Zeitungssterben in England: Mediale Wüsten im Königreich

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Wie passt das zusammen? Der neue britische Premierminister Andy Burnham will das bislang hochgradig zentralisierte Königreich dezentralisieren. Lokale Bürgermeister und Stadträte sollen mehr Kompetenzen und Steuermittel erhalten. Aber politische Macht braucht Kontrolle – und Transparenz. In Teilen Englands mangelt es daran. Es fehlen lokale Medien, die überhaupt noch über die Politik in den Gemeinden berichten.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten mussten 300 Zeitungen schließen, hat die Fachzeitschrift „Press Gazette“ gezählt. „Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Die verbliebenen Regional- und Lokalzeitungen beschäftigen heute nur noch ein Viertel so viele Mitarbeiter wie vor zwanzig Jahren“, sagt Dominic Ponsford, der Chefredakteur des Medienmagazins. Insgesamt beobachtet er einen „katastrophalen Niedergang“ der Branche: Die Printauflagen sind abgestürzt, und vielen gelang es nicht, ein tragfähiges Onlinegeschäftsmodell aufzubauen. Anzeigenerlöse fließen heute vor allem an die digitalen Plattformgiganten wie Google oder Meta.

„Millionen Menschen leben in Nachrichtenwüsten“

Laura Davison, die Generalsekretärin des Journalistenverbands NUJ, warnt vor den Folgen für die Demokratie: Vertrauenswürdige lokale Nachrichten seien dafür unerlässlich. „Allerdings leben mittlerweile Millionen Menschen in Großbritannien in Nachrichtenwüsten“, klagt sie.

Der Verlegerverband News Media Association (NMA) verweist darauf, dass immer noch 42 Millionen Briten zumindest gelegentlich Regional- und Lokalmedien konsumieren. Die Erzählung vom Niedergang hört der Verband nicht gern, doch in einem Punkt stimmt Geschäftsführer Theo Bamber zu: „Was die Regierung mit der Dezentralisierung von politischer Macht bezweckt, muss echter Kontrolle unterliegen. Die Dezentralisierung wird eine komplette Illusion sein, und die Macht, die sie angeblich den Bürgern zurückgibt, wird eine Illusion bleiben, wenn es keine angemessene mediale Kontrolle gibt.“ Dafür seien Medien unentbehrlich, die vor Ort recherchieren.

In jedem zehnten Bezirk keine lokale Zeitung mehr

Dass Teile des Landes inzwischen „Nachrichtenwüsten“ ohne lokale Medien geworden sind, schreibt die Regierung selbst. Sie stützt sich auf eine Studie der Public Interest News Foundation von 2025. Laut dieser soll es schon 37 Bezirke geben, die von keiner örtlichen Zeitung direkt mehr abgedeckt werden. Das ist etwa ein Zehntel aller Verwaltungsbezirke Großbritanniens. Etwa 4,4 Millionen Menschen leben dort. Als Nachrichtenwüsten erscheinen auf der Karte vor allem ländliche Gegenden in Nordengland, in den Midlands oder in Südwales.

„Press Gazette“-Chefredakteur Ponsford zweifelt zwar teilweise an der Methodik der Studie. „Aber natürlich gibt es echte Medienwüsten in unserem Land, die Berichterstattung in vielen Regionen ist sehr dünn geworden.“ Und nicht nur in ärmeren Provinzregionen ist das so. Auch in London tun sich Lokalzeitungen extrem schwer. Jüngst musste die „South London Press“ nach 160 Jahren schließen. In vielen Stadtteilen der Neun-Millionen-Metropole verfolgt überhaupt kein Journalist mehr, was in Gemeinderatssitzungen diskutiert und beschlossen wird. Besonders auffällig ist indes das Zeitungssterben in der Provinz.

Die drei größten Verlage für Regionalmedien bauen stetig Personal ab. Reach, Newsquest und National World Publishing beschäftigten vor zwanzig Jahren mehr als 9000 Mitarbeiter, heute sind es weniger als 3000. Reach gehören nationale Titel wie die eher linke Boulevardzeitung „Mirror“ und der rechte „Express“ sowie ein bunter Strauß von 120 Regionalmedien. Viele davon verkümmern. Im ersten Halbjahr fielen die Umsätze der Gruppe um gut neun Prozent auf nur noch 233 Millionen Pfund. Unter dem Druck sinkender Einnahmen jagt eine Entlassungswelle die nächste.

Triste Blätter, sinkende Auflagen

Und die journalistische Qualität der Portale lässt viel zu wünschen übrig. Auf „Birmingham Live“, dem Onlineportal der „Birmingham Mail“, findet sich ein trister Mix von Meldungen über Verbrechen und Verkehrstote. Jenseits von Mord, Totschlag, Einbrüchen, Drogengangstern, Autounfällen und Celebrity-Klatsch erfährt der Leser fast nichts über lokale, nationale oder gar internationale Politik. Die gedruckte „Birmingham Mail“, gegründet 1870, ist heute ebenso trist: eine dünne, hastig zusammengeschusterte Zeitung. Ihre zertifizierte Auflage fiel zuletzt auf nur 2539 Exemplare – und das in der zweitgrößten britischen Stadt mit 1,2 Millionen Einwohnern.

