Venezuela: „María Corina wird nach Venezuela kommen!“

vor 2 Stunden 1

Am Freitag vor einer Woche startete eine Privatmaschine vom Regionalflughafen Manassas am Rande von Washington. An Bord: María Corina Machado, die Friedensnobelpreisträgerin aus Venezuela, seit acht Monaten im Exil in den USA. Das Ziel: Curaçao. Über die Insel in der Karibik war sie am 9. Dezember in die Vereinigten Staaten geflüchtet, erst in einem Segelboot, dann in einem Jet. Auf dem geplanten Rückweg allerdings drehte die zweistrahlige Hawker 800 nun über North Carolina um und flog zurück nach Virginia.

Die Passagierin, so berichtet es das Wall Street Journal, war überrascht. Die Erlaubnis für Route und Landung in Curaçao soll doch erteilt gewesen sein, trotz ihres abgelaufenen Passes. Sie schrieb dem US-Außenministerium, aber ihr Kontakt dort konnte offenbar auch nicht sagen, warum die Reise abgebrochen worden war. Tags darauf erklärte ihr Außenminister Marco Rubio laut des Berichts, dass sie geduldig sein solle und eine verfrühte Rückkehr riskant sein könne.

Machado will wieder zurück nach Venezuela, wo sie sich vor ihrer Flucht lange versteckt hatte. Als Oppositionsführerin war sie von der Wahl 2024 ausgeschlossen worden, aber Anfang Januar 2026 schien der Weg an die Macht freizuwerden: Ein amerikanisches Spezialkommando verschleppte den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und dessene Frau Cília Flores in ein New Yorker Gefängnis; dem Ehepaar wird von der US-Justiz Drogenhandel vorgeworfen. Maduros Nachfolge übernahm seine Vize Delcy Rodríguez, mit Unterstützung von Donald Trump, doch Machado hält sie für keine legitime Präsidentin und verlangt rasche Neuwahlen. Außerdem haben kürzlich zwei Erdbeben Venezuela erschüttert und mehr als 1700 Menschen getötet.

„Ich bin bereit und Venezuela nahe“, erklärte Machado auf der Plattform X, nachdem sie in Panama gestrandet war

Am Sonntag also versuchte es die weltweit wohl bekannteste Venezolanerin erneut. Diesmal probierte sie es mit Zwischenstopp in Panama, von wo aus es mit einer kommerziellen Fluglinie weiter nach Caracas gehen sollte. Aber Copa Airlines nahm sie nicht mit – anscheinend aus Sorge, dass die venezolanischen Behörden die Fluggesellschaft danach nicht mehr ins Land fliegen lassen würden. Aus Panama veröffentlichte die gestrandete Machado ein Video auf der Plattform X und erklärte ihren Landsleuten, dass das Regime in Venezuela den Luftraum für sie gesperrt habe und sie nicht ins Land lasse. Trotzdem könne sie ihre Heimkehr angesichts der Katastrophe nicht weiter verschieben: „Ich bin bereit und Venezuela nahe.“

Wie nahe? Machado unterschätzt möglicherweise, wie gut sich Trump und Rubio mit der von ihr verhassten Rodríguez verstehen. Sie selbst dagegen scheint die beiden zunehmend zu nerven. Im Dezember hatte sie dem US-Präsidenten noch feierlich ihren Nobelpreis gewidmet, doch jetzt kommen aus dem State Department solche Sätze: Dies sei „unnötiges Drama“, zitiert das Nachrichtenportal Axios anonyme Beamte dort. „Das ist politischer Opportunismus und einfach grotesk.“ Sie wollen sich „bei der Verteilung unserer Hilfsgüter fotografieren lassen. Hier geht es um ihre eigenen Interessen“.

„Die Regierung befürchtet, dass die Anwesenheit von Frau Machado eine Revolution auslösen könnte“, sagt der Politikwissenschaftler

In den vergangenen Wochen machte Machado demnach fleißig Lobbyarbeit in Washington und auch bei Republikanern in Florida, um Unterstützung für ihr Comeback zu bekommen. Zu viel wurde es dem Weißen Haus und dem Außenministerium offenbar, als sie bei der schleppenden Verteilung der Hilfsgüter mitreden wollte. Denn seit Januar hat sich auch gezeigt, dass die US-Regierung weniger an Demokratie als an guten Ölgeschäften in Venezuela interessiert ist. US-Präsident Donald Trump wolle daher nach dem Erdbeben keine weitere Unruhe im Land.

