Virtuelles Konzert: Die Noten schweben magisch im Raum

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Herrlich, die Victoria Hall in Genf! Gebaut in den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts im Auftrag eines britischen Konsuls, benannt zu Ehren seiner Königin in der fernen Heimat. Der Saal ist bis heute einer der prunkvollsten der Welt, ein übertriebenes Monument des satten Neobarocks, als Europas Kriege noch fern waren. Was hier nicht mit Blattgold überzogen ist, hat man vermutlich schlicht übersehen. Oder es besteht aus rotem Samt.

Unter all den Putten, Löwen und Frauenfiguren kann man sich in aller Ruhe umsehen – gleich nach dem Start des Programms „Virtual Hall“. Das ist eine neue Software für die VR-Brille Meta Quest. Kein Game, keine Action. Einfach nur ein Besuch in einer schönen mittelgroßen Konzerthalle. Und sie sieht wirklich gut aus, überhaupt nicht verpixelt. Wenn man weiterklickt, kommt das Orchester auch schon auf die Bühne. Gleich wird es spielen.

Ein kleiner Massenmarkt

Ein Konzerterlebnis in der VR-Brille: Das ist erstaunlich, denn die sogenannte Hochkultur findet in der virtuellen Welt bisher nicht statt. Dabei sind die VR-Brillen technisch gesehen ein interessantes Medium geworden. Setzt man sie auf, ist die Illusion heute ziemlich perfekt, an einem ganz anderen Ort zu sein. Man kann sich umsehen, umdrehen, der Sound kommt aus den Kopfbügeln, alles wirkt sehr echt. Trotzdem freut sich überhaupt niemand so recht darüber. Media Markt und andere haben die Meta Quest 3, die derzeit beste Brille, mit Wucht ins Weihnachtsgeschäft geworfen. Es gibt keine klaren Angaben, aber rund fünf Millionen sollen weltweit verkauft sein, davon weniger als ein Fünftel in Europa. Das ist nicht überwältigend, aber ein kleiner Massenmarkt ist das schon.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Bloß weiß die VR-Kundschaft bisher selbst nicht so genau, was mit der Brille anzufangen sei. Es gibt etliche albern bunte Casinoanwendungen, man kann am virtuellen Strand rumhängen und sicherlich auch Pornoclips ansehen (so etwas ist bei neuen Technologien ja immer als Erstes dabei). Unter den VR-Games gab es auch schon ein paar Hits, „Batman Arkham Shadow“ war einer, wer möchte nicht einmal nach Gotham City? Oder „Thief VR“, da schleicht man durch Gärten und Schlösser und beklaut die Reichen. Oder das kleine polnische Game „Superhot“, bei dem die Zeit stillsteht, wenn man sich nicht bewegt.

Trotzdem, wenn nur circa ein hervorragendes Spiel pro Jahr erscheint, ist auf Verbraucherseite schon fraglich, ob wirklich eine Brille für 550 Euro hermuss. Kein Wunder, dass Mark Zuckerberg sein VR-Metaverse gerade stillschweigend abwickelt. Noch vor fünf Jahren war es der Grund, den Konzern in „Meta“ umzubenennen, dies Frühjahr stirbt es wieder. Die VR-Arbeitsräume sind schon weg, im Juni folgt die 3D-Welt „Horizon Worlds“. Die Techmagazine reden vom größten Flop der Digitalgeschichte. Alles nur, weil die Menschen einfach keinen Grund sahen, die virtuelle Welt zu betreten.

Auf dem Programm: Beethovens dritte Sinfonie

Aber jetzt kommt ja die virtuelle Konzerthalle! Und da steht als Erstes ein wahrer Klassiker auf dem Programm: Beethovens dritte Sinfonie, die Eroica. Ein Werk, das man gar nicht oft genug hören kann. Das Besondere der VR-Anwendung ist nun, dass wir Rezipienten mitten im Orchester sitzen. Wo genau, kann man sich aussuchen und auch mitten im Konzert immer wieder verändern. Neben den ersten Violinen? Oder doch ganz hinten bei den Pauken? Die schönste Position ist direkt vor dem Pult, dort kann man sich dann umdrehen (wir sind ja in der VR, eine Begrenzung wie einen Bildschirmrand gibt es nicht) und sieht dann das Orchester so wie der Dirigent. Das ist eine Erfahrung, die es so tatsächlich noch nie gab.

Es spielt das Orchestre de la Suisse Romande, das führende Ensemble der französischen Schweiz, am besagten Pult steht der Musikdirektor und künstlerische Leiter des Hauses, der Engländer Jonathan Nott. Die „VR Concert Hall“ ist ein Projekt dieses umtriebigen Orchesters, sie wurde gemeinsam mit der Schweizer Techfirma Cybel’Art entwickelt. Die App ist gratis, die einzelnen Konzerte kosten je einen Euro.