Auch andere gedruckte Lokalzeitungen von Reach haben die Schwindsucht. Von einst sechsstelligen Auflagenzahlen sind sie ins Bodenlose gefallen: Das „Liverpool Echo“ druckt nur noch 6718 Exemplare, die „Manchester Evening News“ 4135. Der „Scotsman“ in Edinburgh sank voriges Jahr auf 6242 Exemplare, dann stoppte der Verlag National World die Meldung an das Audit Bureau of Circulations (ABC), das die verkaufte und die verbreitete Auflagen von Presseprodukten misst. Es erscheint zweifelhaft, ob sich Zeitungen mit so minimaler Printauflage noch lange rentieren. Vermutlich werden all diese gedruckten Titel bald eingestellt. Übrig bleiben Onlineportale.

Besonders schmerzhaft für die Verlage ist der Verlust an Anzeigengeschäft. „Vor zwanzig Jahren hatten die britischen Zeitungen und Magazine etwa sieben Milliarden Pfund Erlöse mit Werbeanzeigen jährlich, jetzt sind es 1,5 Milliarden Pfund“, sagt der „Press Gazette“-Chefredakteur Ponsford. Die Regionalzeitungen verloren mehr als 80 Prozent ihrer Anzeigeneinnahmen; nur wenige Hundert Millionen Pfund blieben übrig. Das große Geschäft mit Werbeanzeigen machen die Plattformgiganten, allen voran Google und Meta, die auch in Großbritannien mächtig absahnen. Allein Google kommt auf der Insel geschätzt auf mehr als 20 Milliarden Pfund Umsatz.

Während die Regional- und Lokalpresse verkümmert, haben nationale Titel wie „Times“, „Telegraph“ und „Financial Times“ erfolgreich ein neues digitales Geschäftsmodell etabliert. Dank ihrer stark gestiegenen Zahl von Digitalabonnenten erfreuen sie sich wachsender Umsätze und Gewinne. Der „Guardian“ hat ein florierendes Modell mit Spenden der Leser etabliert. Bei den Boulevardzeitungen trennt sich die Spreu vom Weizen: Der einstige Auflagenstar „The Sun“ verliert rapide an Bedeutung und Umsatz. Dagegen hält sich die „Daily Mail“ erfolgreich im Druck und verdient mit ihrer gewaltigen Onlineleserschaft gutes Geld.

Die entscheidende Schlacht um die KI

Lokale und regionale Medien fallen dagegen zunehmend durch den Rost. „Es gibt große Teile des Landes, in denen die Berichterstattung in den Medien jetzt so gering ist wie wahrscheinlich seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert nicht mehr“, sagt Ponsford. Die verbliebenen Zeitungen verfügen nur über eine radikal geschrumpfte Reporterzahl, flächendeckende Berichterstattung wird damit unmöglich. Tiefergehende Recherchen über politische Missstände, die Geld kosten, können diese Medien kaum noch leisten.

Im Frühjahr hat die Labour-Regierung die Gründung eines „Local News Fund“ beschlossen. Zwölf Millionen Pfund soll dieser Fonds über zwei Jahre verteilen, jeweils maximal 125.000 Pfund Förderung für lokale Print- oder Onlinezeitungen, TV- oder Radiostationen. Auch Bürgerinitiativen, die Nachrichtenportale betreiben, dürften Geld bekommen. „Press Gazette“-Chef Ponsford meint, die paar Millionen seien kaum der Rede wert. Theo Bamber vom Zeitungsverlegerverband hält den Fonds zwar für einen „guten Ansatz“, doch die Zukunft der Presse werde anderswo entschieden.

Die Schlüsselfrage wird sein, ob es gelingt, die Digitalriesen Google, Meta und KI-Konzerne wie Open AI dazu zu bewegen, einen Teil ihrer Milliardenumsätze an die Medienverlage abzugeben, die journalistische Inhalte erarbeiten. Ein neues Gesetz, der Digital Markets Competition and Consumer Act von 2024, das vor Kurzem komplett in Kraft getreten ist, soll die Verhandlungsmacht der Verlage gegenüber den Digitalkonzernen, die ihre Inhalte nutzen, stärken. Ob es gelingt, die Digitalkonzerne zum Zahlen zu bringen? Der Chef der „Press Gazette“ ist eher skeptisch: „Google ist sehr gut im Spiel ‚Teile und herrsche‘.“

Die entscheidende Schlacht für die Verlage werde sich um die KI-Antworten mit LLMs (Large Language Models) drehen, die zunehmend Google-Suchabfragen ersetzen. „Wenn sie einen Weg finden, den LLM-Anbietern für den Zugang zu ihren Inhalten etwas zu berechnen, dann ist das vermutlich die beste Hoffnung auf ein nachhaltiges Geschäftsmodell“, meint Ponsford. Auch in anderen Ländern hoffen Verleger darauf.

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