Nach der Hitzewelle Ende Juni drohen nun erneut hohe Temperaturen. Das Robert Koch-Institut geht von Tausenden Hitzetoten aus. Für die Aussagekraft dieser Statistik ist vor allem ein Faktor relevant.
Noch sterben in Europa mehr Menschen durch Kälte als durch Hitze. Doch das könnte sich mit der Klimaerwärmung schnell ändern. Das Robert-Koch-Institut (RKI) weist in seinem aktuellen Wochenbericht für das erste Halbjahr 2026 in Deutschland rund 5100 Hitzetote aus. Das sind fast doppelt so viele wie jeweils in den drei Jahren seit 2023, als mit der systematischen Veröffentlichung dieser Statistik begonnen wurde.
Allein an den besonders heißen Tagen vom 22. bis 28. Juni starben demnach mehr als 4300 Menschen hitzebedingt. Das Statistische Bundesamt geht in dieser Woche vorläufig sogar von rund 5500 zusätzlichen Sterbefällen aus. Die Zahl der Todesfälle insgesamt liegt in dieser Hitzewoche damit auf einem Niveau, das sonst nur in den Wintermonaten auftritt, wenn Infektionskrankheiten wie die Influenza viele Opfer fordern.
Der Juni 2026 war dem Deutschen Wetterdienst (DWD) zufolge der zweitwärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, nur 2019 war es noch wärmer. Speziell die Hitzewelle Ende Juni zeigte mehrere Extreme.
So wurden mehrfach Temperaturen von 41 Grad registriert, der gemessene Rekord lag bei 41,7 Grad. Die sogenannte Wochenmitteltemperatur betrug 26,4 Grad. Bereits ab 20 Grad ist mit höheren Sterblichkeitswerten zu rechnen. Rund 80 Prozent der Hitzetoten waren älter als 75, die meisten sogar älter als 85.
Statistiken zeigen, dass nach einer Hitzewelle die Sterbezahlen etwas zurückgehen. Das ist auf die sogenannten „vorgezogenen Sterbefälle“ zurückzuführen, das Phänomen nennt sich „Mortality Displacement“. Es versterben sehr alte und sehr kranke Menschen, die vermutlich auch unter normalen Temperaturen in den nächsten Tagen oder Wochen verstorben wären. Es wird sich zeigen, wie groß die „Delle“ in der statistischen Kurve der Sterbefälle nach dem „Peak“ während der Hitzewelle tatsächlich ist.
Umwelt-Epidemiologin Veronika Huber vom Institut des Spanischen Nationalen Forschungsrats in Sevilla beschreibt diesen Effekt der vorgezogenen Sterbefälle jedoch als „sehr gering“.
Huber verweist auf längerfristige Studien und spricht von einem „signifikanten Verlust“ an Lebensjahren. „Die meisten Hitzetoten haben mindestens ein Jahr Lebenszeit verloren“, sagte Huber im Gespräch mit WELT. Die jüngste Hitzewelle in Deutschland machte deutlich, dass die hitzebedingte Mortalität auch jüngere Menschen betrifft. Knapp 300 Hitzetote waren noch nicht einmal 65 Jahre alt.
In Deutschland sterben im Jahr durchschnittlich etwa eine Million Menschen. Starke Hitzejahre hatten nach Schätzungen des RKI bislang rund 10.000 vorzeitige Todesfälle verursacht. Das ist insgesamt ein eher kleiner Anteil an sämtlichen Todesursachen. Doch eine Hitzewelle wie in der letzten Juniwoche könnte angesichts des Klimawandels in den kommenden Jahren häufiger auftreten. Und Huber sieht daher die Notwendigkeit, die Anpassung an ein solches Extremwetter ernst zu nehmen.
Kälteräume auch für die Nacht
Im Vergleich zu Spanien, wo Huber seit Jahren lebt, ist Deutschland noch zu wenig auf lange und extreme Hitzewellen vorbereitet. Zu den notwendigen Maßnahmen gehören unter anderem Kälteräume, die auch in der Nacht geöffnet sind. Krankenhäuser und Pflegeheime müssten konsequent mit Klimaanlagen ausgerüstet werden.
Grünanlagen oder begrünte Dächer und Fassaden in der Stadt haben eine kühlende Wirkung. Spanien sei da zwar weiter, so Huber: „Aber wenn hier die Temperaturen plötzlich fünf Grad über dem langjährigen Durchschnitt liegen, haben wir auch Probleme mit der Hitze.“
Auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace appelliert angesichts der steigenden Zahl von Hitzetoten an Städte und Gemeinden, ihre Bewohner besser vor Hitze zu schützen: „Hitze ist ein stiller Killer. Nur weil das Leid unsichtbar ist, darf die Politik nicht untätig bleiben.“ Professor Axel Timpe vom Institut für Landschaftsarchitektur der Universität Aachen verweist auf die „3-30-300-Regel“.
„Jeder sollte beim Blick aus dem Fenster drei Bäume sehen. In einem Wohnquartier sollten 30 Prozent der Grundfläche von Baumkronen überdeckt sein. Und niemand sollte mehr als 300 Meter bis zum nächsten Park zurücklegen müssen“, erklärt Timpe. Das sei zwar zunächst einmal „nur eine knackige Formel“, aber sie zeige, dass bestimmte Voraussetzungen die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen steigerten.
Hitze führt aber nicht nur zu vorzeitigen Todesfällen. Epidemiologin Alexandra Schneider, die sich am Helmholtz Zentrum München mit Umwelteinflüssen bei der Entstehung von Krankheiten beschäftigt, hält es für notwendig, auch auf hitzebedingte Krankheiten zu schauen.
Anhand des Herzinfarkt-Registers in Augsburg wies sie nach, dass während Hitzewellen mehr Herzinfarkt-Patienten in Kliniken eingeliefert werden. „Die Zahl der Herzinfarkte steigt mit der Temperatur“, sagte Schneider im Gespräch mit WELT. Problematisch sei vor allem auch die nächtliche Hitzebelastung.
„Am Morgen nach Tropennächten mit mehr als 20 Grad treten vermehrt Schlaganfälle auf“, so Schneider. Auch das habe sie mit Kollegen in einer Studie nachweisen können. Insgesamt müsse der Einfluss von Hitze auf die Morbidität noch intensiver untersucht werden.
mit dpa

vor 1 Stunde
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