Rea Garvey improvisiert. Statt seinen Song „Halo“ zu präsentieren, wie es das Script des „Popstars auf Weltreise“-Format „Song Trip“ vorsieht, stellt er sich auf die Bühne und singt außerplanmäßig (oder als außerplanmäßig inszeniert) einen gälischen Folksong. Denn ein Gefühl des Respekts hat ihn übermannt. Wie in den meisten dieser traditionellen irischen Lieder geht es auch in „The Parting Glass“ um Abschied und eine ungewisse Zukunft, um Selbstvergewisserung als Teil der Gemeinschaft, die man aus wirtschaftlicher Not zurücklassen muss. Exil, verlorene Liebe, Trauer, das letzte Glas mit Freunden.
Bei Rea Garveys A-cappella-Gesang lässt sich für einen Moment glauben, was der Deutschen liebster Ire noch so erzählen wird in dieser Folge der ZDF-Reisereportage, die ihn ins Land der Sami-Bevölkerung, genannt Sápmi, führt (Lappland wird als erniedrigende Bezeichnung angesehen). Dass für ihn Musik „Ursprache“ sei, also Sprache vor der Sprachverwirrung und des Auseinanderdriftens der Gemeinschaften, wie sie in abendländischer Kultur durch das Bild des Turmbaus zu Babel anschaulich wird. Mit der Zerstörung Babels zerfällt die einheitliche Sprache in Einzelsprachen, sie verliert die Vollständigkeit ihres Selbstausdrucks und ihre Selbstgenügsamkeit und wird Mittel zum Zweck selten gelingender Verständigung. Eingeschrieben, so heißt es, ist ihr nun die unerfüllte Suche nach der Aufhebung ihrer Urtrennung in den Künsten.
Ehrfurcht ist allerdings in diesem Format nicht länger vorgesehen
„I don’t speak Sami, but I do speak music“, sagt Rea Garvey, nachdem er den von der Künstlerin Hildá Länsman modern interpretierten traditionellen Kehlkopfgesang, den Joik, gehört hat, „Teil sein“ und keinen „Wettbewerb starten“. Er spricht mit großer Ehrfurcht von einer „Aura“ der Sängerin, gespielt wird eine Bodhrán, die keltische Rahmentrommel, eine Art Urinstrument.
Überehrfurcht ist allerdings in diesem Format nicht länger vorgesehen, und auch keine dauerhafte Abweichung vom immergleichen Plan. Also wird über Garveys bewegenden irischen Gesang aus dem Off hinweggelabert, folglich muss er zum Eisfischen mit einer „local guide“ und bei Hildás Mutter Waffeln backen, aus Rentierhufen ein kreatives Rhythmusinstrument herstellen und zuletzt ein Rentierrennen auf einem zugefrorenen See bestaunen. So etwas denken sich Unterhaltungsredaktionen aus. Der kurze magische Moment vor Publikum, lauter samischen Musikern, darf nicht von Dauer sein.

Wie es das Format will, muss ja eine neue, eine „Culture Clash“- oder „Culture Enrichment“-Version von „Halo“ erstellt werden, einem eher banalen Liedchen, in dem es um Pubertätsprobleme geht. Wäre dies eine vernünftige Dokumentation, dann hätten sich die Beteiligten leiten lassen und, wie im Dokumentarischen üblich, den Plan als unbrauchbar über Bord geworfen. So aber bleibt es bei der Arbeit im Studio, mehr Postkarteneinstellungen und beim Finale, der Aufführung des traditionell samisch beeinflussten Remixes des Popsongs „Halo“. In diesem Fall durch sichtbar frierende Künstler in der Eiseskälte eines heiligen Bergs, was höchstens aus Drohnenaufnahmengesichtspunkten sinnvoll scheint.
Schade. Die von uns imaginierte schönere Alternativsendung, eine, in der Rea Garvey und Hildá Länsman, zusätzlich mit Pennyflöte, Fiddle und Unterstützung des irischen Barden Christy Moore, aus musikalischen Traditionen Neues geschaffen hätten, sie wäre aufregender gewesen. Aber sie gibt es halt nicht.
Das Prinzip nennt sich „Party Watching“ und ist so öde wie dröge
Stattdessen gibt es bei „Song Trip“ zu allem Überfluss noch eine Rahmenhandlung, in der eventuelle kreative Begeisterung restlos zerquatscht wird. Das Prinzip nennt sich „Party Watching“ und ist so öde wie dröge. Vier Reportagen umfasst diese, die zweite Staffel von „Song Trip“. Sie erzählen von vier Weltreisen im Auftrag der Verständigung durch Musik beziehungsweise durch „Popstars“ als Vermittler fürs Publikum.
Entsprechend sitzen auf in U-Form aufgestellten Wohnzimmersofas die vier Künstler samt steriler Topfpflanzen im Studio und sehen, so sagen sie, zum allerersten Mal ihren fertigen Reisefilm und reagieren „spontan“ durch Ausrufe wie „Süß“ oder „Wow“. Harmonie ist Trumpf, auch wenn Popsänger Nico Santos Yvonne Catterfeld beneidet und wohl findet, er habe mit Vietnam (und seinem Lied „Play with Fire“) nicht gerade das große Los gezogen.
Peter Maffay entzieht sich jedem Exotismus- und „Othering“-Verdacht, indem er einfach mit Familie nach Nashville gereist ist wie öfters schon und mit Bluesrockmusikern spielt, die er ohnehin länger kennt. „Sonne in der Nacht“ allerdings scheint die Besucher von „Layla’s Honky Tonk“-Musikclub nicht so recht mitzureißen, auch wenn Maffays „partner in crime“ David Graham eine lokale Countryrock-Größe ist.
Das Konzept des gegenseitigen musikalischen Funkenschlagens geht am besten auf bei Yvonne Catterfeld auf den kapverdischen Inseln. Nicht mal das Voiceover aus der ZDF-Tourismusabteilung, auch nicht das Gequatsche im Studio können verhindern, dass die musikalische Verbindung der Sängerin Fattú Djakité und ihres Partners DIEG mit Catterfeld vor Coolness und Lebensfreude sprüht.
Letzten Endes aber ist „Song Trip“ Formatfernsehen zur Unterhaltung von Zuschauern, die die Popcharts verfolgen. Eine Reisereportage mit ungefährlicher Kulturvermittlungsnachhilfe. Möglicherweise auftauchende Fragen kultureller Aneignung werden zumeist durch überschwängliche Gefühlsäußerungsbekundungen der vier heimischen Stars ersetzt. Wo so viel und so ausdauernd von Zusammengehörigkeitsgefühl die Rede ist, nimmt die Sentenz „Bilde Künstler, rede nicht“ automatisch eine nachgeordnete Position ein.
Die zweite Staffel von „Song Trip“ ist im ZDF-Streaming-Portal zu sehen und in Einzelfolgen jeweils freitags um 23.30 Uhr von 17.7. an im ZDF.

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