Städel wird umstrukturiert: „Auf die Frankfurter Bürger ist immer Verlass“

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Herr Demandt, mit dem Städel und dem Liebieghaus führen Sie zwei der bekanntesten Kunstmuseen Deutschlands. Ihren Häusern scheint es ausweislich der Besucherzahlen sehr gut zu gehen. Und doch treten Sie jetzt mit einem Aufruf um Zustiftungen an die Öffentlichkeit. Warum?

Weil sich die Welt rasant verändert und wir diesen Wandel selbstbestimmt gestalten wollen. Das Städel Museum hat großen Zuspruch auf allen Ebenen, aber in der Tat halten sich Erfolg und Herausforderungen schon lange die Waage. Wir können nicht nur Vergangenes bewahren, sondern müssen entschieden in die Zukunft schauen. Und dazu gehört der Erhalt unserer Unabhängigkeit ebenso wie die nötige Finanzkraft für unsere Existenz. Beides geht Hand in Hand. Und deswegen planen wir, unser Stiftungskapital signifikant zu erhöhen, also ein Endowment aufzubauen. Mit vereinten Kräften.

Wie stellt sich die Ausgangslage denn derzeit konkret dar?

Das Städel ist ein geschätztes Haus. Was aber kaum bekannt ist: Wir sind kein staatliches oder städtisches Museum, sondern eine private, gemeinnützige Stiftung. Und das seit über zweihundert Jahren. Unser Stiftungsvermögen besteht aus einer herausragenden Sammlung und einer ebenso prominenten wie kostenintensiven Immobile. Das ist nicht wenig, aber es braucht ein dauerhaft stabiles Fundament an Kapital. Daran bauen wir jetzt.

Wie finanziert sich das Städel aktuell?

Etwa 15 Prozent unseres jährlichen Budgets kommen von Stadt und Land, wofür wir dankbar sind. Zu unglaublichen 85 Prozent aber werden wir von bürgerschaftlichem Engagement finanziert. Die Stützen des Hauses sind unsere Besucher und die über 10.000 Mitglieder unseres Fördervereins sowie private Mäzene. Stiftungen und Unternehmen helfen sehr, die großen Finanzinstitute oder BMW ebenso wie die Deutsche Börse oder der Frankfurter Flughafen. Ein so herausragendes Bekenntnis trägt und prägt. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass eine solche Finanzierung mit „sportlich“ sehr freundlich umschrieben ist. Und der Spagat wird immer größer.

Eine solche finanzielle Konstruktion erinnert eher an amerikanische Museen wie das Metropolitan oder die Frick Collection in New York . . .

In der Tat werden wir oft mit Museen in den USA verglichen. Die großen Museen dort besitzen schon lange Endowments, also Grundstockvermögen. Solche Rücklagen werden sicher und hochprofessionell angelegt und leisten über ihre Erträge einen maßgeblichen Beitrag zum Überleben der Institutionen. Ähnliches planen wir auch. Alle Zustiftungen an das Städel sind von Rechts wegen unveräußerlich, aber ihre Zinsen und Dividenden sollen mittelfristig eine weitere Säule unserer Finanzierung werden. Und langfristig womöglich eine tragende. Wir sind in engem Austausch mit unseren amerikanischen Kollegen, die durch politisch unruhige Zeiten gehen. Je größer der finanzielle Grundstock, desto höher ist die Resilienz.

Das Städel hat eine umfassende interne Transformation hinter sich, über die Sie aber öffentlich nie gesprochen haben. Warum nicht?

Nun, Veränderung sollte immer bei sich selbst beginnen. Erst dann kann man Wünsche an andere formulieren. Wir haben alle Kosten und Strukturen auf den Prüfstand gestellt und uns klargemacht: Was sind unsere Stärken? Was unsere Schwächen? Welche Risiken sehen wir? Und welche Chancen? Hierauf haben wir nicht nur das Ziel eines Endowments formuliert und die administrativen Grundlagen dafür geschaffen, sondern uns auch unserer Haltung vergewissert.

