben von Menschen (und Tieren!) zu zeigen. Es ist weniger der Erkenntnisgewinn als eine Erinnerung, die ihr Buch mit besonderem Nachdruck weckt: Wie schön, dass ein aufsteigender Mond für den einen bedeutet, mit der großen Schwester unter die Stehlampe zu kriechen und Bauklötze aufeinanderzustapeln, während es für die andere das Signal ist, in die helle Stadt loszuziehen. Was sie eint, ist die Gewissheit, dass der Mond in ein paar Stunden wieder von der Sonne abgelöst wird.
Die Ruhe, die diese unerschütterliche Routine ausstrahlt, verstärkt Schaible noch durch die warmen Farben ihrer Bilder. Neigt sich die Nacht dem Ende zu, beginnt ein neuer Tag, das Buch wird umgedreht, die Geschichte beginnt von vorn. Und doch: Im immer gleichen Takt, in dem die Zahnräder von Tag und Nacht eng verhakt rotieren, gibt es doch ungeheuer viel Platz für all die verschlängelten, verstreuten Leben. Und obwohl sie in Tagen und Nächten passieren, drehen sie sich zuweilen viel langsamer und manchmal viel schneller, denken in anderen Konstanten – und erfinden ihre eigenen Zeiten.
Johanna Schaible: „Guten Morgen – Gute Nacht“. Hanser Verlag, München 2026. 56 S., geb., 22,– €. Ab 4 J.

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