„Absolute Vorfahrt für Erneuerbare“ : Carsten Schneider erteilt Atomdebatte eine Absage

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Klima- und Umweltminister Carsten Schneider (SPD) hat Debatten über eine Renaissance der Atomkraft in Deutschland eine Absage erteilt. Im Gegensatz dazu rief Schneider, dessen Ministerium auch für nukleare Sicherheit zuständig ist, „absolute Vorfahrt für erneuerbare Energien“ aus. Auf der Konferenz „EUROPE 2026“, einer gemeinsamen Initiative von DIE ZEIT, Handelsblatt, Tagesspiegel und WirtschaftsWoche bekam Schneider am Mittwoch in Berlin dafür hörbar Applaus.

Tatsächlich sei „weltweit“, so Schneider, „mit Blick auf echte Zubauzahlen kein Comeback der Kernenergie“ zu erkennen. Zwar seien manche Länder „echt stark in Ankündigungen“. Faktisch würden aber vor allem wie aktuell in den USA „Laufzeiten bereits veralteter Kernkraftwerke weiter verlängert“.

Im Gespräch mit der stellvertretenden Tagesspiegel-Chefredakteurin Anke Myrrhe hob der Klimaschutzminister den massiven Ausbau der erneuerbaren Energien hervor. Dieser mache inzwischen global mehr als 90 Prozent des gesamten Stromausbaus aus, Solar- und Windkraft seien zudem im Bau sehr viel günstiger und schneller als Atomanlagen.

Angesichts der angespannten geopolitischen Lage und der seit Beginn des Iran-Krieges für Öl- und Gastanker gesperrten Straße von Hormuz betonte Schneider einen weiteren Vorteil von erneuerbaren Energien: „Sie sichern unsere Unabhängigkeit und machen uns nicht erpressbar.“ Dagegen seien 80 Milliarden Euro, die Deutschland jedes Jahr für fossile Energien bezahle, „einfach verloren“.

„In Deutschland entscheidet sich, ob in den entwickelten westlichen Volkswirtschaften Klimaschutz ganz oben auf der Agenda bleibt.“

Carsten Schneider, Klimaschutzminister

Auf den Verweis von Anke Myrrhe, viele Menschen würden heute auch aufgrund der klimafeindlichen Politik der US-Regierung zweifeln, was Klimaschutz in Deutschland global bewirken könne, sagte Schneider: „In Deutschland entscheidet sich, ob in den entwickelten westlichen Volkswirtschaften Klimaschutz ganz oben auf der Agenda bleibt.“

Deutschland habe vor knapp 30 Jahren mit der Energiewende „Pionierarbeit geleistet“. Der heute so hohe Ausbau an Erneuerbaren weltweit sei nur deshalb möglich geworden. „Es macht viel aus, wie Deutschland sich aufstellt“, so der Minister.

Er teile zudem nicht den Eindruck, dass das Interesse an Nachhaltigkeit verloren gegangen sei: „Neun von zehn Menschen bei uns halten Klimaschutz für wichtig“, so Schneider. Die allermeisten wollten doch, „dass die Spree sauber ist und auch weiter durch den Spreewald fließt“. Dafür sei Klimaschutz die Bedingung.

 Jens Büttner/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Windkraftanlagen drehen sich hinter einem blühenden Rapsfeld in einem Windpark in Mecklenburg-Vorpommern.

© dpa/Jens Büttner

In dem Zusammenhang geht der Minister auch gegen ein oft wiederholtes Vorurteil an und betont: „Klimaschutz, Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit sind keine Gegensätze, sondern gehören zusammen.“ Zu sehen sei das unter anderem an den massiven chinesischen Investitionen in grüne Energien und Technologien.

In Deutschland wiederum sei die Clean-Tech-Branche seit 2010 mit jährlich rund fünf Prozent deutlich stärker gewachsen als klassische Industriezweige. Zudem würden in den Bereichen Erneuerbare, Kreislauf- und Wasserwirtschaft mit rund 3,4 Millionen Menschen dreimal so viele Beschäftigte arbeiten wie in der Autoindustrie.

Generell gibt sich der Minister sehr optimistisch, was den weiteren Klimaschutz in der EU und hierzulande betrifft. Im Blick auf das Klimaschutzprogramm, das sein Ressort in der kommenden Woche vorstellen wird, besteht er trotz vielfach geäußerter Zweifel darauf: „Wir werden die Klimaziele erreichen.“ Zum Emissionshandel sagt er, der bleibe „zentral“, auch wenn auf europäischer Ebene erst Ende vergangenen Jahres eine größere Verzögerung beschlossen worden ist.

Allerdings räumt Schneider ein, dass Umwelt- und Klimaschutzpolitik derzeit stark polarisieren würde, „befeuert“ von „russischen Bots und Rechtsextremen“. Warum das so ist? Eine Ursache für die „Reaktanz gegen staatliche Maßnahmen“ sieht Schneider in den Einschränkungen noch aus der Corona-Zeit und als Reaktion darauf. Das „erschwere die Durchsetzung von Politiken“, Ordnungsrecht sei „etwas in Verruf geraten“.

Sein Ziel sei es, Klimaschutz „aus dieser Polarisierung herauszubekommen“, damit er vielmehr als „verbindendes Element in der Gesellschaft wirken kann“. Dafür gibt es dann wieder Applaus.

Transparenzhinweis: Die EUROPE 2026 wird unterstützt von verschiedenen Sponsoren und Partnern.

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