Benjamin Henrichs wird 80: Der treueste Theaterzeuge

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Es ging ihm immer ins Auge. Alle Szenen, alle Auftritte, jede Pausenankündigung, wenn langsam das Saallicht wieder angeht, jeder Schlussapplaus, wenn die Nebendarstellerin zur Seite gedrängt wird – immer nahmen die Augen von Benjamin Henrichs das Geschehene auf und wahr. Immer versuchten sie alle Details von dem zu fassen, was eine Truppe da erfunden und vorgeführt hatte: Ein Theaterabend war für den Theaterkritiker Benjamin Henrichs stets eine ehrenhafte Zeugensache. Sein Ehrgeiz bestand darin, genau und wahrheitsgemäß davon zu berichten. Anders als andere, die das Geschaute schnell weiter Richtung Großhirn oder Herzklappe schickten und dort zu theoretischen Ableitungen oder emotionalen Selbstbeschreibungen umarbeiteten, war Henrichs leidenschaftlich um die bühnennahe Beschreibung des Gesehenen bemüht.

Gegen die Konzeptionswut

Dafür brauchten seine Augen aber auch etwas zum Sehen. Nichts war ihm furchtbarer als ein Theater, „bei dem die Augen des Zuschauers arbeitslos werden“, so sein dystopischer Ausruf in einer Anklageschrift gegen den „Stilisierungskrampf junger deutscher Regisseure“, die im Oktober 1973 in der „Zeit“ erschien. Zu diesen zählte er damals interessanterweise Regisseure wie Claus Peymann, Hans Neuenfels oder Jürgen Flimm. Sie alle, ätzte er, gerieten offenbar schon in Panik, „wenn ihnen nicht spätestens beim zweiten Durchlesen des Stückes der eine entscheidende Einfall gelingt“.

Gegen die Konzeptionswut und Ideensucht einer Regie ohne Geduld und Nachhallverstehen setzte Henrichs die Tugenden der poetischen Langmut und szenischen Intelligenz. Ihm waren Theatermomente immer dann wertvoll, wenn „die Augen sich zurechtfinden können“ (1977 in einer Kritik eines Schaubühnen-Shakespeare), wenn „mit ernstem Übermut in Einzelheiten erzählt wird“ (1976 in einer Kritik zu Zadeks legendärem „Othello“), wenn sich aus dem ungeordneten Reichtum einer Aufführung „so etwas wie ein gemeinsames Thema ergibt“ (1977 in einem Text zu Luc Bondys „Gespenster“-Inszenierung).

Sein Vater war Intendant des Münchner Residenztheaters

Benjamin Henrichs, 1946 in Stuttgart geboren, wuchs in München auf, während sein Vater Helmut Henrichs das Residenztheater leitete. Der empfahl ihn Ende der Siebzigerjahre auch Joachim Kaiser an, dem Theaterkönig der „Süddeutschen Zeitung“, der ihm zunächst nur Boulevardkomödien zur Rezension anvertraute, bald aber vom Talent des jungen Kritikers überzeugt war. Auch andere waren das, und so wechselte der siebenundzwanzigjährige Henrichs 1973 in die Redaktion der „Zeit“, wo er fortan mehr als zwei Jahrzehnte lang die meist ganzseitig aufgemachte Berichterstattung über das Theatergeschehen verantwortete. Als Ende der Neunzigerjahre dann der Wind in der Redaktion drehte, die weniger kunstsinnigen Stimmen mehr Einfluss erhielten, kehrte Henrichs wieder zur „Süddeutschen“ zurück. Vom Theater wandte er sich dabei ganz und gar ab und schrieb fortan melancholische Streiflichter über die Zeit, den Fußball und das Leben.

Wenn wir aus Anlass seines achtzigsten Geburtstags an Benjamin Henrichs denken, dann denken wir an einen in seinen Grundfesten überzeugten Theatergeist, der im hellen Ton der aufgeklärten Erfahrung über die darstellende Kunst in diesem Land geschrieben und sie ein wichtiges Stück ihres Weges begleitet hat. Der Theaterkritiker Henrichs, der sich selbst jede Verzückung verbot, schrieb seine Texte stets so, dass sie dem aufregenden Vorfall, den das Theater bedeutet, gerecht wurden. Er war vielleicht sein treuester, sein konstruktivster Zeuge. Seit er schweigt, ist es den gewissenlosen Destrukteuren mehr oder weniger hilflos ausgeliefert.

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