Haltungs- und Finanzierungsfragen treiben gerade viele Kulturinstitutionen um. Welche Antworten haben Sie für das Städel gefunden?

Wir am Städel sehen, dass Offenheit und Freiheit zentrale Werte für uns sind. Offenheit für möglichst viele Menschen, Offenheit aber auch für Veränderungen. Und Freiheit ist für ein Haus wie unseres fundamental, mit unserer Geschichte zumal. Wir verdanken unsere Institution der Vision von Johann Friedrich Städel, ein Kind der Aufklärung, ein Humanist und ein Bürger, wie er im Buche steht. Städel war der Überzeugung, dass Kunst Horizonte eröffnet und das Leben bereichert. Aus diesem Grund sollte sein Museum für alle sein. Und es sollte sich zugleich fortwährend wandeln. Das gibt also den Weg vor.

Heute erscheinen diese Gedanken äußerst aktuell. Wahrscheinlich, weil sie so unter Beschuss geraten sind?

Einschläge auf die Kunstfreiheit kommen ebenso näher wie globale Krisen, und das keineswegs nur aus einer Richtung. Geschichtsvergessene Moralisierung, ideologischer Aktivismus und politischer Populismus treiben Kunst und Kultur geradewegs in die Sackgasse von Opportunismus und Selbstzensur. In unseren Augen sind Unabhängigkeit und Verstandesgemäßheit hohe Güter, für die wir uns gemeinsam engagieren wollen, im Städel und über das Städel hinaus.

Wie hoch sind Ihre Endowment-Ziele genau? Verraten Sie Zahlen?

Unser Etappenziel in den kommenden Jahren sind hundert Millionen Euro. Die Erträge daraus entsprächen in etwa dem zusätzlichen Finanzbedarf. Aktuelle Zuwendungen für das Endowment kommen über Stiftungen, Privatpersonen sowie unseren Förderverein, der unsere Kampagne aktiv unterstützt. Über zehn Millionen Euro sind bereits zusammengekommen. Und eine schöne Gewissheit haben wir schon jetzt: Mindestens ein Viertel der genannten Summe wird uns in den kommenden Jahren über Vermächtnisse erreichen, darunter sind auch Immobilien. Solche Zusagen kommen von langjährigen Besuchern, die dem Haus eng verbunden sind und „ihr Städel“ erhalten wissen wollen. Uns berührt das sehr. Und es rührt an unsere Gründungsgeschichte, schließlich hat ja alles mit dem Testament von Johann Friedrich Städel angefangen.

Der Kulturbereich kämpft mit Kürzungen. Nun wird das Städel zum Vorbild für Neues. Kann man Ihre Pläne aber überhaupt auf andere Museen übertragen?

Wir alle sind aufgefordert, neue Lösungen zu finden und diese beherzt umzusetzen. Und wir teilen unsere Erfahrungen gerne. Andernorts müssen Initiative, Strukturen und Rahmenbedingungen stimmen, und dazu sind kreative Hausleitungen ebenso gefragt wie weitsichtige Politik. Und doch würde ich das Beispiel des Städel Museums nicht überstrapazieren. Stadt und Region sind schon ein besonderes Pflaster. Auf die Frankfurter Bürger ist immer Verlass.

Vor wenigen Stunden haben Sie den Auftakt Ihrer Kampagne auf einem Gala-Abend im Städel bekannt gegeben. Wie geht es jetzt weiter?

Wir haben begonnen, mit wichtigen Wegbegleitern zu sprechen, und allen ist klar: Das Endowment ist eine historische Aufgabe und ein Wendepunkt. Daher erfahren wir große Unterstützung. Ab jetzt ist jeder eingeladen, sich zu beteiligen. Heute die Zeichen der Zeit erkannt und die richtigen Weichen für morgen gestellt zu haben, das wäre für mich die schönste Botschaft an die Gegenwart wie für die Zukunft.

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