Altkanzlerin beim Matthiae-Mahl in Hamburg: Merkel: „Europa muss sein Schicksal mehr denn je in die eigene Hand nehmen“

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Für dieses Abendessen haben zwei Menschen eine ganze Arbeitswoche lang das Silber des Hamburger Senats poliert, insgesamt 3400 Teile. Es glänzt nun im Licht der Kronleuchter als Besteck, Leuchter und Aufsatz auf den Festtafeln, die Tische sind mit 140 Kilo Tischdecken und Servietten sowie 3000 Porzellanteilen und 3425 Gläsern eingedeckt. Dazwischen liegen aufwendige Blumenarrangements mit Zitronen, die Gäste tragen Abendrobe, ein Streichorchester spielt die Europahymne. Willkommen beim ältesten noch gefeierten Festmahl der Welt, dem Matthiae-Mahl im Hamburger Rathaus. Mehr als 200 000 Euro kostet dieser Abend die Stadt Hamburg, ein Großteil entfällt auf die Personalkosten für 80 Kellnerinnen und Kellner sowie 20 Köche und elf Reinigungskräfte.

Seit 1356 lädt die Hansestadt im Februar „wohlgesonnene Mächte“ in den Großen Festsaal im Rathaus ein. Oder, wie Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) sagte: „Freunde und Partner.“ Damals im Spätmittelalter eröffnete das Mahl den Beginn des Geschäftsjahres, heute kommen zu diesem Abend etwa 400 Menschen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur zusammen, um Kontakte zu pflegen, aber auch, um spektakulär zu dinieren.

Der Ehrengast in diesem Jahr kennt die Location gut, es ist ihr dritter Besuch bei diesem prunkvollen Dinner in ihrer Geburtsstadt. Routiniert nickt Angela Merkel freundlich in alle Richtungen in die Kameras, ist nach ihrer Ankunft sofort das Zentrum der Aufmerksamkeit. Seit vier Jahren ist die 71-Jährige nicht mehr Kanzlerin, doch ihre Popularität ist ungebrochen. Am Mittwochabend hielt sie die Fastenpredigt in der traditionsreichen Abteikirche Maria Laach bei Koblenz, blickte selbstkritisch auf ihre Klimapolitik zurück („Es war nicht genug“), am Freitagabend ist sie Ehrengast in Hamburg. Der Abend steht unter der Überschrift: „Souveränität Europas in der geopolitischen Zeitenwende“. Zweiter Ehrengast neben der CDU-Politikerin ist EU-Ratspräsident Antonio Costa aus Portugal, die beiden begrüßen sich mit Wangenküssen.

Das Matthiae-Mahl im Großen Festsaal des Hamburger Rathauses ist das älteste noch regelmäßig gefeierte Festmahl der Welt.
Das Matthiae-Mahl im Großen Festsaal des Hamburger Rathauses ist das älteste noch regelmäßig gefeierte Festmahl der Welt. Fabian Bimmer/REUTERS

Die Altkanzlerin trägt einen dunkelblauen schimmernden Hosenanzug mit glänzenden Satinkanten, eine schmale Perlenkette, der Henkel ihrer praktischen Lederhandtasche hängt verdreht über ihrer Schulter. Bekannt ist, dass die Kanzlerin am liebsten Kartoffelsuppe isst. Angela Merkel war Prunk und Pomp nie wichtig, aber sie beherrscht den großen Auftritt wie keine andere deutsche Politikerin.

Ihre Rede zwischen Vorspeise und Hauptgang dauert 17 Minuten und wird ein so leidenschaftlicher wie kämpferischer Appell an alle Länder Europas angesichts der andauernden Kriege und Krisen zusammenzustehen und für mehr europäische Mitsprache beim Ukraine-Konflikt. „Europa muss sein Schicksal mehr denn je in die eigene Hand nehmen“, forderte Merkel. Damit es mit einer Stimme in der Welt „wahr- und ernstgenommen werde“, müsse Europa nach innen und außen handlungsfähig sein. Sie wünsche sich ein starkes und sicheres Europa, das nach außen geschlossen auftritt, ein Europa, das seine Bürger schützt, so Merkel.

Es gehe ihr nicht nur um den Sicherheitsaspekt, sondern um das Eintreten für Demokratie, Rechtsstaat, Menschenwürde, Wohlstand, Arbeitsplätze, den Schutz der Außengrenzen, der kulturellen Identität und der gemeinsamen Schöpfung. Unabhängigkeit müsse die EU auch dringend im digitalen Bereich erreichen. Das gelte sowohl für Soft- als auch Hardware, so Merkel. Die EU müsse US-Tech-Konzerne regulieren, trotz Kritik der amerikanischen Regierung: „Neue technische Möglichkeiten wie die sogenannten sozialen Medien sowie die Entwicklung im Bereich der KI führen dazu, dass Wahrheiten Lügen und Lügen Wahrheiten genannt werden können.“

Auch ein Seitenhieb in Richtung Tschentscher? Der SPD-Politiker treibt die Einführung von Microsoft 365 in der öffentlichen Verwaltung in Hamburg voran. In seiner Rede hatte Tschentscher zuvor die wirtschaftlichen Folgen der US-Zollpolitik von Donald Trump kritisiert. Tschentscher sagte, Hamburg liebe die Freihandelsabkommen der EU und internationalen Handel.

„Wir haben lange den Frieden in Europa nicht hinterfragt“, sagte Merkel, „jetzt wurde die europäische Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg erschüttert“. Der russische Angriffskrieg in der Ukraine erfordere, dass Europa noch enger zusammenstehe. Auch weil in der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump amerikanische Interessen im Vordergrund stünden und „immer mehr das Recht des Stärkeren, statt die Stärke des Rechts gilt“.

Sie sei, so Merkel, schon 2021 der Meinung gewesen, dass man Treffen mit Russlands Präsident Wladimir Putin nicht allein den USA überlassen sollte; damals hatte sich Joe Biden mit Putin getroffen. Sie wünsche sich daher, dass die Europäische Union sowohl als militärischer Unterstützer der Ukraine auftritt, aber sich auch diplomatisch für eine Beendigung des Krieges einsetzt. Nur mit „militärischer und diplomatischer Stärke werden wir das erreichen, was wir wollen, dass Russland den Krieg nicht gewinnt und somit als die Ukraine als souveräner Staat in Frieden und Freiheit eine Zukunft hat.“

Die Unabhängigkeit und Stärke der EU könne allerdings nur dann erreicht werden, wenn ausreichend Geld da sei, betonte Merkel. Beispielhaft lobte die Altkanzlerin deshalb das jüngste Handelsabkommen mit den Mercosur-Staaten und das historische Freihandelsabkommen mit Indien, die Verhandlungen hatten mehr als 18 Jahre gedauert. Sie möchte allerdings gerade in diesen Zeiten „ausdrücklich Mut machen und zur Zuversicht aufrufen“, sagte Merkel abschließend.

EU-Ratspräsident Antonio Costa lobte im Anschluss die EU-Solidarität nach dem Drohnenangriff auf Zypern, warnte aber vor den Folgen einer weiteren Eskalation im Nahen Osten. In diesen Zeiten seien Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde wichtiger denn je. „Die Alternative sind Chaos und Gewalt“, warnte Costa und benannte Menschenrechtsverletzungen in Iran, Afghanistan und dem Sudan. Verstöße gegen das Völkerrecht könne man nicht hinnehmen, „weder in der Ukraine, Grönland, Lateinamerika, Afrika noch im Gazastreifen“.

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