Nach Einschätzung von Benigno Alarcón wäre Unruhe noch das friedlichste Szenario bei einer Rückkehr der Oppositionsführerin. „Die Regierung befürchtet, dass die Anwesenheit von Frau Machado eine Revolution auslösen könnte. Dies gilt auch für die US-Regierung, deren Hauptanliegen die Stabilität in Venezuela ist“, sagt der venezolanische Politikwissenschaftler. „Sollte sie ins Land einreisen, wäre das Risiko für die Regierung, die Kontrolle über Venezuela zu verlieren, sehr hoch.“

Denn das Regime in Caracas hatte trotz des Wechsels an der Spitze von jeher nur noch wenig Kredit bei der Bevölkerung. Nicht nur, dass Interimspräsidentin Delcy Rodríguez bereits unter Nicolás Maduro dessen Stellvertreterin war – jemand wie Innenminister Diosdado Cabello, verantwortlich für die Internierung Andersdenkender im Land, ist einfach im Amt geblieben. Das Agieren der Regierung nach dem Erdbeben vor gut zwei Wochen erscheint vielen Venezolanern jetzt Beleg für die Inkompetenz der Regierung zu sein: In den ersten 24 Stunden nach den fatalen Beben ist nach Angaben vieler Augenzeugen staatliche Hilfe komplett ausgeblieben. Stattdessen wurden Polizisten und Militärs dabei beobachtet, wie sie zerstörte Häuser plünderten.

Die Anwesenheit von Machado in Venezuela wäre in dieser Stimmung umso riskanter für das Regime, da sie in der Bevölkerung nach wie vor äußerst populär zu sein scheint. Benigno: „Frau Machado ist eindeutig die beliebteste Politikerin unter den Venezolanern.“ Nach Latam Pulse, einer als zuverlässig eingeschätzten Umfrage, haben 53 Prozent der Befragten ein positives Bild von Machado – mehr als von Donald Trump (50 Prozent) und weit mehr als von Präsidentin Rodríguez (23 Prozent). Die Daten stammen aus dem Juni und werden sich nach dem Erdbeben für die Regierungsmitglieder kaum gebessert haben.

Bemerkenswert bei dieser Umfrage ist aber vor allem, dass Machado im Ansehen auch weit vor allen anderen Oppositionellen in Venezuela liegt. Protagonisten wie Juan Guaidó oder Henrique Capriles kommen gerade einmal auf Zustimmungsraten von sechs beziehungsweise vier Prozent. „Das Symbol für den Kampf ist María Corina“, sagt Henry Alviárez. Der 58-jährige Anwalt ist so etwas wie der Statthalter Machados in Venezuela. Er leitet die gemeinsame Bewegung „Vente Venezuela“ und steht in ständigem Kontakt mit der Oppositionsführerin.

Ihre Forderung sei sehr einfach, sagt Alviárez: Vorbereitung von Wahlen, damit Venezuela endlich wieder eine von den Venezolanern legitimierte Regierung bekomme. Denn spätestens mit dem Erdbeben habe sich gezeigt, „das Chaos nennt sich Delcy Rodríguez“. Machado hingegen würde das Land stabilisieren, meint Alviarez. „María Corina wird nach Venezuela kommen! Daran gibt es keinen Zweifel.“

US-Außenminister Marco Rubio sei mit seiner Geduld am Ende, sagt ein US-Offizieller

Entscheidend dafür wird sein, wie sich die USA verhalten. Der Politologe Benigno Alarcón glaubt, es könne eine Situation entstehen, in der die US-Regierung kaum mehr zu dem Regime in Caracas würde halten können. „Ohne eine legitime Regierung in Caracas könnte es zu einem Punkt kommen, an dem diese Militär oder polizeiliche Repressionen einsetzen muss, um die Ordnung im Land aufrechtzuerhalten“, sagt Alarcón. Die USA müssten sich dann fragen, ob sie das unterstützen wollen. Sollten sie das tun, bekäme die US-Regierung auch erhebliche Schwierigkeiten in der eigenen Partei. Machado ist schließlich gut vernetzt bei den Republikanern.

Das weiß auch Marco Rubio. Der US-Außenminister sei mit seiner Geduld am Ende, sagte ein US-Offizieller dem Portal Axios noch. Sie müsse geduldig sein, fordere Rubio. Aber das sei Machado nicht – „und das treibt ihn in den Wahnsinn“.

Gesamten Artikel lesen