Die „VR Concert Hall“ wurde gemeinsam mit der Schweizer Techfirma Cybel’Art entwickelt.Die „VR Concert Hall“ wurde gemeinsam mit der Schweizer Techfirma Cybel’Art entwickelt.OSR

Zurzeit gibt es Rossinis Ouvertüre zu „Wilhelm Tell“, Prokofjews sinfonisches Märchen „Peter und der Wolf“ und die bereits erwähnte Sinfonie von Beethoven. Die Stücke wurden in der Victoria Hall aufgenommen (leider ohne Publikum, der Saal liegt im Dunkeln), und dabei waren an verschiedenen Stellen sogenannte 360-Grad-Kameras aufgestellt. Das sind nun genau die Punkte, von denen aus man das Konzert verfolgen kann. Sie liegen alle mitten im Orchester. Dass man im Zuschauerbereich sitzt, ist gar nicht vorgesehen. Wäre ja auch nichts Neues.

Die Macher der „Virtual Hall“ wollen diese Aufnahmetechnik auch anderen Orchestern anbieten, wollen am liebsten das „Netflix der Klassik“ werden. Dann könnte es in dieser App etliche Konzerte in verschiedenen Sälen geben. Das ist hoch gegriffen. Aber die Schweizer fühlen sich beflügelt von ihrer Tradition, sie haben 1954 eine der frühen kommerziellen Stereoaufnahmen als Sinfonieorchester gemacht. Damals war es allerdings einfacher, die Technik der Zukunft fehlerfrei auszuprobieren: Die berühmte Einspielung verschiedener Werke unter dem Dirigenten Ernest Ansermet ist heute noch verfügbar, sie ist etwas arm an Bass, etwas eng im Stereospektrum, aber sehr gut hörbar.

In der VR dagegen hakt es nun noch manchmal. So kann man sich in der „Virtual Hall“ die Partitur anzeigen lassen, die dann wie ein magisches Buch vor einem im Raum schwebt. Ein wandernder Strich zeigt an, wo das Orchester gerade ist. Phantastisch für Experten und sowieso für alle, die Musik oder Musikwissenschaften studieren.

Der Sound bleibt immer gleich, egal wo man sitzt

Aber warum ist die Partitur invertiert, weiß auf schwarz? Und warum so klein, dass man sie kaum erkennt? Es ist unmöglich, die Größe anzupassen. Und: Der Sound bleibt immer gleich, egal wo man sitzt. Das soll künftig anders werden, sodass die Ohren auch wirklich mitwandern, mal die Bläser lauter hören als den Rest (weil man eben neben ihnen sitzt), mal die einzelnen Geigenstimmen. Es wäre großartig, funktioniert aber bisher nicht. Und wenn man den Kopf dreht, ändert der Sound sich auch nicht – das ist in VR-Videospielen inzwischen eigentlich selbstverständlich.

Selbst wenn das alles vielleicht noch kommt, bleibt die Frage: warum? Man kann doch in die Philharmonien fahren. Eine Antwort wäre immer: Nicht alle können. Wer krank ist, zu viel arbeitet oder im Hunsrück wohnt, könnte mit der VR-Brille eine Art Konzerterlebnis bekommen, das sonst nicht leicht zugänglich ist. Und vermutlich würde man auch viel dafür geben, neben Leonard Bernstein stehend zu beobachten, wie der Meister Mahlers Achte dirigiert. Wenn es davon eine solche VR-Aufnahme gäbe.

Für Fans schon ein kleines Wunder

Schon jetzt ist klar, das Erlebnis erzeugt eine gewisse angenehme Ruhe, der Saal ist imposant, die Stimmung andächtig, wie schön, dass man auch zusehen muss, wie das Orchester langsam auf die Bühne kommt. Die großen Momente der Erwartung, die ein Konzertbesuch ausmachen, sind also angedeutet. Man darf das trotzdem nicht mit dem Gefühl verwechseln, wirklich in einem großen Konzertsaal zu sitzen.

Der Schriftsteller William Gibson, der den Cyberspace für seinen Roman „Neuromancer“ 1984 erfand, schrieb dort einmal, dass „die Cyberspace-Matrix eigentlich eine drastische Vereinfachung der menschlichen Sinneswahrnehmung“ sei – und macht seinen Protagonisten dann trotzdem süchtig danach. Jetzt, wo die virtuelle Erfahrung erstmals wirklich da ist, ist sie eben auch widersprüchlich: Irgendwas fehlt. Aber Beethovens Eroica einmal so zu hören, ist andererseits für Fans schon ein kleines Wunder.

„Virtual Hall“ ist verfügbar für die VR-Brillen Meta Quest, Pico und demnächst Apple Vision Pro. Die App ist kostenlos, die Konzerte kosten je einen Euro.

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