Dreiländereck am Landwehrkanal: „Es ist ein Ort, an dem einmal das Böse besiegt wurde“

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Was könnte aus Sicht des Umweltingenieurs und Gewässerexperten konkret am Zusammenfluss von Landwehrkanal und Neuköllner Schifffahrtskanal, also im Gebiet um die Lohmühlenbrücke, zur Verbesserung der Wasser- und der Aufenthaltsqualität getan werden?
Die Gegend kenne ich ganz gut, weil ich lange in der Sorauer Straße gewohnt und nun seit Jahrzehnten mein Büro in der Arena an der Spree habe. Ich erinnere mich noch an das große Stahltor und den Wachturm auf der Görlitzer Brücke, durch das von Zeit zu Zeit die mit Sand beladenen Züge aus dem Osten kamen und für uns Westler riesige Dünen aufgekippt haben, zwischen denen wir dann Fahrradrennen gefahren sind, bevor der merkwürdige Park gebaut wurde.

Oder die Schlesische Straße vor der Maueröffnung, auf der zwischen dem Schlesischen Tor und der Mauer gerade einmal eine Hand voll Autos geparkt haben, fast alle Geschäfte geschlossen waren und der Wind nachts leere Coladosen über die Straße getrieben hat.

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© Nils Kloepfel

Zurück in die Gegenwart: Großartig finde ich den neuen Weg, der sich vom Flutgraben entlang des Kanals bis zum Lohmühlendreieck zieht. Und so nebenbei bemerkt: Für solche Orte verdienen die Behörden Anerkennung. Berlin hat gerade im Bereich solcher neuen Park-und Wegeflächen in den vergangenen Jahrzehnten großartiges geleistet (siehe auch das Südgelände oder den Park am Nordbahnhof).

Kaum im Lohmühlendreieck angekommen, bin ich schon wieder weg: Der Neuköllner Schifffahrtskanal und der Landwehrkanal könnten zusammen eine der schönsten Achsen der Stadt bilden. Die Gesamtstrecke habe ich mehrmals abgelaufen, bin aber frustriert darüber, wie wenig daraus gemacht wird. Gerade in Kreuzberg – wo ja Menschen wohnen , die ständig die Welt verbessern wollen – ist der Kanal völlig verdreckt. Die meisten Leute scheint es auch nicht zu stören, wenn überall Müll liegt, die schönen Sandsteinuferwände voller Graffiti sind und auf dem Kanal die Fäkalien schwimmen. Ich habe übrigens mal ausgerechnet, dass die Berliner Wasserbetriebe im Jahr soviel ungeklärtes Abwasser in den Landwehrkanal einleiten, dass man diesen auf seiner Gesamtlänge damit zweimal komplett füllen könnte: mehr als eine Million Kubikmeter. Ähnlich ist die Situation am Neuköllner Schifffahrtskanal.

Also: Auch wenn es ökologisch erstmal ein wenig schmerzt, weil sich ja in den Ritzen doch einiges angesiedelt hat: Ich würde es gut finden, wenn die historischen Ufermauern der Kanäle gereinigt würden, weil es wunderbar helle Streifen wären, Bilderrahmen für das Wasser. Mit der Wasserqualität ist es schwieriger, aber ich denke, die Einleitungen könnten innerhalb von 3-5 Jahren massiv reduziert werden, wenn mal ein Senator/eine Senatorin die denkfaulen Wasserbetriebe auf Trab bringen würde. Geld wäre ja da, immerhin machen die pro Jahr 250 Mio. Euro Gewinn. Ich halte mich aus diesen Diskussionen aber raus, der Kontakt zu den BWB tut nicht gut.

Zurück zum Lohmühlendreieck: An der Lohmühlenbrücke ist ja jetzt als Ende des neuen Weges ein kleiner Platz entstanden, den ich gelungen finde und der immer voller Menschen ist. Aus landschaftsarchitektonischer Sicht könnte ich mir noch vorstellen, in der Wasserfläche eine Insellandschaft zu installieren, kleine Inseln mit Bäumen, Binsen, Schwertlilien und Schilf. Etwa so in dieser Richtung.

Das wäre auch ökologisch sinnvoll. Solche Inseln habe eine enorme Verdunstungsleistung, würden damit die Umgebung kühlen, dienen dem Artenschutz und reinigen das Wasser. Und vielleicht ein paar Fontänen. Ein bisschen Verschwendung.

Ich will mich aber mit Vorschlägen zurückhalten und mich nicht wichtig machen. In Berlin wird zuviel gequatscht und zu wenig gemacht. Ich für mich möchte da nicht dabei sein, musste aber ein bisschen ausholen, weil ich ja deshalb auch angefragt wurde.

Was könnte aus Sicht des DDR-Widerständlers und Betroffenen des SED-Regimes an diesem Ort mit Blick auf Erinnerung, Gedenken und geschichtliche Teilhabe noch besser gemacht werden?
Zum Thema Ort der Erinnerung: Wenn ich die vielen Leute dort auf dem Platz an der Brücke sehe, erfüllt es mich mit Genugtuung, dass die DDR keine Rolle mehr spielt (obwohl ich mich sehr für die Aufarbeitung der Zeit einsetze).

Dieser Staat, der angeblich soviel wollte und doch so wenig war, soviel Unglück gebracht hat, ist für die meisten Menschen dort und jetzt unwichtig. Das ist vielleicht eine der besten Strafen, die das Regime und seine Unterstützer:Innen erhalten konnten. Es und seine Institutionen sind nicht mehr so relevant. In den Häusern entlang des neuen Weges wohnen sicherlich noch einige SED-Funktionäre (normale DDR-Bürger haben ja in Grenznähe keine Wohnungen bekommen), die ihr gescheitertes Weltbild in Form von turtelnden Pärchen auf dem ehem. Grenzstreifen vorbeilaufen sehen müssen.

Es ist ein Ort, an dem einmal das Böse besiegt wurde. Das „normale“ Leben ist eingezogen. Klar haben wir jetzt wieder andere Probleme, aber diese wurden erstmal gelöst.

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