ZDF-Krimi „Mordufer“: Was vom Krimifließband halt so runterfällt

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Kurz vor der Intendantenwahl zeigt uns das ZDF wieder einmal, warum der Fokus auf Marktführerschaft mit der Geringschätzung handwerklicher Kreativität fiktionaler Produktionen hier so umstandslos Hand in Hand läuft. Und zwar in den Sonnenuntergang der Originalität. „Neues“ beschert uns das ZDF fast nur als Krimi. Doch selbst das sogenannte Neue ist nicht neu, sondern mehr vom Gleichen in anderer Klamotte.

„Garmisch-Krimi“: Figuren, wie von der KI erschaffen

Zwei neue Krimireihen zeigen das par excellence. Als eingepreister Samstagshit ist gerade der „Garmisch-Krimi“ mit Lavinia Wilson angelaufen. Die Hauptfiguren wirken wie von KI erschaffen, vor allem Wilsons Rolle der Ex-Polizistin Ira Zach. Sozial inkompatibel, kratzbürstig, eigenwillig, hat sie sich mit ganz Garmisch überworfen, vor allem mit den Kollegen im Präsidium, trägt Schwarz und Sonnenbrille und einen Mantel wie Neo in „Matrix“, fährt Pick-up, hört Hank Williams („Ramblin’ Man“), ist Outlaw-Cowgirl, sorgt sich aber wie narrisch um ihre Tochter, die sich in der Auftaktfolge „Wolfsmord“ mit militanten Wolfsschützern einlässt.

Zachs junge Polizeinachfolgerin (Philine Schmölzer) trägt Pastell, schlürft aus einem Stanley-Cup-Becher mit Glitzerkätzchenmotiv und passt sich an. Ein Traumduo? Mitnichten. Langweilig und vorhersehbar. Der einzige Cowboy, der in der deutschen TV-Krimilandschaft etwas taugt, ist nach wie vor Aljoscha Stadelmann als Frank Koops im Harz („Harter Brocken“, ARD). Bis neulich ermittelten im ZDF übrigens noch die „Garmisch-Cops“.

Der Bodensee musste schon für allerhand die Kulisse abgeben

Schauplatzwechsel im Postkartenkrimi-Fach, an den Bodensee, der auch in der ARD schon für allerhand Ermittlungen herhalten musste (etwa in der Vorabendserie „WaPo Bodensee“ und im 2016 leider eingestellten SWR-„Tatort“ mit Eva Mattes und Sebastian Bezzel). Seit 2014 zeigt das ZDF von hier „Die Toten vom Bodensee“, jetzt gesellt sich der Freitagskrimi „Mordufer“ mit vorerst vier Folgen hinzu.

Das Drehbuch von Regine Bielefeldt, Mariann Kaiser und Boris Dennulat sieht Überlingen als Schauplatz vor. Das Rezept ist dasselbe wie stets: Drohnenaufnahmen und Landschaftsbilder vom See und Umgebung, zügige Ermittlungen, ein Twist am Schluss, zwei sympathische Polizistinnen, die von Habitus und Lebensumständen her unterschiedlicher nicht sein könnten, doch fix das Potential ihrer Zusammenarbeit erkennen – so sieht der Markenkern des ZDF aus.

Gerichtsmediziner Gregor Eisen (Ronald Kukulies) mit den Kommissarinnen Doro Beitinger (Franziska Weisz, M.) und Chiara Locatelli (Maria Wördemann) am Tatort am Ufer des Bodensees.Gerichtsmediziner Gregor Eisen (Ronald Kukulies) mit den Kommissarinnen Doro Beitinger (Franziska Weisz, M.) und Chiara Locatelli (Maria Wördemann) am Tatort am Ufer des Bodensees.ZDF/Patrick Pfeiffer

Es geht zu wie bei „Der Kommissar“ oder „Ein Fall für zwei“, nur in der weiblichen Variante: Oberkommissarin Doro Beitinger (Franziska Weisz) kehrt nach 15 Jahren Eltern- und Mutter-Pflegezeit zur Polizei in Überlingen zurück, kennt alle und jeden, hat Familie und entsprechende Verpflichtungen, führt aber alles in allem ein entspanntes Leben. Sie soll den Typ erfolgreiche Berufsrückkehrerin darstellen. Nichts läge dieser kümmernden, patenten und professionellen Person ferner als Lifestyle-Teilzeit. Die neue Kollegin Chiara Locatelli (Maria Wördemann) hat sich gerade aus Duisburg an den Bodensee versetzen lassen, ist viel jünger, aber ranghöher, fremd vor Ort, ein wenig einsam. Beide lassen sich kein X für ein U vormachen, schon gar nicht vom eigentlich netten Chef (Ralf Bauer), können aber supergut mit den Leuten vom Zoll, was sich als nützlich erweist.

Die Fälle sind – na ja. In der Premierenfolge findet sich die verbrannte Leiche der Chefin einer Schönheitsklinik und soll man einiges über Zugewinnregelungen im Scheidungsfall lernen. In der zweiten Folge gibt es die Wasserleiche eines jungen Mannes, der im Lotto 35 Millionen gewonnen hatte und mit dem vielen Geld sehr unglücklich wurde. In weiteren Ausgaben geht es um ein Rüstungsunternehmen und ein Weingut. All das wird begleitet von einem penetranten Soundtrack von der Spotify-Playlist. Wer freitags ohnehin ZDF-Krimis guckt, findet die „neue“ Reihe vermutlich okay.

Mordufer startet am Freitag um 20.15 Uhr im ZDF und läuft im ZDF-Stream.

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